Entspannt Euch!

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, Frankfurt 01.09.10
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Mit weniger Ehrgeiz zu mehr Erfolg – kein Widerspruch, sondern zentraler Bestandteil der Zen-Philosophie für Führungskräfte. Der ehemalige PR-Manager Paul Kohtes lebt sie und ist der Meinung, nachhaltiges Wirtschaften könne nur funktionieren, wenn Druck abgebaut werde.

Yvonne von Hunnius: Wie würde die Wirtschaft aussehen, wenn es mehr Manager gäbe, die Zen leben?

Paul Kohtes:Zumindest entspannter und das wäre schon ein wirklicher Vorteil, denn Entspannung ist meiner Meinung nach eine zentrale Voraussetzung dafür, dass sich ein nachhaltiges Bewusstsein entwickeln und etablieren kann. Im Business agieren viele Menschen heute eher verkrampft – nicht nur in konventionellen Branchen, auch im ökologischen Bereich. Typische Lagerbildungen unter dem Motto „wir gegen die“ sind die Folge.

Yvonne von Hunnius:Und wie kann Zen hier helfen?

Paul Kohtes:Zen führt zu einem andern Bewusstsein, heraus aus dem einseitigen Fokus auf bestimmte Paradigmen oder Wertsysteme. Diese werden damit nicht obsolet, doch man wird sich der Tatsache bewusst, Teil eines Ganzen zu sein. Und in diese ganzheitliche Perspektive kann man jedes Wertsystem selbstverständlich integrieren. Eine solche Adlerperspektive kann in jedes Businessmeeting hineingenommen werden. Ein Stück Entspanntheit wird dabei gewonnen, ohne dass diese zu „laissez faire“ führt. Gerade komme ich von einem Kurs mit Führungskräften, bei dem sich wieder einmal gezeigt hat: Eine entspannte Grundhaltung kann tatsächlich auch mehr Spaß und Freude selbst bei der Arbeit bringen. Wer entspannt und dennoch motiviert ist, kann spielen wie ein Kind und dabei auch noch sehr produktiv sein. Das ist der Gegenpol zur einengenden kontinuierlichen Spannung, die das Business heute vielerorts prägt.

Yvonne von Hunnius:Und das, ohne dass Zen Werte transportiert?

Paul Kohtes:Gerade deshalb, denn weil Zen frei von Werten ist, führt es über Fixierungen hinaus. Auch die ökologische Bewegung ist ja häufig fixiert auf ihre Werte, was zu einer neuen Einseitigkeit führt. Zen ist keinesfalls eine Religion, sondern lediglich eine Bewusstseinsschulung.

Yvonne von Hunnius:Würde es etwas bringen, Zen in eine Corporate-Identity zu integrieren?

Paul Kohtes:Ich habe mehrere Jahrzehnte Unternehmen zu solchen Fragen beraten und aus meiner Erfahrung heraus kann ich nur sagen: In dem Moment, in dem etwas aufgeschrieben wird, ist es auch schon ausgehöhlt, weil es seine Lebendigkeit verliert.

Yvonne von Hunnius:Gilt das auch für ambitionierte Firmenwerte der Nachhaltigkeit, die festgezurrt werden?

Paul Kohtes:Wenn grosse Firmen sich der Nachhaltigkeit verpflichten und dies in Leitlinien formulieren, dann werden an sich gute Ideen häufig zur Leerformel. Man delegiert das Programm möglicherweise an einen „Nachhaltigkeitsverantwortlichen“, der letztlich keine Kompetenzen erhält. Ich halte auch Nachhaltigkeitsberichte für überflüssig, weil sie ein ganzheitliches Thema wieder in Segmente separieren. Zen ist eine Bewusstseinsschulung, Nachhaltigkeit ist ein Grundprinzip, eine Überlebensstrategie. Die Chance liegt darin, beide Aspekte zu verbinden, um so eine umfassendere Perspektive zu entwickeln.

Yvonne von Hunnius:Aber wie kann man solcherlei Grundprinzipien verankern – so ganz ohne Schrift? Nur mittels weitergegebenem Zen-Bewusstsein?

