Noch können Weichen gestellt werden, um eine Stromlücke abzufedern, sagt Energie-Expertin Almut Kirchner vom Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos. Sie ist Leiterin der wissenschaftlichen Arbeiten der „Energieperspektiven“ im Auftrag des Bundesamtes für Energie (BfE).
Yvonne von Hunnius: Gehen in der Schweiz 2035 die Lichter aus, wenn mehr Strom gebraucht als produziert wird?
Almut Kirchner: Nein. Man sollte den Begriff der „Stromlücke“ nicht angsterzeugend verkürzen. Der Schweizer Kraftwerkspark ist in einem Abalterungsprozess begriffen. Die grossen AKW-Blöcke werden bis auf Leibstadt bis 2035 sukzessive vom Netz genommen. Darüber hinaus laufen Teile der französischen Bezugsrechte aus, ebenfalls durch Abalterung von Kraftwerken. Und nun müssen wir uns fragen, wie wir die zukünftige Nachfrage decken – bei einem bisher nahezu ungebrochen wachsenden Trend. Wir haben bei diesem Trend für 2035 eine Differenz zwischen Nachfrage und derzeit gesichertem Angebot von 22,3 Terrawattstunden berechnet, das ist praktisch ein Drittel der Nachfrage in 2035. Verwandte Themen| { EU-Agrargelder für Kernfusion?, 13.08.10 } | | { 2000 Watt müssen reichen, 29.06.10 } | | { Am «Kern» vorbei diskutiert, 15.06.10 } | | { Atommüll XY ungelöst, 21.05.10 } | | { Wüstenstrom durchs Mittelmeer, 21.05.10 } | | { Atommüllproblem nicht gelöst, 06.05.10 } | | { Schweiz droht Abhängigkeit , 19.04.10 } | | { Solarinseln kommen aufs Dach, 29.03.10 } | | { Kritik an Energiepolitik, 25.03.10 } | | { Strom von der Insel, 10.02.10 } | | { Erfolgreich mit Erneuerbaren, 04.02.10 } | | { Die grösste Energiequelle, 02.02.10 } | | { Die Stunde der Interessenvertreter, 15.12.09 } | | { Erneuerbare Energien gewinnen, 11.12.09 } | | { Energie nur noch aus der Region, 03.12.09 } | | { Atomkraft hat keine Zukunft, 30.11.09 } | | { Erneuerbare brauchen Speicher, 30.11.09 } | | { Vattenfall unter Druck, 03.11.09 } | | { Windkraft lernt schwimmen, 02.10.09 } | | { CO2-Anstieg aus Menschenhand, 24.09.09 } | | { Solarbranche spürt den Frühling, 23.09.09 } | | { Energie für weniger Armut, 10.09.09 } |
Yvonne von Hunnius:Hat man versäumt, rechtzeitig vorzubauen?
Almut Kirchner:Laufzeiten und Abalterung von Kraftwerken sind berechenbare Prozesse. Man hat sich ungefähr seit 2002 intensiver mit dem Thema auseinander gesetzt. Aber solche Kernkraftwerksentscheidungen sind immer von grossem öffentlichem Interesse und brauchen Zeit. Wir reden ja auch von 2035, nicht von übermorgen. Die ersten AKW gehen gegen 2019 vom Netz. Wenn man zum Beispiel die Kapazitäten durch Einsparungen und erneuerbare Energien ersetzen möchte, geht das nicht stufenartig 2019, sondern es müssten früh Umsteuerungen für die Effizienzsteigerungen auf der Nachfrageseite und ein stetiger Zubau der Erneuerbaren organisiert werden.
Yvonne von Hunnius:Aber reicht die Zeit noch, um die Weichen zu stellen?
Almut Kirchner:Grundsätzlich ja. Wenn wir das Thema ernsthaft und dringlich angehen, kann man schlüssige Konzepte bis 2035 und darüber hinaus entwickeln –das muss auch geschehen, weil wir es hier mit sehr langlebigen Investitionen zu tun haben. Dennoch gibt es eine Übergangszeit zwischen etwa 2018 und etwa bis 2030, die anstrengend wird und für die wir relativ schnell Entscheidungen treffen müssen. Man kann importieren, im Ausland oder Inland in kleine oder grosse Kraftwerke investieren. Doch es wäre ein sehr ambitioniertes Unterfangen, die jetzt bald aus dem Netz gehenden Kernkraftkapazitäten so schnell zu ersetzen, wie sie ausfallen. Der gesellschaftliche Konsens spielt hier eine zentrale Rolle.
