Arbeit ist das halbe Leben, sagt man. Dieser Spruch trifft für die Zeitgenossen, die im Buch „Ein halbes Leben“ zu Wort kommen werden, in doppelter Weise zu. Einerseits ist ihnen der Beruf ein Kernbereich ihres Alltagslebens: Er bestimmt zum guten Teil ihren Tagesablauf und prägt ihre gesellschaftliche Existenz auch außerhalb der eigentlichen Arbeitszeit. Andererseits sind sie in der Regel schon seit gut 20 Jahren mit ihrer Arbeitswelt vertraut und verfügen somit über ein fundiertes Erfahrungswissen, was deren langfristige Veränderungen angeht. Genau hierum soll es in unserer Studie gehen. Was ist deren Ziel und worin unterscheidet sie sich von den bereits vorliegenden Studien zum Wandel der Arbeitswelt? Tagtäglich erhalten wir eine Fülle an Informationen über den Zustand, die Struktur und die Entwicklung der Erwerbsarbeit. Die Medien – Zeitung, Fernsehen, Hörfunk oder Internet – beleuchten auf ihre jeweils eigene Weise die vielfältige Welt der Arbeit. Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit, Stellenabbau und Tarifverhandlungen, Ausbildungsfragen und Beschäftigungsförderung, Niedriglöhne und Bonuszahlungen haben stets Nachrichtenwert. Viele publizistische Beobachter neigen dazu, Veränderungen entweder zuzuspitzen oder herunterzuspielen. Oft machen sie sich dabei allzu schnell einen Reim auf Wandlungsprozesse oder suchen nach griffigen Formulierungen, um Aufmerksamkeit für ihre Sichtweisen und Thesen zu bekommen. Entwicklungen der Arbeitswelt werden in der Regel in der Perspektive aufblühender oder niedergehender Branchen und Berufe sowie aus dem Blickwinkel von Politikkonzepten, Rechtsfragen oder institutionellen Erfordernissen mittels plakativer Formeln beschrieben. Das Wort erhalten dann vorzugsweise Experten und Berater, Statistiker und Demoskopen oder Geschäftsführer, Personalleiter, Betriebsräte und Arbeitsmarktpolitiker. Die Erfahrungen der Arbeitskräfte finden dagegen oftmals nur am Rande Berücksichtigung. Studie zum Wandel der Arbeit Welche Erfahrungen Erwerbstätige mit dem Wandel machen, haben Soziologen der Universität St.Gallen (HSG) gemeinsam mit Forschern in Deutschland, Österreich und der Schweiz untersucht. Das Ergebnis des Dreiländerprojekts ist ein Band mit über 50 Portraits von Beschäftigten, erschienen im UVK Universitätsverlag Konstanz. "Ein halbes Leben: Biografische Zeugnisse aus einer Arbeitswelt im Umbruch", UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz, ISBN Nummer: 978-3-86764-244-6 Auch in den Sozialwissenschaften dominieren generalisierende Sichtweisen auf die Arbeitswelt. Entweder wird versucht, Entwicklungen der Welt der Arbeit durch Zahlenreihen einzufangen. In der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, in der Arbeitspsychologie und der Betriebswirtschaft, in der Industrie- und Arbeitssoziologie trägt man eine Vielzahl an quantifizierbaren Daten zusammen und verarbeitet sie mittels statistischer Verfahren zu eingängigen Tabellen und Schaubildern. Die dabei formulierten Fragestellungen entstammen häufig dem Problemhorizont der politischen Führungskräfte. Die Arbeitsmarktpolitik wird evaluiert, Wirtschaftsbranchen werden monographisch erörtert sowie verschiedene Aspekte der Arbeitsbedingungen wie Arbeitszeiten und Entlohnungsbedingungen ausgeleuchtet. Dabei bürgt allein die Scheinpräzision der Zahlen für „Objektivität“. Auf der anderen Seite der wissenschaftlichen Auseinandersetzung stehen