Bio-Bschiss lohnt sich nicht

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Geschrieben von: Birgitta Willmann 24.09.10
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Bio-Bschiss zahle sich für niemanden aus, sagt Ueli Steiner, Geschäftsführer der bio.inspecta AG.  Der Einsatz von Kunstdünger zum Beispiel sei ein absolutes Tabu. Wer dagegen verstosse, würde sofort seine Bio-Lizenz verlieren.

Birgitta Willmann: 2009 ging der Begriff «Bio-Bschiss» durch die Presse. Damit wurde suggeriert, dass wegen mangelnder Kontrollen auch Bio-Produkte unzulässige Zutaten oder Rückstände haben könnten. Wie kam es dazu?

Ueli Steiner:Das Amt für Verbraucherschutz des Kantons Aargau, das Betriebe in bestimmten Abständen bezüglich Lebensmittelgesetz und Bio-Richtlinien überprüft, hatte bei einigen Bio-Bauern und Verarbeitungsbetrieben kleine Mängel festgestellt. Gravierende Verstösse wurden aber keine gefunden. Das war die Aussage – diese wurde von der Presse aufgenommen, und plötzlich war überall von «Bio-Bschiss» die Rede.

Birgitta Willmann: Also wurde aus einer Mücke ein Elefant gemacht?

Ueli Steiner:Ja – das ist tatsächlich so. Das kann passieren.

Birgitta Willmann:Auch wenn die gefundenen Mängel gering waren, sind die Konsumenten doch etwas verunsichert. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Bio-Produkt zuverlässig Bio ist?

Ueli Steiner:Es ist schwierig, eine genaue Prozentzahl zu nennen, aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch.

Birgitta Willmann:Was macht Sie so sicher?

Ueli Steiner:Wir von bio.inspecta arbeiten ja nicht im luftleeren Raum. Sondern wir sind Teil eines ganzen Kontrollsystems. Unsere Qualitätskontrollen arbeiten Hand in Hand mit der internen Qualitätssicherung der Firmen und Betriebe.

Birgitta Willmann:Ich kann also guten Gewissens davon ausgehen, dass dort, wo Bio drauf steht, auch Bio drin ist?

Ueli Steiner:Ja, denn ein Bschiss zahlt sich für niemanden aus. Nicht für die Verarbeiter, nicht für die Händler und schon gar nicht für die Bauern.

Birgitta Willmann:Wieso nicht? Bio-Produkte werden teurer verkauft als herkömmlich produzierte. Läge es da nicht nahe, günstigere herkömmliche Ware unter die Bio-Ware zu mischen?

Ueli Steiner:Die Schweizer Bio-Bauern haben ein sehr hohes Berufsethos und verrichten ihre Arbeit mit Überzeugung und Stolz. Die meisten Betriebe kontrollieren wir seit Jahren. Praktisch alle produzieren gesamtbetrieblich biologisch. Dadurch können sich weniger Fehler einschleichen.

Birgitta Willmann:Was meinen Sie damit?

Ueli Steiner:Ein Bio-Bauer in der Schweiz produziert ganzheitlich Bio. Er gliedert nicht einen Teil aus und produziert dann vielleicht die Äpfel konventionell. Wenn Sie also auf einen Bio-Betrieb gehen und der verkauft Ihnen Äpfel, dann können Sie davon ausgehen, dass diese biologisch produziert sind.

Birgitta Willmann:Ist das im Ausland anders?

Ueli Steiner:Ja, im Ausland gibt es viele Betriebe, in denen nur ein einzelner Betriebszweig biologisch produziert, der Rest aber konventionell ist. Es gibt jedoch Labels wie beispielsweise die Knospe von Bio Suisse, die auch im Ausland eine gesamtbetriebliche Bio-Produktion vorschreiben.

Birgitta Willmann:Was kann bei der Bio-Produktion falsch laufen?

Ueli Steiner:Theoretisch vieles. Beispielsweise überprüfen wir in den Bio-Betrieben die Tierhaltung und Fütterung, die Krankheits- und Schädlingsbekämpfung oder die eingesetzten Düngemittel.

Birgitta Willmann:Wie muss man sich eine Bio-Kontrolle vorstellen? Kommen die Inspektoren unangemeldet und im Morgengrauen?

Ueli Steiner:Wir kontrollieren einmal im Jahr. die Mehrheit der Kontrollen werden kurzfristig angesagt, ein teil der Betriebe wird unangemeldet kontrolliert. Die Überprüfung ist teilweise komplex, und sie besteht nicht nur darin, dass wir einen augenschein nehmen, etwa bei der Tierhaltung, sondern auch im Überprüfen der Papiere. Die Bauern müssen zum Beispiel ein Auslaufjournal der Tiere oder ein Pflanzenschutzjournal führen.

