Brasiliens halbstaatlicher Ölkonzern Petrobras plant in den kommenden Jahren die Erschliessung zahlreicher Ölfelder in der Tiefsee. Eine der grössten Kapitalerhöhungen aller Zeiten versorgt den Energieriesen nun mit Geld. Gleichzeitig verschafft sich der Staat mehr Einfluss. Mit einiger Verzögerung wird Ende September die von langer Hand geplante Kapitalerhöhung von Petrobras über die Bühne gehen. Der brasilianische Staat überschreibt dem Ölkonzern die Förderrechte für bis 5 Milliarden Barrel Erdöl in den Fördergebieten vor der brasilianischen Küste. Im Gegenzug erhält der Staat , welcher derzeit mit knapp 40 Prozent an Petrobras beteiligt ist und die Mehrheit der Stimmrechte besitzt, Aktien im Wert von 42,5 Milliarden Dollar (33,2 Milliarden Euro/43,2 Milliarden Franken). Um den Minderheitsaktionären die Möglichkeit zu gewähren, ihren Anteil konstant zu halten, veräussert Petrobras gleichzeitig Aktien an der Börse, wovon sich der Konzern weitere Einnahmen von mindestens 25 Milliarden Dollar erhofft. Es handelt sich um eine der grössten Kapitalerhöhungen aller Zeiten. In bis zu 7000 Metern Tiefe Die Kapitalerhöhung ist für Petrobras von zentraler Bedeutung. Bis 2014 plant der Konzern Investitionen in der Höhe von über 224 Milliarden Dollar. Der grösste Teil des Geldes fliesst in die Erschliessung der in den vergangenen Jahren entdeckten Ölfelder vor der brasilianischen Küste. Mehrere Milliarden Barrel lagern dort in bis zu 7000 Metern tiefe unter einer dicken Salzschicht. Die Exploration und Förderung dieser so genannten «Pre-sal»-Vorkommen ist technologisch äusserst anspruchsvoll und kostenintensiv. Durch die Erschliessung dieser Reserven soll die Produktion in den kommenden zehn Jahren von heute rund 2 Millionen Barrel pro Tag mehr als verdoppelt werden, womit Brasilien unter die fünf grössten Erdölproduzenten der Welt aufsteigen würde. Neues Öl vor allem für Export Die Erdölindustrie gewinnt in Brasilien zusehends an Bedeutung, wobei die Erschliessung der Tiefseevorkommen den Sektor kräftig ankurbelt. Plattformen, Raffinerien, Schiffe und Häfen werden gebaut, Zuliefer- und Dienstleistungsbetriebe entstehen, welche die wirtschaftliche Entwicklung des aufstrebenden Schwellenlandes vorantreiben. Da sich Brasilien bereits heute selbst mit Erdöl versorgt, dürfte der grösste Teil der «Pre-sal»-Vorkommen exportiert werden – mit entsprechend positiven Folgen für die Handelsbilanz des Landes. Gleichzeitig nutzt die Regierung einen Teil der aus den Förderlizenzen gewonnen Gelder für Sozial- und Bildungsprogramme. Der Staat mischt mit Petrobras spielt eine Schlüsselrolle in der wirtschaftlichen Entwicklung Brasiliens. Die Regierung macht denn auch kein grosses Geheimnis um ihr Begehren, den Einfluss des Staates auf den Konzern auszubauen. Die Kapitalerhöhung wird dies ermöglichen. Analysten gehen nämlich davon aus, dass sich die Nachfrage der Minderheitsaktionäre in Grenzen halten und der Umfang der verkauften Aktien 25 Milliarden Dollar nicht überschreiten wird. Die UBS geht sogar von lediglich 12 Milliarden Dollar aus. Vor diesem Hintergrund ist wahrscheinlich, dass es dem Staat gelingt, seine Beteiligung an Petrobras auf über 50 Prozent zu erhöhen. Petrobras verliert an der Börse Einige der Voraussetzungen für den Erfolg dieses Vorhabens hat die Regierung gleich selbst geschaffen. Der Termin der Kapitalerhöhung wurde mehrmals verschoben, per Dekret die Beteiligung halbstaatlicher Finanzinstitutionen an der Kapitalerhöhung zugelassen, und schliesslich entstand in den vergangenen Wochen auch noch einige Verwirrung um die Festsetzung des Barrel-Preises für die Transaktion. Während unabhängige Gutachter von 5 bis 6 Dollar pro Barrel ausgegangen waren, schlug die Regierung 12 Dollar vor. Schlussendlich wurde der Preis auf 8,51 Dollar pro Barrel fixiert – ziemlich genau in der Mitte also. Der in den Augen vieler Experte als zu hoch angesetzte Barrel-Preis kommt vor allem dem Staat zugute, der einen relativ hohen Gegenwert für die überschriebenen Ölreserven erhält. Die Wirren um die Kapitalerhöhung haben ihre Spuren hinterlassen. Die Aktie von Petrobras, einer der wichtigsten Titel in Lateinamerika, hat sich in den vergangenen zwölf Monaten um mehr als 10 Prozent entwertet, während es an der Börse in São Paulo rasant aufwärts ging. Entsprechend erleichtert dürfte man dort sein, wenn die Mega-Kapitalerhöhung endlich durch ist. Bild: (Screenshot http://www.petrobras.com.br/pt/)
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