Interpretationen, welche subjektbezogene Aspekte der Arbeitsrealität in den Blick nehmen, beispielsweise die Befindlichkeiten, Einstellungen und Motivlagen der Beschäftigten. Von dieser Warte aus wird meist versucht, Entwicklungen in der Arbeitswelt mit Konzepten wie „Subjektivierung“ und „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ darzustellen. Diese Herangehensweisen entsprechen der Vielfältigkeit der arbeitsweltlichen Realität aber oft weniger als der öffentlichen oder publizistischen Nachfrage, die nach neuen Formeln sucht. Um die Entwicklungen in der Arbeitswelt verstehen und interpretieren zu können und dadurch eine wichtige Voraussetzung zu ihrer Gestaltung im Sinne der Beschäftigten zu leisten, halten wir es für notwendig, die Erfahrung der Arbeitenden selbst zum Ausgangspunkt zu nehmen. Wir denken, dass das Bild einer sich verändernden Arbeitswelt unvollständig bleibt, wenn nicht systematisch das Erleben und die Kenntnis von denjenigen Menschen einbezogen werden, die in unterschiedlichen Berufsfeldern und Arbeitszusammenhängen tätig sind. Eine aus 45 Forscherinnen und Forschern bestehende Gruppe aus den drei Nachbarländern Deutschland, Österreich und der Schweiz unternahm daher den Versuch, auf der Grundlage von qualitativen Interviews mit Personen aus sehr unterschiedlichen Bereichen und Positionen ein Panorama bzw. eine Bestandsaufnahme charakteristischer Situationen und Entwicklungen unserer heutigen Arbeitswelt zu erstellen. Die befragten Arbeitskräfte treten zum einen als Zeugen der Entwicklung in ihrem Sektor auf. Zum anderen sind sie für uns Informanten, die aufgrund einer langjährigen Einbindung Aussagen über ihr Arbeitsfeld mit erwerbsbiografischer Tiefenschärfe treffen können. Mit dieser Form einer »Radiografie« gesellschaftlichen Wandels »von unten« steht das Vorhaben in der guten, aber in den vergangenen Jahrzehnten doch weitgehend verschütteten Tradition einer qualitativen Arbeitssoziologie, die von den Beschäftigten her auf die Arbeitswelt blickt. Die biografisch-narrative Konzentration auf »soziale Flugbahnen« »soll dazu verhelfen, den Zusammenhang von aktueller Lebenssituation und übergreifenden gesellschaftlichen Strukturen besser zu klären, als es mit den üblichen Methoden der empirischen Sozialforschung gelungen ist, die allzu sehr den Charakter von Momentaufnahmen«1 tragen. Der verstehende Zugang bringt Spannungen, Widersprüche und Uneindeutigkeiten von arbeitsweltlichen Veränderungen zur Sprache und verweist auf die soziale Bedingtheit des Umgangs mit ihnen. Nicht zuletzt deshalb waren wir bemüht, die berufspositionalen Unterschiede in der Wahrnehmung von Entwicklungen nachzuzeichnen; im Gesundheitssektor beispielsweise kommt so ein ganzes Ensemble von Sichtweisen zusammen, in denen analoge Vorgänge unterschiedlich wahrgenommen und problematisiert werden. (...) Auszug aus der Einleitung der Publikation "Ein halbes Leben: Biografische Zeugnisse aus einer Arbeitswelt im Umbruch", UVK Universitätsverlag Konstanz, ISBN Nummer: 978-3-86764-244-6 Zur Person: Prof. Dr. Franz Schultheis ist Soziologe und habilitierte bei Pierre Bourdieu. Seit 2007 arbeitet und forscht er als Professor für Soziologie an der Universität St. Gallen. Er ist darüberhinaus als Lehrbeauftragter an den Universitäten Genf, Fribourg, Louvain-la-Neuve, Strasbourg und Zürich tätig. Bild: Prof. Dr. Franz Schultheis (Universität St.Gallen, HSG, Hannes Thalmann)
|