Die deutsche GLS Bank will seit 35 Jahren Sinn, Gewinn und Sicherheit unter einen Hut bringen. Mit Erfolg, sagt GLS-Vorstand Andreas Neukirch. Transparenz der Geldverwendung sei Dank. Momentan verzeichnet die GLS Bank Wachstumsraten um die 30 Prozent.
Yvonne von Hunnius: Besonders seit Krisenbeginn kann die GLS Bank auf rapide Wachstumszahlen verweisen – wie schnell und wohin kann sie wachsen, ohne Nachhaltigkeit aus dem Blick zu verlieren?
Andreas Neukirch: Das hängt davon ab, wie viele Kunden mit uns zusammenarbeiten und wie wir das handhaben. Wir gehen davon aus, dass weiterhin viele Menschen nach sinnvollen Geldanlagen suchen. Die Strukturen innerhalb der Bank passen wir entsprechend unserenEntwicklungsschritten immer wieder an. Aber der Kern unserer Arbeit, wie beispielsweise die nachhaltige und strikt realwirtschaftlich ausgerichtete Geldverwendung und die Transparenz werden bleiben. Wir zeigen den Kunden, wohin das Geld investiert wird. Verwandte Themen| { Mit Verantwortung zum Erfolg, 04.08.10 } | | { Aktien für den Klimaschutz, 10.06.10 } | | { Armutsfallen vermeiden , 08.04.10 } | | { Grüne Banker sind gefragt, 10.02.10 } | | { Nachhaltig in Zeiten der Krise, 04.02.10 } | | { Mikrofinanz zündet nächste Stufe, 15.01.10 } | | { Mikrofinanz wächst schneller, 28.10.09 } | | { Nachhaltigkeit hat Zukunft, 13.10.09 } | | { Banker als Herdentiere, 17.09.09 } | | { Finanzplatz muss sich neu erfinden, 16.09.09 } | | { Finanzmarkt wirbt um Vertrauen, 10.09.09 } | | { Flüchtiges Geld hemmt Entwicklung, 09.09.09 } | | { Kampf um das gute Gewissen, 27.08.09 } |
Yvonne von Hunnius:Hierbei spielen Sie auf die strikte Transparenz für Kunden an…
Andreas Neukirch: Nicht nur. Es könnte jeder transparent sein, das hat noch keine Auswirkungen darauf, wohin das Geld fliesst. Denn das passiert ja erst im zweiten Schritt. Erst wenn ich als Kunde sehe, was mit dem Geld passiert, mische ich mich ein und bestimme mit. Es geht um sozial-ökologische Geldverwendung, die letztlich offen gelegt wird. Das wird sich in der GLS Bank auch mit wachsender Grösse nicht ändern.
Yvonne von Hunnius:Denken Sie, jeder würde sozial-ökologisch sinnvoll mit dem Geld umgehen, wenn er verantwortlich mitentscheiden könnte, wohin es geht?
Andreas Neukirch: Ja, davon gehe ich aus! Immer mehr Menschen wollen sich doch heute gesund ernähren, Naturkosmetik verwenden, Ökostrom beziehen, ein Auto fahren, das wenig Sprit verbraucht und dazu noch eine gute Bank, bei der man sicher und sinnvoll sein Geld anlegen kann. Und dieser Wunsch nach Aufklärung hinsichtlich der eigenen Bank und dem Blick hinter die Kulissen trifft auf einen immer grösseren Anteil in der Bevölkerung zu, der sich zugleich in der Lage sieht, etwas zu verändern. Es ist eine Trendwende angestossen worden.
Yvonne von Hunnius:Hätte die Bankenkrise stattgefunden, wenn alle Banken nach Ihrem Prinzip gewirtschaftet hätten?
Andreas Neukirch: Es geht nicht darum, dass das, was wir tun, eins zu eins vielfach wiederholt wird. Aber ich glaube, dass die Krise anders verlaufen wäre, beziehungsweise man im Vorfeld andere Entscheidungen getroffen hätte, wenn sich viele immer wieder gefragt hätten, was denn von den Entscheidungen noch verständlich ist. Warum lehnt man sich zurück und kann sagen: Ich kann ja nichts dafür? Das ist bei einem Prinzip wie unserem anders.
Yvonne von Hunnius:Was von diesem Geist könnte man bei internationalen Verhandlungen um strengere Finanzregeln einbringen?
Andreas Neukirch: Unsere Ideen werden beispielsweise bei G8-Verhandlungen positioniert – das hat mit der internationalen Zusammenarbeit der alternativen Banken zu tun – der Global Alliance for Banking on Values. Das eine betrifft den Aspekt der Forderung nach mehr ökonomischer Bildung, um die Zusammenhänge verstehen und kritisch hinterfragen zu können. Das bedeutet eben nicht das Nachplappern der ökonomischen Regeln der letzten 40 Jahre. Stattdessen muss der Umgang mit Transparenz geübt werden. Der zweite Punkt ist, den Mut zu haben, rein spekulative Produkte zu verbieten. Man sollte nicht zimperlich sein, beispielsweise Leerverkäufe zu verbieten.
Yvonne von Hunnius:Hilft da ein Vorpreschen einzelner?
Andreas Neukirch: Das Kredo „Wenn wir es alle zusammen täten, dann wäre es am besten“ kann man natürlich unterschreiben. Doch die Hürde ist zu hoch. Ich glaube, es ist nicht zu unterschätzen, wenn Länder wie Deutschland voranpreschen. Gerade im Bereich der Erneuerbaren Energien hat man gemerkt, dass viele Länder sich bei uns etwas abgeschaut haben. Das hat Signalwirkung. Und das ist gerade in diesen Zeiten wichtig, in denen eine Neuorientierung notwendig ist.
