Eldorado der Ölbohrer

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Geschrieben von: Roderick Agius, Valletta 28.09.10
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Nach dem Desaster im Golf von Mexiko will der internationale Ölkonzern BP jetzt sein Glück im Mittelmeer versuchen. In Kürze soll vor der libyschen Küste in grosser Tiefe nach Öl gebohrt werden. Andere Firmen bohren vor Süditalien - im Erdbebengebiet.

Nicht nur die geplante Tiefseebohrung des Ölkonzerns BP vor der Küste Libyens ist umstritten. Umweltschützer warnen, denn das geplante Bohrloch in der Grossen Sirte liegt noch 200 Meter tiefer als Unglücksloch im Golf von Mexiko. Archäologen befürchten, dass bei einem Ölleck wie im Fall der Deepwater Horizon historische Kulturschätze an der nordafrikanischen Küste, Ruinen bis zurück ins Jahr 1500 vor Christus unwiederbringlich zerstört wurden. Ernste Sorgen bereiten Seismologen auch geplante Bohrungen der australischen Firma Audax Energy vor der süditalienischen Insel Pantelleria. Denn die liegt in einem Gebiet, in dem Erdbeben häufig sind.

Malta fühlt sich zuerst betroffen

Im Frühsommer hatte BP, auch unter dem Eindruck der Katastrophe vor der Küste von Louisiana in den USA, die Bohrungen in der Grossen Sirte vor Libyen zunächst ausgesetzt. Nun will man damit vor Jahresende beginnen, voraussichtlich schon im Oktober.
 Malta ist mit 515 Kilometern Entfernung der EU-Staat, der dem Bohrvorhaben in Libyen am nächsten liegt. Und auch die Entfernung nach Pantelleria ist nicht weit. Deshalb hegt man in Valletta auch Bedenken gegen die Vorhaben. Auch aus Naturschützersicht. Denn Malta, Italien und Libyen haben 2007 genau dieses Dreieck zwischen der süditalienischen Insel, Malta und Libyens Küste als Schutzgebiet für alle im Mittelmeer vorkommenden Walarten vereinbart.

Maltesische Seismologin warnt

Die Geologen hegen darüber hinaus Bedenken, weil der Meeresboden hier seismologisch besonders aktiv ist. Die Region ist eine der so genannten seismologisch ständig aktiven Zonen mit mittlerem bis hohem Erdbebenrisiko. Bei Erdbeben werden auf dem Land immer wieder Bauten und Infrastruktureinrichtungen zerstört.
Wie empfindlich Tiefsee-Bohrinseln reagieren, hat sich im Golf von Mexiko gezeigt. Seismologin Dr. Pauline Galea von der Universität Malta hält dies fest, räumt aber Befürchtungen aus, dass Ölbohrungen direkt Erdbeben auslösen könnten. „Es gibt keine Hinweise, dass Ölbohren die Erdbebenaktivität verstärkt. Vor allem, weil nur an der Oberfläche (auf dem Meeresboden) gebohrt wird. Erdbeben werden durch starke Spannungen in Zonen der Internaktion zwischen tektonischen Platten erzeugt. Das Einbringen von Flüssigkeit in sehr tiefe Bohrlöcher kann manchmal sehr kleine Erdbeben auslösen, aber die sind im Allgemeinen harmlos.”

EU hat wenig Einfluss

Bei der Europäischen Kommission erwägt man ein Moratorium für Tiefseeölbohrungen im Mittelmeer. Eine Reaktion auf das Umweltdesaster im Golf von Mexiko. Dieses könnte aber nur für neue Bohrungen gelten, nicht für solche, die schon im Gang sind oder für die die Lizenzen erteilt sind. Allerdings hat die EU wenig Einfluss auf die Bohrpläne von BP. Der Ruf nach „europäischen Standards” beeindruckt den internationalen Konzern wenig, weil es derzeit keine international verbindlichen abkommen über Stationierung und Sicherheit von Ölplattformen gibt.
Shell wird demnächst vor der Westküste Siziliens nach öl bohren. Und die amerikanische Tiefseebohrfirma Diamond Offshore schleppt gerade eine Ölplattform aus dem Golf von Mexiko ins Mittelmeer vor die ägyptische Küste. Italien hat erst kürzlich 21 neue Bohr-Genehmigungen erteilt.
Auch Malta selber will in seinen Gewässern in grosser Tiefe nach Öl bohren lasen. Dazu gibt es einen Vertrag mit Heritage Oil. Diese Firma geht davon aus, dass vor Malta ein Vorkommen mit potentiell 500 Millionen Fass Öl liegt. Die Ausbeutungschancen werden auf 20 bis 25 Prozent eingeschätzt.

„Krankes” Mittelmeer nicht weiter gefährden

Das derzeit grösste neue Bohrvorhaben im Mittelmeer bleibt aber die in der Sirte-Bucht vor Libyen ausgemachte Ölquelle. Das Bohrloch soll mit etwa 1700 Metern um 200 Meter tiefer liegen als bei der Deepwater Horizon im Golf von Mexiko.
Eine ähnliche Ölkatastrophe hier würde zahllose auch im seichten Wasser vor der Küste befindliche historische Überreste alter Mittelmeerkulturen gefährden. So liegt der alte Hafen von Apollonia aus dem siebten Jahrhundert vor Christus etwa fünf Meter tief in der Cyrenaica, dem östlichen Teil der libyschen Küste. Er gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Joseph Schiro vom Restaurationszentrum für Altertümer in Malta warnt denn auch, schon jetzt sei das Mittelmeer „krank”. Man dürfe nicht noch weitere Gefährdungen zulassen. „Das Kulturerbe ist nicht allein auf diese Orte beschränkt. Auch die Marineflora und Fauna, die es nur im Mittelmeer gibt, gehört dazu. Viele Arten sind schon jetzt vom Aussterben bedroht”, warnt Schiro. Für Malta wäre eine Ölkatastrophe wie vor der Südküste der USA ein reines Desaster. Denn die Insel wäre der Ölpest von allen Seiten ausgesetzt.

 

Bild: Ein Bohrinsel-Mitarbeiter auf der Ben Nevis-Plattform in der Nordsee (www.deutschebp.de)

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