Paul Kohtes:Zen ist eine Praxis, keine Theorie – und entfaltet sich im Tun! Wir sind dagegen meistens auf Beharren gepolt. Aber wir können auch erkennen, dass Wandel etwas sehr Vergnügliches ist, ein kreativer Prozess. Schauen Sie sich das Social Web an, das sich nach diesem Prinzip entwickelt. Wenn ich diese neuen Formen der Kommunikation, also des Miteinanders, betrachte, bin ich sehr zuversichtlich.

Yvonne von Hunnius:Somit wirft Zen ganz selbstverständlich einen Innovationsmotor an?

Paul Kohtes:Unbedingt. Die meisten Firmen agieren im Hinblick auf ihre Dynamik und ihre ökonomische Entwicklung zu konventionell. Sie betreiben beispielsweise vor der Einführung eines Produktes konventionelle Marktforschung und dennoch misslingen neun von zehn Markteinführungen. Häufig wird einfach zu linear gedacht. Wer Zen praktiziert, erkennt leichter die Begrenztheit der eigenen Gedanken. In der Stille öffnet sich ein Raum, in dem wirklich Neues entstehen kann – und dieser kreative Prozess ist die Basis für Innovationen.

Yvonne von Hunnius:Aber wie kann man nun konkret seine Kreativität steigern und das Bewusstsein ändern?

Paul Kohtes:Das ist ein Öffnungsprozess, den jeder einzelne durchlaufen sollte. Zen ist meiner Meinung nach die beste, aber nicht die einzige Möglichkeit, dies zu tun. Hier geht man durch Meditation in die Stille nach der simplen Devise: „have a break“. Es geht darum, einen Moment aus der Erstarrung herauszukommen. Und das Gegenteil von dem zu wagen, was normal ist. Das funktioniert allerdings nicht wie bei vielen Kreativitätstechniken auf Knopfdruck. Man braucht die Bereitschaft, sich auf einen elementaren Entwicklungsprozess einzulassen.

Yvonne von Hunnius:Bei Zen-basiertem Management geht es um die Einbeziehung der Mitarbeiter, permanenten Wandel und eine Adler-Perspektive. Das ist auch Inhalt von Lean-Management-Prinzipien…

Paul Kohtes:Warum nicht? Zen ist eine uralte Erfahrungssichtweise, die sich im Laufe der Jahrhunderte als besser als die konventionelle herausgestellt hat. Im Moment haben wir die grosse Chance, die asiatische Sicht auf das Ganze mit der modernen Psychologie des Westens zu verbinden. Ich bin guter Dinge, denn das ist eine vielversprechende Ehe. Zen hat den Vorteil der Klarheit, es handelt sich um keine Sekte und die Methode ist sehr sicher. Viele andere Ideen sind Zeitgeistideen und bei Zen ist die Methode direkter Bestandteil der Idee: Ohne zu meditieren, kann man nur schwer in den gewünschten Bewusstseinszustand kommen. Zen in die Lebenswirklichkeit hineinzubringen, ist eine Errungenschaft des Westens, denn im Osten findet das kaum mehr statt.

Yvonne von Hunnius:Viele Stimmen behaupten, ein grosses kulturelles Problem unserer Wirtschaft sei, dass wir nicht mit dem Scheitern umgehen könnten. Hat Zen auch hierfür eine Lösung?

Paul Kohtes: ist ein wichtiger Punkt. Ich glaube, dass viele Wirtschaftsprobleme wesentlich durch tief sitzende Angst in allen Beteiligten vorprogrammiert sind. Das Sicherheitsbedürfnis ist hierbei nicht entscheidend, sondern die Angst. Angst bedeutet immer Enge – und wenn ich eng bin, kann ich nicht weit denken. In diesem engen Denken wird Scheitern mit einer Katastrophe gleichgesetzt.
Im Zen hingegen machen Sie die Erfahrung des Scheiterns häufig, Sie lernen damit umzugehen. Wenn Sie sich hinsetzen und still sind, merken sie, dass Sie nicht alles kontrollieren können. Das ist eine frustrierende Erfahrung – furchtbar, gerade für eine Führungskraft. Nun steht sie nicht mehr unter dem Druck des Kontrollierens und Handelns, sondern ist ausgeliefert. Nur wer hiermit vertraut ist, kann die Angst verkleinern.

