Städte werden nicht unbedingt nachhaltiger, wenn viele Solaranlagen auf den Dächern montiert werden, sagt Husam Al Waer. Nachhaltige Stadtentwicklung setzt vielmehr die Mitsprache der Bewohner voraus. Dennoch ist die Nachhaltigkeit von Städten messbar.
Steffen Klatt: Nachhaltigkeit ist ein komplexer Begriff. Kann die Nachhaltigkeit von Gebäuden und ganzen Städten tatsächlich gemessen werden?
Husam Al Waer: Das hängt davon ab, was man unter Nachhaltigkeit versteht. Seit 20 Jahren wird versucht, Nachhaltigkeit zu messen. Aber bevor Nachhaltigkeit gemessen werden kann, muss sie überhaupt erst einmal angewandt werden. Wir müssen schauen, ob es wirklich um Nachhaltigkeit geht oder nur um den Anschein, grün zu sein.
Steffen Klatt:Was macht Städte wirklich nachhaltig?
Husam Al Waer:Über Nachhaltigkeit muss nachgedacht werden, bevor man über einzelne grüne Gebäude nachdenkt. Echte Nachhaltigkeit ist nur möglich, wenn die betroffenen Menschen einbezogen werden. Verwandte Themen| { Glaspaläste sind nicht nachhaltig, 15.09.10 } | | { Im Zeichen der Megapolis, 14.09.10 } | | { Luftiger Keramikschaum, 01.09.10 } | | { Der Golf ruft, 30.08.10 } | | { Städte sind für Menschen da, 13.08.10 } | | { Bauen und Modernisieren, 23.07.10 } | | { Ökostadt wartet auf Norman Foster, 06.07.10 } | | { Grüner wohnen, 11.06.10 } | | { Wüstenstrom durchs Mittelmeer, 21.05.10 } | | { Nachhaltig beurteilen, 20.05.10 } | | { Chinas grüne Strategie, 20.04.10 } | | { Grüne Immobilien sind mehr wert, 12.04.10 } | | { Labor für Städte von morgen, 22.03.10 } | | { Geld für geizige Gebäude, 05.03.10 } | | { Die Zukunft ist mittelgross, 24.02.10 } | | { Bauherren in der Pflicht, 12.01.10 } | | { Die Pioniere wollen wachsen, 22.11.09 } | | { Nachhaltig erfolgreich am Golf, 17.11.09 } | | { Wüste soll Masdar kühlen, 27.10.09 } | | { Vorbilder öffnen die Tür, 26.10.09 } | | { ETH-Immobilien nachhaltig, 23.10.09 } |
Steffen Klatt:Wie können die Betroffenen einbezogen werden?
Husam Al Waer:Indem sie mehr Freiheit erhalten. Indem sie mitentscheiden können. Aber das erfordert, den betroffenen Menschen auch den Platz einzuräumen, dass sie sich einbringen können. Sie müssen mitreden können, wenn es um Gestaltung geht, wenn Entscheidungen getroffen werden. Sie können sagen, welche Pläne funktionieren werden und welche nicht. Hinzu kommt, dass sich unsere Lebensweise in den vergangenen 30 Jahren massiv geändert hat. Wir verbrauchen mehr und wir verbrauchen anders. Unsere Städte haben damit mithalten können. Aber wer weiss, wie unsere Lebensweise in 20 Jahren sein wird? Manchmal würde es reichen, den gesunden Menschenverstand einzusetzen, um zu nachhaltigen Quartieren und dann zu nachhaltigen Gebäuden zu gelangen. Bei grünen Quartieren und Gebäuden geht es nicht um Technologie. Es geht nicht darum, Photovoltaikanlagen auf das Dach zu setzen.
Steffen Klatt:Sondern?
Husam Al Waer:Was Städte nachhaltig macht, hängt von den jeweiligen Umständen ab. Nachhaltigkeit ist nicht in jedem Land das gleiche. Es geht zwar immer um die drei Dimensionen, die ökologische, die ökonomische und die soziale. Aber in einem Land kann die ökologische Dimension wichtiger sein als die soziale, in einem anderen Land ist es umgekehrt. In jedem Fall müssen die Kriterien für Nachhaltigkeit genau definiert werden.
Steffen Klatt:Welche Kriterien haben Sie genutzt?
Husam Al Waer:Wir wollten das Rad nicht neu erfinden. Wir haben auf der Grundlage von mehr als 400 Kriterien, die bereits entwickelt worden waren, insgesamt 900 Indikatoren für die Nachhaltigkeit entwickelt. Wir haben dann Experten weltweit einbezogen und mit ihrer Hilfe die 90 wichtigsten Indikatoren zusammengestellt. Damit können wir die ökonomische, ökologische, soziale und kulturelle Nachhaltigkeit abbilden. Wir haben dabei auch auf Fragen wie die Verbindungen zwischen den Betroffenen und auf die Bildung öffentlicher Räume wert gelegt.
Steffen Klatt:Wie können diese Kriterien angewandt werden?
Husam Al Waer:Sie können auf der Ebene des Masterplans angewandt werden, sowohl bei der Wiederbelebung von Quartieren als auch bei neuen Quartieren. Aber man darf Masterpläne nicht abtrennen vom Leben der Städte. Es geht auch um Arbeitsplätze, um die Produktion von Lebensmitteln…
Steffen Klatt:Wie kann sichergestellt werden, dass solche Projekte auch nach ihrer Fertigstellung nachhaltig sind?
Husam Al Waer:Wir arbeiten jetzt an einer Version für den Betrieb solcher Projekte.
Steffen Klatt:Wie wichtig ist Nachhaltigkeit heute für Stadtplaner?
Husam Al Waer: Es gibt in dieser Hinsicht noch einige Unzulänglichkeiten. Manche Planer gehen immer noch davon aus, dass Nachhaltigkeit eine Ansammlung von Technologien ist, etwa eine Ansammlung von Solaranlagen. Aber in den vergangenen fünf Jahren hat sich einiges getan. Besonders in Europa steht die Nachhaltigkeit der Gemeinschaft nun auf der Agenda der Planer. Bevor wir anfangen, Energie oder Wasser zu sparen, müssen wir uns das ganze Bild anschauen: Wie funktioniert die Gemeinschaft? Wie leben die Leute? Wie bewegen sie sich in ihrem Ort? Auf welche Weise sind sie erfolgreich? Wenn wir diese Fragen beantwortet haben, können wir auch daran gehen, unseren Kohlendioxidausstoss zu verringern. Zur Person: Husam Al Waer, Jahrgang 1977, ist Leiter der Forschungseinheit für nachhaltiges Bauen an der Universität Dundee in Schottland. Dort hat er auch SBETool entwickelt, das Sustainable Built Environment Tool. Er hat an der Universität Liverpool über die Messung von Nachhaltigkeit von Einkaufszentren promoviert und an der Universität Homs in Syrien studiert.
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