Glaspaläste sind nicht nachhaltig

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Geschrieben von: Steffen Klatt, Amman 15.09.10
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Gebäude mit einem grossen Glasanteil in der Fassade können nicht nachhaltig sein, auch nicht mit Photovoltaik oder anderen alternativen Energiesystemen, sagt Dirk Donath. Denn auch der Aufwand für die Herstellung und den Transport der Materialien muss berücksichtigt werden. Architekten müssen bescheidener werden – und sich stärker auf ihre eigentliche Profession besinnen: Gestalt, Technik und Nutzung von Gebäuden zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzuführen.

Steffen Klatt: Seit Jahrzehnten wird mit den immer gleichen Materialien gebaut. Viele dieser Materialien sind entstanden, als Energie billig war. Müssen nun andere Baumaterialien entwickelt werden?

Dirk Donath: Wir müssen stärker die Baumaterialien einbeziehen, die früher verwendet worden sind. Die heutige Gesellschaft leidet an Selbstüberschätzung, sowohl was den Umgang mit der Energie als auch was den Glauben an die eigenen technischen Möglichkeiten betrifft. Es wird ignoriert, wie dramatisch die Lage ist. Solange riesige Glaspaläste, die mit Photovoltaik verziert werden, als nachhaltig dargestellt werden, solange ist irgendetwas falsch.

Steffen Klatt:Was ist daran falsch?

Dirk Donath:Dabei wird der Energieaufwand zur Herstellung und zum Transport der Materialien nicht berücksichtigt. Das Haus mag dann ein Nullenergiehaus sein. Aber wenn man den Aufwand für die Materialien mit einbezieht, zeigt sich eine dramatische Fehlentwicklung. Dennoch werden solche Gebäude preisgekrönt. Damit werden junge Leute fehlgeleitet, die eigentlich die Zukunft des Bauens gestalten sollen.

Steffen Klatt:Welche Materialien stehen zur Verfügung, mit denen nachhaltiger gebaut werden kann?

Dirk Donath:Die gleichen Materialien, die vor tausend Jahren zur Verfügung standen: Lehm, gebrannte Ziegeln, Keramik. Das hängt auch von den Regionen ab. In Afrika ist die Arbeitskraft enorm billig; das traditionelle Bauen ist noch lebendig. Damit können dort ganze Siedlungen etwa aus Lehm oder Naturstein gebaut werden.

Steffen Klatt:Können diese alten Materialien auch in Europa wieder verwendet werden?

Dirk Donath:In Europa ist es andersherum. Da kostet das Material sehr wenig und die Arbeitskraft sehr viel. Die alten Materialien sind aber sehr arbeitsintensiv und ihre Verarbeitung braucht Zeit. Heute will aber der Investor nach sechs Monaten das fertige Haus haben.

Steffen Klatt:Welche Materialien können unter solchen Bedingungen verwendet werden?

Dirk Donath:Wände und Decken aus Leichtbeton, Schaumbeton zum Beispiel. Leichtbau oder Rahmensysteme bieten sich an. Auch Materialien wie Hohllochziegel aus gebrannten Ton sind eine Alternative: Sie sind leicht und können zusätzlich voll gedämmt; damit kann man flexibel und in angemessener Zeit Bauwerke errichten.

Steffen Klatt:Wenn das so klar ist, warum wird diese Materialien so selten verwendet?

Dirk Donath:Viele Architekten ignorieren heute völlig die Situation, in der und für die sie bauen: die Menschen genauso wie die Energiesituation. Das hat auch damit zu tun, dass die Medien und da gerade die Architekturmedien Trends und Moden massiv verbreiten. Es gibt kein Architekturmagazin, bei dem ein einfaches, schlichtes Haus auf dem Deckblatt ist. Diese Unsitte gibt es sogar in Afrika: Ich habe meinen Studenten dort die Aufgabe gestellt, einen Pavillon für ein Elektrizitätswerk zu entwerfen. Sie entwarfen Ikonen statt ein funktionales Gebäude. Architekturstudenten in  Deutschland wie in Afrika fühlen sich beleidigt, wenn man ihnen sagt: Entwerft mal ein kleines, schlichtes Haus.

