Fairtrade macht satt

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Geschrieben von: Bernhard Herold, Max Havelaar (Schweiz) 19.10.10
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Wenn Kleinbauern im Weltsüden zu Unternehmern werden, investieren sie zuerst in den Ausbau der Infrastruktur und in verbesserte Anbaumethoden. Fairtrade zeigt, wie es gelingen kann, die Lebenssituation von Kleinbauern zu verbessern und damit dem Welthunger den Kampf anzusagen.

Mitte September erreichte uns eine gute Nachricht der FAO: Die Zahl der hungernden Menschen auf der Welt hat zum ersten Mal seit 15 Jahren abgenommen. Doch die schlechte Nachricht kam im selben Satz: Noch immer hungern weltweit mehr als 925 Millionen Menschen und alle sechs Sekunden stirbt ein Kind im Zusammenhang mit Unterernährung. Der Klimawandel und die stetig wachsende Bevölkerung werden diese Situation verschärfen. Eine Herausforderung, die mit dem Dokumentarfilm „Seed Warriors“ derzeit auch in den Schweizer Kinos thematisiert wird. Die Botschaft des Films ist klar: Es ist höchste Zeit, jetzt und heute mehr gegen den Welthunger zu unternehmen. Dies ist auch das Fazit des Ende September 2010 zu Ende gegangenen UNO-Gipfels zu den Millenniums-Entwicklungszielen (MDGs): Fakt ist, dass keines der MDG-Ziele erreicht werden wird, wenn in den kommenden Jahren nicht eine entscheidende Kehrtwende erfolgt. Angesichts dieser ernüchternden Zwischenbilanz wird dem Hunger auf der Welt den Kampf angesagt: Nicht nur der Uno-Gipfel auch der FAO2 Welternährungstag am 16. Oktober, will auf die dramatische Situation aufmerksam machen.

Fair handeln statt ohnmächtig zusehen. Angesichts dieser Zahlen reagieren viele Menschen in wohlhabenden Ländern mit einem Gefühl von Ohnmacht, Resignation oder mit einem schlechten Gewissen. Fairtrade Max Havelaar möchte hier eine Brücke schlagen und Handlungsmöglichkeiten für die Konsumenten und Handelspartner im wohlhabenden Norden aufzeigen.

Fairtrade verhilft den Kleinbauern im Weltsüden zu einer stabileren Lebensgrundlage mit Hilfe der zwei ökonomischen Säulen Fairtrade-Mindestpreis und –Prämie sowie mit langfristigen Handelskontakten. Da sich die Rohstoffpreise in diesen Tagen auf einem hohen Niveau bewegen, ist es, ökonomisch gesehen, derzeit die Fairtrade-Prämie, die innerhalb von Fairtrade die grösste Auswirkung auf die Bekämpfung der Armut und des Hungers im Weltsüden hat.

Den Kleinbauern eine Stimme geben

Die Kleinbauern einer Fairtrade-zertifizierten Kooperative entscheiden selbständig darüber, wie sie das Fairtrade-Prämiengeld investieren wollen, das sie über die Verkäufe ihrer Produkte generieren. Die Prämienbeiträge lagen 2008 gemäss neusten Angaben der FLO (2010) durchschnittlich bei 61‘000 Euro pro Produzentenorganisation. Die demokratisch geführten Mitglieder-Versammlungen laufen in den verschiedenen Ländern gemäss unterschiedlichen kulturellen Mustern ab. Während die Kakaobauern in Ecuador gerade darüber diskutieren, den Posten für die Überbrückungskredite für arme Mitglieder zu erhöhen, haben die Reisbauern in Indien vielleicht soeben einen Entschluss für ein neues Bewässerungsprojekt gefällt. Am Schluss der Versammlungen werden die Dokumente mit Unterschriften oder mit einem Fingerabdruck beglaubigt. Demokratisch geführte Zusammenkünfte sind in vielen Entwicklungsländern alles andere als selbstverständlich. Jeder Bauer, der zu einer Versammlung eingeladen wird, ist erstens stolz darauf, Mitglied einer Gemeinschaft zu sein, die an den Welthandel angeschlossen ist, zweitens lernt er, sich eine Meinung zu bilden und diese öffentlich zu vertreten, drittens profitiert er von den effektiven Prämienprojekten. Fairtrade gibt den Bauern eine Stimme und befähigt sie zum eigenständigem unternehmerischen Handeln.

