Man müsse den Bankern etwas Schmerzhaftes antun, denn sie hätten uns das alles eingebrockt, sagt John Prescott. Der ehemalige Vizepremier unter Tony Blair ist dafür bekannt, kein Blatt vor den Mund. Seit Juli sitzt nun der alte Klassenkämpfer im House of Lords.
Gabriel Rath: Sie waren vier Monate sozusagen inoffizieller „Führer der Opposition Ihrer Majestät”. Welchen Rat haben Sie nun für den neuen Labour-Führer Ed Miliband?
John Prescott: Das wichtigste ist zunächst die Einheit der Partei. Die internen Kämpfe haben letztlich Gordon Brown die Wahl gekostet. Die Wähler mögen das nicht. Wir werden nur zurückkommen, wenn wir geeint sind.
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Gabriel Rath:Welche politischen Prioritäten soll der neue Parteichef setzen?
John Prescott: Am Ende geht es doch immer um Arbeitsplätze, nicht wahr? Unsere drei Prioritäten müssen sein: Arbeitsplätze, Steuern, Sozialstaat. Als Regierung haben wir gezeigt, dass wir all das zusammen hinbekommen. Die Herausforderung ist nun, es wieder zu tun.
Gabriel Rath:Gibt es Alternativen zu den Sparplänen der Regierung?
John Prescott: Beide Großparteien (Labour und Konservative, Anm.) haben die Notwendigkeit von Einsparungen eingeräumt. Aber lassen Sie uns Klartext reden: Die Probleme haben die Banken verursacht, nicht wir. Keynes hat argumentiert, dass der Staat eingreifen muss, wenn die private Nachfrage fällt. Das müssen wir jetzt auch tun.
Gabriel Rath:Aber gibt es dafür noch Mittel?
John Prescott: Ja. Geld ist letztlich immer nur geborgt, jedes Land nimmt Geld auf, das ist nur eine Frage des Vertrauens und der Glaubwürdigkeit. Und niemand hat uns mit dem Entzug der Kreditwürdigkeit gedroht.
Gabriel Rath:Die Ratingagenturen scheinen da anderer Meinung …
John Prescott: Ich glaube nicht, dass unser Triple-A jemals ernsthaft in Gefahr war. Und was ist die Alternative? Schauen Sie nach Griechenland oder Irland und die Probleme dort.
Gabriel Rath:Die Gewerkschaften haben sich sehr lautstark…
John Prescott:Das ist ihre Aufgabe.
Gabriel Rath:…gegen die Regierungspläne geäußert. Sehen Sie den sozialen Frieden in Gefahr?
John Prescott: Ich höre davon, aber Demonstrationen wie etwa in Frankreich sehen Sie in unserem Land nicht. Wir haben nicht mehr diese Solidarität. Zudem müssen die Gewerkschaften anerkennen, dass wir in einer anderen Zeit leben. Sie vertreten heute überwiegend Staatsbedienstete. Die Kürzungen der Regierung werden die Menschen ungleich treffen. Die Labour Party ist eigentlich der Regierung dankbar, denn durch ihre Pläne sind wieder mitten im politischen Kampf.
Gabriel Rath:Was empfehlen Sie Ihrer Partei gegenüber dem Finanzsektor?
John Prescott: Man muss den Bankern etwas Schmerzhaftes antun, sie haben uns das alles eingebrockt, das waren ja nicht wir, die Regierung. In gewissem Ausmaß haben wird jedoch einen Fehler gemacht, indem wir uns ein wenig zu sehr auf den Finanzsektor verlassen haben…
Gabriel Rath:Das ist das Understatement des Jahrhunderts…
John Prescott:Es scheint jedenfalls, als hätten wir das nicht ganz richtig hinbekommen. Doch ob wir es wollen oder nicht: Banken haben eine zentrale Rolle in unserem Leben. Doch wir dürfen ihnen nicht erlauben, über uns zu bestimmen.
Gabriel Rath:Ist die neue Führung auch dieser Meinung?
John Prescott: Absolut. Ich glaube Ed ist durchaus geneigt, da etwas zu tun.
Zur Person: Der Gewerkschaftsmann und ehemalige britische Vizepremier John Prescott diente in der „New Labour”-Ära als Verbindungsmann zur traditionellen Parteibasis. Mehr als einmal musste der vierschrötige Politiker mit dem basis-nahen Vokabular die zerrütteten Beziehungen zwischen Tony Blair und Gordon Brown flicken. Während die Partei seit dem Rücktritt von Brown im Mai einen neuen Chef suchte, mauserte sich Prescott trotz seiner 72 Jahre zum Wortführer der Opposition gegen die „grausamen” Kürzungspläne der konservativ-liberalen Regierung.
Bild: gofourth
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