Steffen Klatt:Die Studenten müssten also stärker an die Wirklichkeit des Bauens herangeführt werden?

Dirk Donath:Richtig. Der Kommunikationswissenschaftler Riklef Rambow, jetzt Professor für Architekturvermittlung an der Universität Karlsruhe, hat eine Dissertation geschrieben über das Verhältnis dessen, was der Architekt glaubt bauen zu müssen und dem, was der Bauherr sich wünscht. Zwischen dem beiden gab es fast keine Übereinstimmung. Die Architekten verstehen ihre Auftraggeber nicht. Und das kommt auch oder gerade durch die akademische Ausbildung. Ich merke das an meinen Studenten in Weimar. Wenn sie mit dem Studium beginnen, sind sie neugierig und offen. Aber schon im ersten Semester fangen sie an mit Form- und Raumspielen und beschränken sich auf die vorgegebenen Moden und Trends in der Architektur. Auf technische Fächer wie Baukonstruktion und Bauphysik lassen sie sich oft nur mit Widerwillen ein.

Steffen Klatt:Dann liegt es an den Bauherren, die Architekten auf die Wirklichkeit hinzuweisen.

Dirk Donath:Das machen sie auch zunehmend. Mein Architekturbüro baut viele Schulen. Mit der Auftragsvergabe müssen wir Garantien für Bauzeit und Baukosten abgeben. Eine angemessene Architekturqualität wird ohnehin erwartet.

Steffen Klatt:Können Sie dabei andere Materialien als gewohnt anwenden?

Dirk Donath:Oft ist der finanzielle Spielraum der öffentlichen Auftraggeber sehr begrenzt. Aber in einem begrenzten Mass ist es möglich, neue Bausysteme und Materialien einzusetzen. Wir nehmen zum Beispiel Beton-Fertigteile, die wir teilweise im Rahmen des Projektes entwickeln und rechtzeitig mit den Herstellern detailliert absprechen. So können wir im Projekt effizienter und kostensparender bauen und der Schule einen zuvor nicht im Budget enthaltenen  Sportplatz ermöglichen. Zusätzlich achten wir stark auf Qualitätskriterien für das Gebäude wie die Orientierung, Kompaktheit, Ausrichtung des Gebäudes, Sonneneinstrahlung und Lichtausbeute. Das wird auch von den Auftraggebern stark eingefordert. Von den über 20 Schulen, die wir in den letzten Jahren gebaut haben, hat zur Zeit nur eine Schule eine Be- und Entlüftung über ein Kanalsystem, welches auch mittels Wärmetauscher für die Heizung der Räume verwendet wird. Es ist ein Experiment, um zu demonstrieren, wie stark die Bewirtschaftungskosten für die Heizung reduziert werden kann. Ansonsten nutzen wir in anderen Schulprojekten für die Kühlung eine natürliche Querlüftung über beidseitige Fensteranlagen: im Sommer kühlen wir das Gebäude indem wir die kältere Nachtluft in Röhren durch die Massivdecken leiten. Im Winter geschieht es andersherum, da wärmen wir die Räume durch die wärmere Tagesluft auf. Das schlägt sich in den Energiekosten nieder.

Steffen Klatt:Wenn die Architekten nachhaltiger bauen wollen, finden sie also auch die Bauherren, die  das mittragen?

Dirk Donath: Architekten müssen sachlicher werden und aufhören, alles einem Gestaltungswillen unterzuordnen. Wenn sie sich auf ihr Handwerk und eine sinnvolle Realisierung ihres Raumkonzepts konzentrieren, dann werden sie keine Mühe haben, Aufträge zu erhalten.


Zur Person:
Dirk Donath, Jahrgang 1961, ist seit 1993 Professor an der Fakultät Architektur  an der Bauhaus Universität Weimar. Zur Zeit lehrt er im Rahmen eines Entwicklungsprojektes an der Universität Addis Abeba in Äthiopien. Er ist seit 18 Jahren Partner der Nitschke + Donath Architekten GmbH in Weimar.

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