Der Bayerische Bergwald ist bedroht. 7.000 Hektar sollen durch die Änderung des Bundeswaldgesetzes in Weideland umgewidmet werden, um Fördergelder für die Bergbauern zu sichern. Die lichteren Bergwälder und der Verlust der Waldeigenschaft wird zahlreiche negative Folgen haben, sagt Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz BUND.
Claudia Kohlus: Welche Risiken sehen Sie, wenn Schutzwald zu Weideland wird?
Hubert Weiger: Der Schutzwald ist unverzichtbar. Weideland kann die Funktionen des Schutzwaldes wie Boden und Erosionsschutz, Wasser- und Lawinenschutz nicht ersetzen. Unsere langjährige Erfahrung zeigt, dass starke Beweidung im Laufe der Jahrzehnte zu immer lichteren Bergwäldern führt. Vor diesem Hintergrund hat der Verlust der Waldeigenschaft sicher langfristig zahlreiche negative Folgen. Etwa die Hälfte des betroffenen Waldes ist Schutzwald. So bedeutet es für die betroffenen Bergwälder, dass sich die Umweltgefährdungen, die von Hochwasser, Muren, Steinschlag und Lawinen ausgehen, mittel- bis langfristig verschärfen werden. Der Klimawandel erfordert aber mehr intakte und möglichst stabile Gebirgswälder, auch durch Schutzwaldsanierung, und nicht ihre langfristige Schwächung.
Claudia Kohlus: Weshalb wurde das Bundeswaldgesetz geändert?
Hubert Weiger: Aus förderrechtlichen Gründen. Die Änderung des Bundeswaldgesetzes erfolgte auf Initiative der CSU-Bundestagsfraktion mit massiver Unterstützung der Bayerischen Staatsregierung. Danach verlieren etwa 7.000 Hektar zumeist staatliche Bergwälder in Bayern ihren Waldstatus und werden zu Weideland umgewidmet, um Fördergelder von insgesamt rund fünf Millionen Euro für die Waldweide langfristig zu sichern.
Claudia Kohlus: Aber inwieweit können dann noch die Vorschriften der Alpenkonvention eingehalten werden?
Hubert Weiger: Aus meiner Sicht können diese nicht mehr eingehalten werden.
Claudia Kohlus: Dass die Bergbauern durch die Bewirtschaftung der beweideten Waldflächen Fördergelder erhalten, ist also nur ein scheinbar gutes Argument für die Gesetzesänderung …
Hubert Weiger: Die Almwirtschaft leistet aus meiner Sicht wichtige Dienste für die Pflege der Almweiden, für die Erhaltung der Kulturlandschaft und für die Bereiche Erholung und Naturschutz im Gebirge. Deshalb sind entsprechende staatliche Fördergelder für die Almwirtschaft gerechtfertigt, wobei diese nach Erschwernis und naturschutzfachlicher Wertigkeit gestaffelt eingesetzt werden müssen.
Die Förderung muss aber so gestaltet werden, dass die artenreiche Kulturlandschaft im Gebirge erhalten wird, gleichzeitig aber nachteilige Effekte für den Bergwald vermieden werden. Eine pauschale Förderung der Waldweide ohne naturschutzfachlichen Bezug lehnt der Bund Naturschutz deshalb ab. Stattdessen sollte sich die almwirtschaftliche Förderung auf die sogenannten Lichtweiden beschränken, so wie es vor 2004 üblich war. Für die naturschutzfachlich wertvollen Übergangsbereiche gibt es forstliche Förderprogramme, die verstärkt im Alpenraum angewendet werden sollten. Aus meiner Sicht ist es also dringend notwendig, die Fördergrundsätze so zu ändern, dass der Bergwald keinen irreparablen Schaden nimmt.
Claudia Kohlus: Was wollen Sie unternehmen, damit der Schutzwald erhalten bleibt?
Hubert Weiger: Wir werden uns mit einer Petition an den Bayerischen Landtag und an den Deutschen Bundestag wenden, zudem werden wir den Verstoß gegen die Alpenkonvention rechtlich prüfen lassen.
Zur Person: Prof. Dr. Hubert Weiger ist seit 2007 Vorsitzender des BUND, außerdem seit 2001 1. Vorsitzender des Landesverbandes Bund Naturschutz in Bayern. Das Gründungsmitglied des Bund für Naturschutz Deutschland e.V. war lange Jahre Mitglied dessen wissenschaftlichen Beirats sowie Sprecher des Arbeitskreises Landwirtschaft. Zudem ist er Mitglied der Stiftung Ökologie und Landbau, der Bayerischen Akademie „Ländlicher Raum“ sowie Ordentliches Mitglied des Obersten Naturschutzbeirates beim Bayerischen Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz. Der diplomierte Forstwirt war 1972 der erste Zivildienstleistende im Umweltschutz in Deutschland, studierte in Zürich und München und promovierte über forsthydrologische und bodenkundliche Auswirkung von Stickstoffeinträgen in Waldökosysteme mit summa cum laude an der Universität München. Für seine Arbeit erhielt Hubert Weiger zahlreiche Auszeichnungen wie etwa den Paulaner Forschungspreis (1986), die Bayerische Staatsmedaille für Verdienste um Umwelt und Gesundheit (2007) und das Bundesverdienstkreuz (2010). Er lehrt an der Universität Kassel und als Dozent an der Universität München.
Foto: Julia Puder / BUND
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