Lokales Bedürfnis Nummer 1: Verbesserung der Infrastruktur

Die Verwendung der Prämiengelder innerhalb von Fairtrade gibt Indizien darüber ab, wo die Bauern selber ihre dringendsten Bedürfnisse sehen, wo die Hilfe eben ansetzen muss. Die neuen Zahlen der FLO von 2010 zeigen, dass 2008 21% der Fairtrade-Prämie in die technische und qualitative Unterstützung einzelner Bauern investiert und 16% in die Unternehmensentwicklung der Kooperativen investiert wurden. Das heisst, dass über ein Drittel des Fairtrade-Prämienkuchens in die Produktions- und Qualitätsverbesserung investiert wurden, um die Produktionskapazität zu steigern und betriebswirtschaftliche Prozesse zu fördern. Weitere 24% wurden für die allgemeine Unterstützung von lokalen Gemeindeprojekten verwendet: Damit wurde in den Strassenbau, in die Verbesserung von Transportmöglichkeiten, in einen lokalen Laden oder in kulturelle Aktivitäten investiert. Für Bildung und Gesundheit wurden 12% der Prämiengelder verwendet. Im Vergleich dazu stehen die Investition für Programme zur Förderung der Frauen und für die Umwelt mit 2.3% sprich 0.8% fast bedeutungslos zuhinterst an. Hier ist anzumerken, dass uumweltfreundliche Anbau- und Verarbeitungsmethoden sowie das Verbot der Diskriminierung bereits in den Fairtrade-Standards verlangt werden. Die Auswertung der Fairtrade-Prämiengelder zeigt, dass Fairtrade erhebliche Finanzmittel generiert, die direkt in die ländliche Entwicklung investiert werden, so wie das heute von der Weltbank und den UNO-Organisationen gefordert und für die Erreichung der Millenniumsziele als unentbehrlich erachtet wird.

Afrika braucht mehr Unterstützung – auch bei Fairtrade

2008 gingen über 30 Mio. Euro Prämiengelder an die rund 500 Fairtrade-zertifizierten Kleinproduzenten in Lateinamerika, Afrika und Asien. Mit 23 Mio. Euro profitieren die Kleinbauern Lateinamerikas am stärksten, während diejenigen in Afrika 4.6 Mio. Euro und in Asien 2.6 Mio. Euro Prämiengelder erhielten. Dieser regionale Unterschied erklärt sich unter anderem dadurch, dass Fairtrade in Lateinamerika begann und daher auch 2008 noch über 66% der Fairtrade-Kleinbauern aus Lateinamerika stammten. Dass Afrika nur gerade 15% des gesamten Prämienvolumens erhielt, irritiert: Als Kontinent, der am stärksten von der Armut heimgesucht wird, wären mehr Prämiengelder dringend nötig. Eine ausgeglichener Prämienverteilung kann jedoch nur durch ein verändertes Konsumentenverhalten beeinflusst werden: Damit mehr Prämiengeld nach Afrika fliessen würde, müssen insbesondere in der Schweiz auch mehr Produkte aus Afrika angeboten und konsumiert werden. Zum Beispiel mehr Schokolade aus afrikanischen Fairtrade-Kakao, mehr Textilien aus westafrikanischer Fairtrade-Baumwolle und mehr Fairtrade-Kaffee aus Ostafrika.

Es ist Zeit, zu handeln

Fairtrade und dessen Pionierorganisationen haben die Zeichen der Zeit vor 20 Jahren erkannt und in die Förderung der ländlichen Entwicklung investiert, während diese von multilateralen Organisationen lange skandalös vernachlässigt wurde. Erst in den letzten drei Jahren kam es angesichts der wachsenden Ernährungs- und Klimakrise endlich zur Wiederaufnahme der Investitionen in ländliche Entwicklung von Seiten der FAO, des IWF und der Weltbank. Ein Umdenken, das dem Entwicklungsansatz von Fairtrade recht gibt: Mit der gezielten Förderung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft über die zentralen Elemente Mindestpreise, Fairtrade-Prämie und demokratischer Organisationsform in abgelegenen, ländlichen Gebieten verbessert Fairtrade nicht nur die Arbeits- und Lebenssituation der dort lebenden Menschen, sondern verhindert damit auch die Landflucht der Menschen in Städte oder den scheinbar reichen Norden in der Hoffnung auf ein besseres Leben, das sie auch dort meist nicht finden. Die Konsumentinnen und Konsumenten in den wohlhabenden Ländern können etwas gegen die grassierende Ohnmacht unternehmen und über den Konsum von Fairtrade-Produkten die Landwirtschaft im Süden stärken und so langfristig der Armut und dem Hunger auf der Welt entgegenwirken.

 

Bild: Ein Kaffeepflücker der Kooperative La Florida, Peru. (Max Havelaar-Stiftung, Schweiz)

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