Birgitta Willmann:Macht bio.inspecta keine chemischen Kontrollen, um Rückstände aufspüren zu können?

Ueli Steiner:Doch. in Verdachtsfällen lassen wir in einem Labor chemische Analysen durchführen. Zusätzlich machen wir Stichproben. Das System im Bio-Landbau basiert darauf, dass in der ganzen Produktionskette keine unerlaubten Stoffe eingesetzt und die Produktionsschritte überprüft werden.

Birgitta Willmann:Was passiert, wenn ein Bio-Bauer gegen die Reglemente verstösst?

Ueli Steiner:Da gibt es einen Sanktionskatalog, in dem definiert ist, welcher Verstoss zu welchen Sanktionspunkten führt. Der einsatz von Kunstdünger zum Beispiel ist ein absolutes Tabu. Tut einer das, verliert er sofort seine Bio-Lizenz. Andere Vergehen bringen Sanktionspunkte: Diese führen zu Kürzungen bei den Direktzahlungen, die die Bauern vom Bund bekommen.

Birgitta Willmann:Das ist eine drastische Massnahme.

Ueli Steiner:Ja, aber das ist richtig so.

Birgitta Willmann:Werden nur Bauern von bio.inspecta geprüft?

Ueli Steiner:Im lebensmittelhandel und in der Verarbeitung müssen wir alle Betriebe anschauen, bei denen Bio produziert, verarbeitet oder verkauft wird. Nebst den Bio-Bauern haben wir in der Schweiz sehr viele Verarbeitungsbetriebe.

Birgitta Willmann:Gehört dazu auch ein grosser Milchverarbeiter wie beispielsweise Emmi?

Ueli Steiner:Ja, natürlich. Emmi produziert viele Bio-Milchprodukte und füllt nebst der herkömmlichen auch Bio-Milch ab. Wir gehen an bestimmten Tagen hin und fragen nach: Wie viele Liter Bio-Milch wurden abgefüllt, wie viele Tankladungen kamen rein? Die umfassende Überprüfung des Warenflusses ist bei Bio-Produkten sehr wichtig.

Birgitta Willmann:Und wer ist Ihr Auftraggeber?

Ueli Steiner:Immer der Betrieb!

Birgitta Willmann:Also könnte er auch einfach darauf verzichten und selber ein Produkt als Bio deklarieren?

Ueli Steiner:Nein, das geht nicht. Denn wenn der Händler das Produkt als Bio vermarkten will, braucht er vom Verarbeiter ein entsprechendes Bio-Zertifikat.

Birgitta Willmann:Als Konsument muss ich also darauf achten, dass das Produkt biozertifiziert ist?

Ueli Steiner:Ja, das muss auf jeder Packung draufstehen. Achten Sie bei den Etiketten von Bio-Produkten darauf, und Sie werden feststellen, dass neben dem Produzenten immer auch die Zertifizierungsstelle mit der Zertifizierungsnummer angegeben ist. Wir überprüfen auf unseren Inspektionen auch die Etiketten.

Birgitta Willmann:Wie sicher sind im Ausland hergestellte Bio-Produkte wie etwa Käse, Wein oder Baumwolle?

Ueli Steiner:Das Bio-System ist so aufgebaut, dass sich jede Handelskette auf die Zertifizierung der vorhergehenden Stufe abstützt. Deshalb müssen wir darauf bauen, dass wir zuverlässige Partner haben.

Birgitta Willmann:Das heisst, die erste Bio-Kontrolle findet dann in den Produktionsländern statt, bio.inspecta prüft erst in der Schweiz?

Ueli Steiner: Für viele Import-Produkte ist das so. Die Produktionsbetriebe und Händler werden meist von staatlich akkreditierten lokalen Zertifizierungsstellen überprüft. Wenn diese Bio-Produkte in der Schweiz weiterverarbeitet oder verpackt werden, finden dann zusätzliche Kontrollen durch uns statt. Die Sicherheit und Glaubwürdigkeit von Bio-Produkten liegt uns sehr am Herzen.

 

Zur Person:
Ueli Steiner ist gelernter Bio-Bauer und Ingenieur Agronom. Seit vier Jahren ist er Geschäftsführer der bio.inspecta AG in Frick. Diese hat sich auf Inspektion und Zertifizierung von Bio- und Labelprodukten spezialisiert. Das Unternehmen beschäftigt 100 Mitarbeiter.

Bild: Gina Folly

 

Das Interview ist zuerst im Bio- und Nachhaltigkeits-Magazin Verde von Coop erschienen.

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