Ohne Diesel keine Klimaforschung

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Geschrieben von: Thomas Hug, Ny-Ålesund 30.09.10
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Erdölmangel im Erdölland Norwegen bedroht die internationale Klimaforschung. Ein Paradoxon? Keineswegs: Weil die Erdölgesellschaft Esso das Diesellager schliessen will, droht der Klimaforschung in Ny-Ålesund auf Spitzbergen im Permafrost zu erstarren. Zudem könnte eine Umweltauflage den für die Region überlebenswichtigen Tourismus lahm legen.

Kalt ist es in Ny-Ålesund schon ohnehin. Nächster Nachbar für den kleinen Ort auf dem zu Norwegen gehörenden Spitzbergen ist der Nordpol. Bis zu einem grossen Unglück im Jahre 1962 hatte die staatliche norwegische Kohlengesellschaft Kings Bay hier Kohle gefördert. Die Überbleibsel der nördlichsten Eisenbahn der Welt sind deshalb hier immer noch zu sehen.

Wichtiger Stützpunkt der Arktisforscher

Heute wird im Ort am Kongsfjord keine Kohle mehr gefördert. Dafür aber betreibt die staatliche Gesellschaft Kings Bay Ny-Ålesund ein arktisches Forschungszentrum. Im Sommer tummeln sich hier bis zu 180 Forscher aus Norwegen und der ganzen Welt, im Winter sind es jeweils noch rund 30. Das norwegische Polarinstitut hat sich in Ny-Ålesund ebenso etabliert, wie eine chinesische Forschungsstation oder das deutsche Alfred Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung. Ein breites Spektrum Forschung wird in Ny-Ålesund betrieben, allerdings mit einem Hauptgewicht auch Atmosphären-, Nordlicht- und vor allem Klimaforschung. Auch etliche Nordpolexpeditionen haben Ny-Ålesund als Ausgangspunkt genommen. Das Haus, das der norwegische Polarforscher Roald Amundsen seinerzeit für seine Nordpolexpeditionen benutzte, wird zurzeit renoviert.

Kings Bay ist für die Forscher deshalb so attraktiv, weil es trotz der Lage weit jenseits des Polarkreises am Golfstrom liegt. Zudem stellt der norwegische Staat mit der Gesellschaft Kings Bay den Forschern eine ausgezeichnete Infrastruktur zur Verfügung. Ny-Ålesund ist mit regelmässigen Flügen und im Sommer mit dem Schiff erreichbar. Eine Breitbandverbindung sorgt für die schnelle Kommunikation mit der Aussenwelt.

Dieseltreibstoff liefert Energie

Obwohl der Golfstrom das Leben für die Klimaforscher in Ny-Ålesund erträglich macht, beträgt die Durchschnittstemperatur im Juli nur knappe 5 Grad und im Februar fast minus 16 Grad. Der Ort mit seinen farbenfrohen Häusern ist deshalb für die Energie- und Wärmeversorgung vollständig abhängig von Dieseltreibstoff. Damit hat bisher die Erdölgesellschaft Esso die Klimaforscher versorgt. Die norwegische Klima- und Umweltschutzbehörde hat nun aber Esso angewiesen, die Tankanlage in Ny-Ålesund gegen Lecks zu sichern. Dazu sei Esso nicht gewillt und habe Kings Bay angeboten, die Anlage für eine halbe Million norwegische Kronen (65.000 Euro/82.000 Franken) zu übernehmen, schreibt die Zeitung „Svalbardposten”, die im Hauptort Longyearbyen erscheint. Kings Bay ihrerseits will aber die alterschwache Anlage nicht übernehmen. Laut Knut M. Ore, Verwaltungsratsvorsitzender von Kings Bay, würde eine Renovation der Dieselanlage mindestens 3,5 Mio. Kronen kosten.

Esso droht nun die Anlage zu schliessen. Damit müssten die Forscher Ny-Ålesund verlassen, ihre Anlagen würden bald im Permafrost versinken. „Wenn Esso es wirklich ernst meint mit der Schliessung der Dieselanlage, trägt die grösste Erdölgesellschaft der Welt dazu bei, wichtige Klimaforschung in der Arktis zu stoppen”, sagt Knut M. Ore zur Osloer Zeitung „Aftenposten”. Damit würde ausgerechnet im ölreichen Norwegen die Klimaforschung unter einem Mangel an Diesel leiden. Viel Zeit zur Lösung des Konflikts zwischen der Forschungsgesellschaft Kings Bay und der Erdölgesellschaft Esso bleibt nicht: Bald schon wird auf den Gewässern um Spitzbergen Eis liegen. Ny-Ålesund kann dann nur noch mit Schiffen versorgt werden, die mit der nötigen Eisbrecherklassifizierung ausgestattet sind.

Aus für Kreuzfahrtschiffe?

Auch ein anderer Wirtschaftszweig Spitzbergens steht vor einer Herausforderung. Kreuzfahrtschiffe aus aller Welt haben sich die im Sommer eisfreien Inselgruppe als exotisches Reiseziel ausgesucht. Damit könnte bald Schluss sein. Das norwegische Umweltministerium ist daran, das Umweltgesetz für Spitzbergen zu erneuern. Unter anderem ist darin ein Schweröl-Verbot für den Schiffsverkehr vorgesehen. Nur noch Versorgungsschiffe und lokale Fahrzeuge wären danach in den Gewässern um die Inselgruppe zugelassen. Im Tourismussektor der Inselgruppe fürchtet man, dass dies das Aus für die Kreuzschiffahrt bedeuten könne. Neben der Kohlenförderung in Svea durch Norwegen und Barentsburg durch Russland sowie der Arktisforschung ist Tourismus die wichtigste Einnahmequelle für die 2500 Menschen, die auf Spitzbergen leben.

Spitzbergen ist gemäss einem internationalen Abkommen von 1920 internationales Gebiet, doch untersteht die Inselgruppe norwegischer Souveränität.

 

Bild: Eiscat Nordlichtforschungsradar und der Turm von Kohlengrube 7 in Longyearbyen. Neben Kohlenförderung in Svea und im russischen Barentsburg ist Tourismus ein immer wichtigerer Einnahmezweig der Inselgruppe Svalbard. (Thomas Hug)

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