Das war erst ein Warnschuss

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Geschrieben von: Christian Mihatsch, Bangkok 03.09.10
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Russlands Dürre hat die Weizenpreise in die Höhe treiben lassen. Doch das war nur ein Warnschuss. Hätte die Hitzewelle Chicago oder Peking getroffen, wären die Ernteausfälle um ein Vielfaches höher. Der Welt steht wieder Mangel bevor.

Die weltweite Nahrungsmittelproduktion kann kaum mit der Nachfrage mithalten. Gleichzeitig nimmt die Häufigkeit von Extremwetterereignissen wie der Dürre in Russland wegen des Klimawandels zu. Dies führt zu höheren Preisen für Nahrungsmittel und zu grösseren Preisschwankungen. Die Märkte wittern Gefahr.

Waldbrände kosten bis zu 300 Milliarden Dollar

Die Hitzewelle in Russland hat nicht nur die Weizenernte dezimiert, sondern auch zu riesigen Waldbränden geführt. Umweltorganisationen haben nun den wirtschaftlichen Schaden aus diesen Bränden abgeschäzt. Pro Hektar Wald haben sie einen Wert von 25 000 Dollar (20 000 Euro/25 500 Franken) angesetzt. Dieser beinhaltet den Marktwert der verbrannten Bäume sowie die Kosten für die Wiederaufforstung. Die Organisationen gehen davon aus, dass 10 bis 12 Millionen Hektar Wald verloren gegangen sind. Der Schaden für die Russland beträgt so 300 Milliarden Dollar oder rund ein Viertel des russischen Bruttoinlandsprodukts. Die russische Regierung bestreitet allerdings, dass der Schaden so gross ist, da sie davon ausgeht, dass nur eine Million Hektaren Wald Opfer der Flammen wurden. Dazu bemerken die Umweltorganisationen, darunter WWF und Greenpeace: „Bedauerlicherweise sind die offiziellen Angaben zum Ausmass der Brände um einen Faktor Drei bis Zehn reduziert worden.“ Die Organisationen geben dem russischen Premierminister Wladimir Putin die Schuld am Ausmass der Brände. Dieser hat die nationale Forstaufsicht abgeschafft und deren 150 000 Mitarbeiter entlassen. „Die Wälder sehen vernachlässigt aus. Und man weiss,was dann passiert: Sie werden geplündert, sie fangen Feuer“, sagt ein WWF Sprecher. mic

Anstieg um 40 Prozent

Die Weltgetreidemärkte spielen verrückt. Seit Anfang Juli ist der Preis für Weizen um 40 Prozent, der für Gerste um 16 Prozent und der für Mais um acht Prozent gestiegen. Reflexartig geben viele Kommentatoren Spekulanten die Schuld, denn eigentlich gibt es weltweit genug Weizen auf der Welt. Dabei übersehen sie aber die eigentliche Ursache für die Nervosität der Märkte: Das russische Exportverbot für Weizen und die Überlegungen in Kasachstan und der Ukraine, es Russland gleich zu tun.
Ausserdem deuten die Fundamentaldaten einen kommenden Mangel an: Die Nahrungsmittelproduktion muss in den nächsten vierzig Jahren um 50 Prozent erhöht werden, um mit der wachsenden Weltbevölkerung und dem zunehmenden Fleischkonsum in den Schwellenländern mitzuhalten. Die OECD prognostiziert denn auch, dass die Weizenpreise in den nächsten zehn Jahren inflationsbereinigt um 15 bis 40 Prozent steigen werden. Kurz, die Preise müssen steigen, damit das Angebot mit der Nachfrage mithalten kann.

Dürre in Chicago wäre viel schlimmer

Die Aufregung um die angeblich durch Spekulanten künstlich hochgetriebenen Weizenpreise verdeckt aber noch eine ganz andere, reale Gefahr: Was wenn die Hitzewelle nicht Moskau, sondern Chicago oder Peking getroffen hätte? Zur Erinnerung: Russland hat dieses Jahr unter einer zweimonatigen Hitzewelle gelitten, von Mitte Juni bis Mitte August. Dabei waren die Temperaturen im Juli 14 Grad höher als im Durchschnitt. Eine derartige Hitzewelle würde auch andernorts zu enormen Ernteausfällen führen, erklärt der Agrarwissenschaftler und Gründer des Worldwatch Instituts Lester Brown in einem Interview mit dem Foreign Policy Magazin. „Die beiden gefährlichsten Orte für eine Dürre wie in Moskau sind Chicago und Peking. Wenn diese Hitzewelle Chicago getroffen hätte, hätten wir mindestens 150 Millionen, vielleicht sogar 200 Millionen Tonnen an Getreide verloren,“ statt 40 Millionen Tonnen wie in Russland. „An den Getreidebörsen würde Chaos herrschen.“ Ähnlich wäre es bei einer Dürre rund um Peking: „Peking liegt in der nordchinesischen Ebene. Dort wird die Hälfte von Chinas Weizen und ein Drittel von Chinas Mais produziert. Alles, was die chinesische Produktion stark reduziert, hat einen enormen Effekt auf die Welt. China müsste sich in Amerika mit Getreide eindecken. Die Preise für amerikanische Konsumenten würden dramatisch steigen und politisch gäbe es die Versuchung die Exporte zu beschränken, um die Preise unter Kontrolle zu halten.“

China führt erstmals Mais ein

Noch kann sich China aber weitgehend selbst mit Nahrungsmitteln versorgen. Die Frage ist nur: Wie lange noch? Die Pekinger Regierung ist hier keine Hilfe: China hält die Höhe seiner Ernteerträge und Nahrungsmittelvorräte geheim. Doch dieses Jahr hat China zum ersten Mal signifikante Mengen an Mais importiert, berichtet das Wall Street Journal. Noch im Jahr 2003 hat China 15 Millionen Tonnen Mais exportiert. Doch nun schätzen Analysten, dass China nächstes Jahr fünf und bis ins Jahr 2015 gar 15 Millionen Tonnen Mais einführen muss.

Agrarland geht verloren

Neben der wachsenden Bevölkerung und dem zunehmenden Fleischkonsum in China macht Lester Brown vor allem der Verlust an Landwirtschaftsland Sorgen: „Letztes Jahr wurden in China 12 Millionen Autos verkauft. Dieses Jahr werden es voraussichtlich 17 Millionen sein. Und wenn die Zahl der Autos zunimmt, muss man Land asphaltieren. Man braucht mehr Strassen, Autobahnen und Parkplätze. Für fünf zusätzliche Autos muss man rund 4000 Quadratmeter planieren.“ Die Marge, um Angebotsschocks wie den Ernteausfall in Russland zu kompensieren, wird so immer kleiner, während die Wahrscheinlichkeit von Extremwetterereignissen wegen des Klimawandels weiter zunimmt.

 

Bild: www.tetti.de

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