Yvonne von Hunnius:Warum nicht einfach im freien Energiemarkt Strom importieren?
Almut Kirchner:Ein Markt wie der Strommarkt ist nicht mit dem Markt für Äpfel vergleichbar, da er viel mit Infrastruktur zu tun hat und stark reguliert ist. Grundsätzlich ist Import eine Option. Doch wie alle Länder scheut auch die Schweiz Abhängigkeit – und man würde sich auch von den infrastrukturellen Voraussetzungen im Ausland abhängig machen. Die Schweiz und Deutschland haben gute Netze, doch es stehen grosse Veränderungen bevor, zum Beispiel durch den Ausbau von Offshore-Windparks im Norden oder grossen Solarkraftwerken im Süden, die angebunden werden müssen. Infrastruktur kann in Zukunft ein grosser Engpass werden. Der Import bedingt auch, dass sich eventuell die Schweiz an der Schaffung dazugehöriger Infrastruktur beteiligt. Und auch in der Schweiz besteht ein Netzerneuerungsbedarf. Darüber hinaus sind im europäischen Ausland ganz ähnliche Probleme der Alterung des Kraftwerksparks und zahlreichen Hemmnissen beim Infrastrukturausbau zu beobachten. Wir rechnen nicht damit, dass es einen Stromüberschuss gibt, auf den „einfach“ zugegriffen werden kann. Gerade um die erneuerbaren Potenziale wird es bei den ambitionierten EU-Ausbauzielen grosse Konkurrenz geben – mit Auswirkungen auf die Preise.
Yvonne von Hunnius:Welche Rolle kann die inländische Produktion von Alternativstrom spielen?
Almut Kirchner:Die Potentiale sind begrenzt: Die grosse Wasserkraft ist nahezu ausgeschöpft, die Schweiz ist kein grosses Windland, die Sonnenpotenziale sind theoretisch gross, aber stark durch verfügbare Flächen, Einstrahlungsbedingungen und Kosten begrenzt und das beschränkte Biomassepotential unterliegt Nutzungskonkurrenzen für Wärme, Strom und Mobilität. Es ist sehr sinnvoll, sich um einen geordneten Ausbau der Erneuerbaren zu kümmern, langfristig auch in ökonomischer Hinsicht. Doch es bedarf grosser Anstrengung, einen höheren Anteil der Erneuerbaren zu erreichen. Das gelingt nur, wenn gleichzeitig der leicht ansteigende Nachfragetrend umgekehrt wird. Die derzeitige Entwicklung geht jedoch noch nicht deutlich in diese Richtung.
Yvonne von Hunnius:Ist es überhaupt realistisch, den Strombedarf zu stabilisieren oder zu verringern, wenn gleichzeitig CO2- und Energieeffizienz-Massnahmen den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen vorbereiten?
Almut Kirchner:Die Energieszenarien liefern uns hier Hinweise. Grundsätzlich muss CO2-Einsparung und Effizienzentwicklung in den Bereichen Gebäude und Mobilität nicht notwendigerweise zu erhöhtem Stromverbrauch führen – auch bei den Stromanwendungen ist noch so viel Effizienzpotenzial vorhanden, dass insgesamt in einem kombinierten und optimierten System gleichzeitig CO2-Reduktion und Reduktion der Stromnachfrage möglich sind. Das ist bei steigender Bevölkerungsanzahl und Wirtschaftswachstum nicht einfach, aber möglich. Es geht bereits mit dem konsequenten Einsatz der besten vorhandenen Technologie, allerdings muss auch deren Entwicklung zukünftig konsequent fortgesetzt werden und neue Anwendungen müssen konsequent auf Energie- und Materialeffizienz hin optimiert werden. Unter diesen Voraussetzungen ist auch trotz eines einem konsequenten Einsatzes und Ausbaus von Wärmepumpen eine Verringerung der Stromnachfrage denkbar.
Yvonne von Hunnius:Ist der Strompreis in der Schweiz zu gering?
