Im Garten Eden standen die Pflanzen nicht in Reih und Glied. Sonst hätte die ganze schöne paradiesische Natur sich nicht ohne Arbeit im nachhaltigen Gleichgewicht gehalten. Das eine ergänzte das andere. Die Vielfalt, behaupten die einen, entstand aus Gottes reiner ökologischer Vernunft. Andere glauben, es war die Erfüllung Seines erhabenen ästhetischen Prinzips.
Im Garten Eden, so heisst es an autorisierter Stelle, brauchte niemand einen Ertrag zu erwirtschaften. Alle lebten von der Hand in den Mund. Es gab weder Handwerk noch Handel, da die Natur wie dem Schaf so auch dem Menschen jedes Bedürfnis von den Lippen ablas und vor die Füsse legte. Niemand hatte Lust nach mehr, als sein Magen fassen konnte. Es brauchte weder Vorrat noch die Angst, dass der Vorrat nicht reichen könnte. Von keiner Pflanze bedurfte es mehr, als dass drei oder vier der gleichen Art beieinanderstanden. Vielfalt galt als Prinzip. Je enger die Vielfalt der Pflanzen sich auf gleichem Raum tummelte, desto weniger mussten die Glückseligen herumlaufen und suchen, um die Lust nach Delikatessen zu befriedigen. Wo zwei Liebende nackt durch die Opulenz tanzen, ist die Ernährung eher Nascherei als sorgenfältige Vorratswirtschaft. Verwandte Themen| { Grünes Studium, 21.09.10 } | | { Für die grösste Blumenwiese, 19.04.10 } | | { Auf die Stärken besinnen, 18.03.10 } | | { Biodiversität braucht einen Preis, 15.02.10 } | | { Biodiversität schützen , 13.02.10 } | | { Grüne Banker sind gefragt, 10.02.10 } | | { Biodiversität stärken, 27.01.10 } | | { Gegen die Allmacht der Aktionäre, 25.01.10 } | | { Im Wald liegt die Zukunft , 18.12.09 } | | { Klimawandel ist Tatsache, 04.12.09 } | | { Steck keinen Bio in den Tank, 16.10.09 } | | { Kleinbauern müssen hungern, 16.10.09 } |
Aber wenn Eden wirklich Eden war und den Menschen mit dem Eindruck von Glückseligkeit vom Denken abhielt, dann konnte die Selbstzufriedenheit sich trotz allem nicht lediglich um den Genuss von Rohfrüchten und meditativer Entleerung drehen. Ohne Aufregung kein Durchatmen. Ohne Entbehrung kein Gefühl für den Wert der Dinge. Wenn der Luxus keine Belohnung fürs Selbstwertgefühl bietet, wird der Luxus auf Dauer nur lästig.
Überbevölkerung im Garten Eden
Selbst im Garten Eden herrschte also, anders als die Literatur, die alte Lügnerin, so gern behauptet, natürlich Überbevölkerung, und wenn nicht Überbevölkerung, so wimmelte es zumindest vor lauter Konsumenten. Denn wenn der Garten Eden tatsächlich das Paradies war, und die Menschen also, wie im Kommunismus, nach ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen lebten, so erfüllten sie gleichwohl ihre höchsten Lüste, die, da Kant und Freud ja erst viel später kamen, längst noch nicht moralisch oder kulturell sublimiert waren. Der Mensch schöpfte noch aus dem Vollen seiner Instinkte, und die höchste Lust ist, anders als die verklemmte Anthropologie und Journaille behauptet, nicht der Sex, sondern das Business. Geschäftemachen - also erfolgreiches Geschäftemachen - ist das einzige, was den Menschen in seiner ganzen Fülle von Intelligenz und Lust, Fleisch und Selbstbeherrschung, Gewieftheit und Selbstironie zur Erfüllung bringt. Erst im Business spürt der Mensch seine ganze Lebenskraft. Und nur durch den Erfolg im Business kann er sich all die medial so heroisch vermarktbaren Ideale wie natürliche Lebensweise, Sportlichkeit, Biodiversität, Mischkulturen, Naturschutzgebiete, Grosswildjagd, Umweltschutz, Nachhaltigkeit und erneuerbare Energien erlauben. Erfolgreiches Business braucht aber den Markt, braucht den Konsumenten und braucht die Massen, die die so sympathisch daherkommende Idiotie des Alltags zum Wirtschaftsfaktor macht. Und folglich gab es auch im Garten Eden schon die Heerscharen der Konsumenten, denn sonst hätten die Glückseligen ja an der Unterdrückung ihres Instinktes zum Geschäftemachen gelitten. Die Geschichte von der Schlange war also einfach eine Warnung an die Naiven, sich nicht über die Ohren hauen zu lassen.
Zur Person: Hans-Peter Schmidt ist Leiter des Delinat-Instituts für Ökologie und Klimafarming in Arbaz VS. Das Institut ist im Sommer 2009 als unabhängige Stiftung von Delinat-Gründer Karl Schefer gegründet worden. Es betreibt praxisnahe ökologische Forschung auf wissenschaftlicher Grundlage.
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