Yvonne von Hunnius:Abgeordnete des EU-Parlaments haben sich beschwert, es gäbe zu wenig Lobbyarbeit aus der alternativen Finanz-Szene. Wie stehen Sie dazu?
Andreas Neukirch: Die etablierte Finanzbranche bietet eine intensive Betreuung, das können wir alternative Banken in dieser Weise nicht leisten. Wenn ich aber sehe, wie viele Veranstaltungen stattfinden, die diese Themen behandeln und die zahlreichen Publikationen betrachte, dann glaube ich, dass ein grundsätzlicher Prozess angestossen wurde. Nun stellt sich die Frage: Wann merkt die Politik, dass dieser Prozess unverrückbar ist?
Yvonne von Hunnius:Wie steht die GLS Bank zu den teilweise in der Kritik stehenden CO2-Zertifikaten?
Andreas Neukirch: Auch bei uns wird das analysiert – es wird nichts anderes übrig bleiben, als unvermeidliche Emissionen wenigstens zu kompensieren. Dass diese Kompensation ein schwieriger Prozess ist, ist unbestritten. Doch das Prinzip, wonach externe Effekte global internalisiert werden müssen, werden wir verwenden müssen, um die CO2-Problematik zu lösen.
Yvonne von Hunnius:Welche Bewertungskriterien gelten bei Ihnen in der Kreditvergabe und im Anlagengeschäft?
Andreas Neukirch: Bei unserer Kreditvergabe geht es um sehr individuelle Fragen unter sozialen, ökologischen und ökonomischen Gesichtspunkten. 60 Prozent der Kredite im letzten Jahr haben einen sozialen Hintergrund in der Bildungs- oder Kulturlandschaft. Die restlichen 40 Prozent befanden sich im ökologischen Bereich. Bei den Wertpapieranlagen definieren wir seit Jahren unser eigenes Anlageuniversum in einem dreistufigen Prozess. Von einer auf Nachhaltigkeits-Analysen spezialisierten Rating-Agentur erhalten wir Vorschläge und ein erstes Scanning von Wertpapieren, in einer zweiten Stufe schauen wir uns im GLS-Anlageausschuss, der aus internen und externen Experten besteht, jede Anlage noch einmal genau auf unsere Kriterien hin an. Und im dritten Schritt trifft die eigentliche Entscheidung der Kunde. Wir zeigen, was er mit einberechnen kann, machen alles sichtbar – er entscheidet.
Yvonne von Hunnius:GLS steht für Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken. Verschenken Sie auch Geld?
Andreas Neukirch: Wir sind der Meinung, Überschüsse sollten auch durch Schenken verteilt werden. Die GLS Bank ist eine Universalbank und in drei Bereiche aufgeteilt: Die Bankgeschäfte sind ein Teil, ein anderer unsere Stiftungsaktivitäten in der GLS Treuhand - hier wird Geld verschenkt. Schauspielprojekte für Schüler rechnen sich beispielsweise nicht im engeren ökonomischen Sinne, doch können durch Stiftungsgelder unterstützt werden. Und neben dem Finanzieren aus Fremdkapital und durch geschenktes und gestiftetes Geld verfügen wir mit der GLS-BeteiligungsAG noch über eine dritte Säule, die für Eigenkapitalfinanzierungen zuständig ist und, die sich beispielsweise darum kümmert, dass Unternehmen Zugang zu Startkapital bekommen.
Yvonne von Hunnius:Sie werben damit, bei Ihnen gäbe es keine Spekulationen. Doch wenn Sie in ein risikoreiches Startup investieren, spekulieren Sie im landläufigen Wortsinn doch auf Gewinn…
Andreas Neukirch: Das ist eine Frage der Definition. Mit der Spekulation, bei der darauf gesetzt wird, dass an einer Ecke der Welt etwas anders läuft, als alle denken, haben wir nichts zu tun. Wenn man bei Entwicklungen beispielsweise von Startups früh dabei sein will, sind das Investitionen, die realwirtschaftlich fundiertert sind.
Yvonne von Hunnius:Gilt das auch für Mikrokredite, bei denen die GLS Bank in Deutschland sehr aktiv ist?
Andreas Neukirch: Wir machen das seit 2002 und seit Anfang dieses Jahres haben wir den Zuschlag, das bundesweit weiterzuführen und ein flächendeckendes Netz aus Mikrokreditinstituten aufzubauen. 40 bis 50 sind schon aktiv, bundesweit sollen es bis zu 250 werden. Den Inhalt von Mikrofinanz muss man differenziert betrachten. Beispielsweise mussten vor der WM Warenlager kleiner Geschäfte in einem Stadtteil aufgefüllt werden und Mini-Vorschüsse waren notwendig. Oder jemand hat eine richtig gute Idee für ein Unternehmen. Hier geht es häufig um Summen zwischen 5.000 und 10.000 Euro. Das wichtigste ist, dass dort keine Hürde entsteht, nur weil das, was entsteht, etwas Kleines ist.
Zur Person: Der Bankkaufmann und Diplomkaufmann Andreas Neukirch ist seit September 2002 als Vorstand der GLS Bank tätig, darüber hinaus Vorstand der GLS Beteiligungs AG sowie GLS Energie AG. Neukirch ist im Aufsichtsrat des ISB (Institute for Social Banking) und ehrenamtlicher Vorstand eines großen Caritasverbandes und Pflegebetriebes. Die GLS Bank besitzt 83.000 Kunden (im Vergleich: 2007 waren es noch 55.000) und finanzierten 2009 rund 8.600 Unternehmen und Projekte. Die Bilanzsumme der Bank hat sich in nur 2 Jahren fast verdoppelt und liegt bei nunmehr rund 1,75 Mrd. Euro.
Bild: Tobias Klein / www.conactor.com
|