Almut Kirchner:Grundsätzlich haben wir eine Situation, in der es fast interessanter ist, Energie zu verschwenden als einzusparen. Das ist ein Zeichen dafür, dass notwendige und vorhandene Einsparungspotentiale nicht erschlossen werden können, da Preissignale dafür keine Anreize geben. Aber der Einsatz von Effizienzmassnahmen ist nicht nur eine Frage des Preises, denn die Investitionsmotivationen von Menschen sind komplex. Es geht auch um Information, Image und Finanzierung, also Verfügbarkeit von Investitionsmitteln zu einem bestimmten Zeitpunkt.
Yvonne von Hunnius:So wäre eine Stromlücke eine Chance auf höhere Preise und damit mehr Effizienz? Almut Kirchner:Ich weiss nicht, ob die Erhöhung der Preise als eine Chance wahrgenommen wird. Hier wird die Debatte sehr schnell emotional. Doch wir wissen: Wenn man auf der Stromseite Effizienz über ein Preissignal anregen will, dann muss man das Preissignal so deutlich machen, dass es spürbar wird. Es wird schwierig, hierfür Konsense zu bekommen. Wenn man allein über Preisinstrumente nachdenkt, würde man deutliche Effizienzsteigerungen nach unseren Abschätzungen erst mit einer Lenkungsabgabe erreichen, die die Preise verdoppelt. Das ist ein momentan sicher sehr schwer umsetzbares Instrument. Man sollte sich darüber hinaus mit Instrumenten befassen, die mehr als nur Energiepreise einbeziehen. Da sind Effizienzmärkte denkbar oder Zertifikatelösungen oder beides. Für einen verstärkten Ausbau der erneuerbaren Energien, auch im europäischen Kontext, und ihre Integration in den Markt ist ein Umbau des Strommarkts notwendig, der Regel- und Speicherkapazitäten abbildet, damit die Erneuerbaren aus der Förderung entlassen werden können. Doch das sind Strategien, die in den kommenden 10 - 15 Jahren erst noch entwickelt werden müssen.
Yvonne von Hunnius:Welche realistische Antwort auf die Stromlückenfrage könnte breiten gesellschaftlichen Konsens erhalten? Bald wird über neue AKW abgestimmt…
Almut Kirchner: Wir brauchen in vielen energiepolitischen Fragen eine breite gesellschaftliche Debatte. Was wollen wir uns leisten, was sind wir bereit, dafür zu bezahlen und was können wir verantworten? Inwieweit werden Investitionen in Kraftwerke – auch erneuerbare – und Infrastruktur als Daseinsvorsorge verstanden, oder wird hier unter dem Motto „Nicht in meinem Hinterhof“ blockiert? Konkret steht die Entscheidung an, ob man als Übergangslösung fossile Brennstoffe im Rahmen hocheffizienter Gaskraftwerke im Energiesystem zulässt. Schliesst man das kategorisch aus, fragt sich, ob man Kernkraftwerke bauen will, sich anderweitig an KKW beteiligt, aus dem Ausland importiert oder verstärkt inländisch in Effizienz und Erneuerbare investiert. So oder so müssen Entscheidungen getroffen werden. Vielleicht ergibt sich am Ende eine nur hauchdünne Mehrheit für die eine oder andere Lösung. Doch ich schätze das Schweizer System als stabil genug ein, dass eine Entscheidung letztlich von allen getragen wird. Zur Person: Almut Kirchner ist Physikerin und Expertin für Klimaschutz, rationelle Energieverwendung und Regenerative Energien. Seit 2003 leitet sie bei der Prognos AG das Marktfeld „Energie- und Klimaschutzpolitik“. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen bei der modellgestützten Analyse, Prognose und Szenarienentwicklung für Gesamtenergiesysteme. Sie hat unter anderem die wissenschaftlichen Modellierungsarbeiten für die Energieperspektiven bis 2035 Auftrag des Bundesamtes für Energie (BfE), eine umfassende Szenarienarbeit für Nachfrage und Angebot im Gesamtenergiesystem der Schweiz, geleitet. In jüngster Zeit hat sie u.a. die Studie „Modell Deutschland. Klimaschutz bis 2050 vom Ziel her denken“ im Auftrag des WWF Deutschland geleitet und arbeitet zur Zeit unter anderem an Szenarien für das Energiekonzept der deutschen Bundesregierung.
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