Yvonne von Hunnius:Sie propagieren ja auch, dass in diesem Kontext „weniger wollen“ und „mehr erreichen“ zusammenpassen. Aber wie soll das funktionieren?

Paul Kohtes:Wenn ich eine gelassene Grundhaltung entwickele, kann ich die Erfahrung machen, dass etwas zu leisten nicht immer Druck erfordert, sondern auch lustvoll „einfach passieren“ kann. Druck lässt sich nicht immer vermeiden, doch kann man ihm seine Destruktivität nehmen. Nehmen wir den Satz „Geben ist seliger denn Nehmen“, mit dem heute kaum noch jemand etwas anfangen kann. Denn wir alle sind einseitig  aufs Nehmen programmiert, obwohl Geben genauso spannend ist. Wenn ich nicht mehr geben kann, verderbe ich mir jedoch den Spass am Leben.
Wir sind ebenso aufs Ziel programmiert und erzeugen so Druck. Solange wir Dinge mit einem Zweck verbinden, nehmen wir ihnen die Heiligkeit, den Charme des Einfach-Tuns. Und gerade die calvinistische Ethik, die bekanntlich im Schweizer Raum begründet ist, stützt sich auf Druck, sogar auf Gott–gewollten …

Yvonne von Hunnius:Aber widersprechen Sie damit auch dem generellen Wachstumsgedanken?

Paul Kohtes:Aus der Zen-Perspektive gibt es überhaupt kein Ende der Fahnenstange. Die Frage lautet doch: Mit welchem Ego-Druck gehe ich beispielsweise an Wachstum heran? Der Ego-Druck spielt eine unglaublich grosse Rolle. Wenn jemand sich vornimmt, unbedingt Millionär zu werden, dann wird er alles Erdenkliche in Bewegung setzen. Und tatsächlich, dann ist es auch möglich. Allerdings: Welch ein Druck ist erforderlich, das zu erreichen? Mit Ego-Druck kann ich fast alles erreichen, auch wenn der Preis für dieses Pushen enorm hoch ist. Wachstum funktioniert aber auch anders, nämlich durch Kommen-lassen. Evolution funktioniert so. Nun wird es uns nicht zufriedenstellen, nur darauf zu warten, dass etwas „von selbst“ geschieht. Deshalb brauchen wir heute eine Balance von Push und Pull. Im Chinesischen heißt das „Wu Wei“, was soviel wie müheloses Tun bedeutet. Also wenn wir etwas wollen – und die natürlichen Prozesse in dieses Wollen einbeziehen, kann eine bessere ganzheitliche Lösung entstehen, als wenn wir die Dinge, so wie das heute „normal“ ist, quasi gewaltsam durchsetzt. 

Yvonne von Hunnius:Wie könnte man Ihrer Meinung nach die Ausrichtung im Ganzen verändern?

Paul Kohtes: Wie gesagt, es ist besser, wenn es sich von innen heraus selbst ergibt. Wie bei der Nächstenliebe: Wenn ich die Erfahrung gemacht habe, dass mir etwas gut tut, dann ist die natürliche Folge, dass ich selbst danach handle. Da braucht es kein politisches Programm. Wenn ich einmal ganz unmittelbar erfahren habe, zum Beispiel in der Stille einer Meditation, wie eng wir alle miteinander vernetzt sind, dann wird die Ausrichtung am Ganzen eine natürliche Folge dieser Erfahrung sein. Das ist idealtypisch betrachtet. Im Alltag geht es leider allzu oft offensichtlich nur so: Ich persönlich habe auch erst zum Zen gefunden, als ich in einer Krise steckte …
 
 
Zur Person:
Paul Kohtes (Jahrgang 1945) gründete mit 28 Jahren in Düsseldorf die PR-Agentur KohtesKlewes und machte sie zum Marktführer. Seine Schwerpunkte sind Seminare in Zen-Meditation, Führungskräfte-Coachings und Publikationen zu „Management und Spiritualität“. 1998 gründete er die gemeinnützige Stiftung „Identity Foundation“. Der von der Stiftung im November 2010 in Berlin organisierte Kongress „Meditation & Wissenschaft“ zeigt unter anderem, welchen Nutzen Meditation im Arbeitsleben stiftet.

 

Bild: Tobias Klein / Conactor.com

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