Während in den USA und auch der EU in Cleantech Milliarden an Wagniskapital fliessen, sieht die Rate in der Schweiz sehr mager aus. Besonders der Wachstumsmarkt Asien wird kaum angegangen. Doch es greift zu kurz, Investoren an den Pranger zu stellen.
Eine Ökodiktatur wird nicht kommen. Carl Christian von Weizsäcker, Wirtschaftswissenschaftler des Max Planck Instituts, sagt: „Das werden die Menschen nicht akzeptieren. Überall und gerade hier in der Schweiz steht das demokratische Prinzip vor dem der Nachhaltigkeit.“ Darüber, dass nicht auch die Ökonomie vor der Nachhaltigkeit stehen und statt dessen ein starker Schulterschluss stattfinden sollte, diskutierten Investoren und Unternehmer auf dem Swiss Equity Cleantech Day in der Zürcher Börse. Denn umweltfreundliches Unternehmertum braucht Kapital, um es mit den Herausforderungen des Klimawandels und der steigenden Weltbevölkerung aufzunehmen. Verwandte Themen| { Grüner Nachwuchs, 04.10.10 } | | { Grüne Pioniere gesucht, 29.09.10 } | | { Die Banken sind schuld, 29.09.10 } | | { Grünes Studium, 21.09.10 } | | { Ein Banker, der nicht spekuliert, 25.08.10 } | | { Das Davos der Erneuerbaren, 25.06.10 } | | { Bereit für die gute Sache, 17.05.10 } | | { Dem Export Flügel verleihen, 15.04.10 } | | { Cleantech-Export für die Zukunft, 01.04.10 } | | { Auf die Stärken besinnen, 18.03.10 } | | { Politik lässt Markt im Stich, 16.02.10 } | | { Nachhaltig in Zeiten der Krise, 04.02.10 } | | { Grösster Motor der Weltwirtschaft, 01.02.10 } | | { Der Prophet als Risikomanager, 12.01.10 } | | { Cleantech-Unternehmen vernetzen, 24.11.09 } | | { Afrika fordert Milliarden, 19.11.09 } | | { Cleantech-Flieger hebt ab, 20.10.09 } |
Geringes Wagniskapital
In der Schweiz scheint der Weg nicht über Wagniskapital zu gehen. Eine aktuelle Studie belegt: In der Schweiz wird im Vergleich zur EU und vor allem den USA aussergewöhlich wenig Wagniskapital im Cleantech-Bereich investiert. Maurice Pedergnana von der Hochschule Luzern und Geschäftsführer der Swiss Private Equity & Corporate Finance Association (SECA): „Betrachtet man sich den Anteil, der vom gesamten Venture Capital-Volumen in Cleantech investiert wird, ist man in der Schweiz im vergangenen Jahr praktisch auf den Nullpunkt zurückgefallen. In Europa und den USA machte Cleantech zwischen 12 und 16 Prozent aus. Der Nutzen wird unterschätzt. Denn gerade hier wären grosse Kernkompetenzen von KMU vorhanden.“ Ausgearbeitet wurde die Studie durch die Hochschule Luzern und SECA.
Auch vor 2003 hatte sich der Anteil in der Schweiz bei drei Prozent eingependelt und liess im Gegensatz zu Europa und den USA kein Wachstum erkennen. Dort wurde stark vor allem in asiatische Unternehmen investiert und das besonders dann, wenn es darum ging, den amerikanischen Markt zu penetrieren. Für den Wissenschaftler Pedergnana sind die Schweizer Zahlen irritierend: „Die Anteile sind dort so viel höher, weil gerade Cleantech-Investitionen sich durch ein besseres Risiko-Rendite-Profil auszeichnen.“ Und Nick Beglinger, Präsident des Wirtschaftsverbands swiss cleantech sagt: „Gerade in den Anfangsphase von jungen Cleantech-Unternehmen fehlt das Kapital in der Schweiz.“
Top-Ingenieure mit unfokussierter Strategie
Dabei gibt es erfolgreiche Unternehmen, die erst durch eine Private Equity-Beteiligung richtig in Fahrt kamen. Das Schweizer Solarunternehmen 3 S beispielsweise, an dem das Private-Equity-Unternehmen New Value bis zu dessen Zusammenschluss mit dem Spezialsägenhersteller Meyer Burger beteiligt war. Laut Peter Letter, Head Investment Management von New Value, hätten sich hinter 3 S zu Beginn Top-Ingenieure mit einem ausgezeichneten Produkt versteckt, ihre Strategie hingegen sei unfokussiert gewesen. New Value konnte einen Faktor 14 verzeichnen. Geniale Ingenieure, ein innovatives Produkt – daran mangelt es in der Schweiz in der Cleantech-Branche beileibe nicht. Eigentlich sollten sich hier Investoren auf der Suche nach Juwelen tummeln. Denn laut Christian Wenger sind hier die Schnittmengen zwischen Hochschulen, Unternehmen, Unternehmern und Investoren vorbildlich. Wenger ist Partner der Anwaltskanzlei Wenger & Vieli, Vorstandsmitglied der SECA und Präsident des Verwaltungsrats des Dämmstoffherstellers Pavatex. Im Baubereich hat sich das Traditionsunternehmen Pavatex seit 2000 erfolgreich komplett neu im Cleantech-Bereich positioniert. Es kommt auch in der Schweiz auf Wachstumskapital an.
Nachfrage fehlt
Doch die Investoren an den Pranger zu stellen, wäre zu kurz gegriffen. Hans Dellenbach von Emerald Technology Venture sagt: „Wir investieren bis dato in kein Schweizer Unternehmen, doch es liegt nicht an der Qualität der Unternehmen.“ Emerald Technology Venture ist international tätig, tausend Businesspläne sind im Jahr zu lesen, nur fünf überzeugen und die Schweiz ist eine kleine Wirtschaft. Dominique Reber, Leiter Infrastruktur, Energie & Umwelt der economiesuisse sieht trotz des niedrigen Wagniskapitalanteils keinen Mangel an Kapital: „Unternehmer wissen nur nicht, wohin die Reise geht. Gäbe es eine grössere Nachfrage nach Venture Capital, würde sich auch ein Angebot formieren.“ Viele Unternehmen sehen einer Private-Equity-Beteiligung traditionell auch schlicht skeptisch entgegen. Statt das Ruder aus der Hand zu geben, greifen sie für die Finanzierung eher auf die drei F zurück – auf „Friends, Family and other fools“, also Freunde, Familie und andere Verrückte. Und aus den Schweizer tüftelnden Ingenieuren mit wenig Marketingdenken sind mittlerweile auch oft selbst schlaue Unternehmer geworden, die im Cleantech-Markt nicht mit erhobenem Zeigefinger punkten wollen. Das zeigen erfolgreiche Initiativen wie das Gebäudezertifikat Minergie, das durch den Fokus auf Komfort einen beispiellosen Siegeszug hinter sich hat. Schweizer Unternehmen im Bausegment sind mit Innovationen mitgezogen. Aber noch weiss man kaum, was aus diesen Juwelen mit mehr Wagniskapital am globalen Markt werden könnte.
Bild: Auf dem Swiss Equity Cleantech Day sagt Carl Christian von Weizsäcker, Wirtschaftswissenschaftler des Max Planck Instituts: „Überall und gerade hier in der Schweiz steht das demokratische Prinzip vor dem der Nachhaltigkeit.“ (Patrick Rinderli)
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