Zürich ist die Nummer zwei des CO2-Marktes, aber kaum jemand wisse das, sagt Axel Michaelowa. Deshalb haben die Akteure des neuen Marktes die Zurich Carbon Market Association gegründet. Allerdings weht den Teilnehmern des Marktes derzeit ein scharfer Wind ins Gesicht: Die erhoffte Ausweitung des CO2-Emissionshandels über Europa hinaus stockt.
Steffen Klatt: Im März wurde die Zurich Carbon Market Association gegründet. Warum?
Axel Michaelowa: Zürich bildet in Europa die zweitgrösste Ansammlung von Unternehmen, die sich im CO2-Markt bewegen. Zürich ist insofern Weltspitze, als es mit der Universität und an der ETH Zürich mehrere Forschungseinrichtungen hat, die sich mit den CO2-Märkten und der Klimapolitik auseinandersetzen. Deshalb stellte sich für uns die Frage, wie man sichtbarer machen kann, was hier an Kompetenz vorhanden ist.
Alle Welt spricht nur von London als Hub des weltweiten CO2-Marktes, während Zürich bisher nur wenig wahrgenommen worden ist. Selbst die kantonale Finanzdirektorin Ursula Gut hat nicht gewusst, dass hier diese Art von Dienstleistungen erbracht wird. Wir sind keine Lobbyorganisation, weil die Interessen unserer Mitglieder durchaus unterschiedlich sind. Aber wir wollen Externen die Möglichkeit bieten, an die Akteure des Marktes in Zürich heranzutreten. Wir wollen auch Weiterbildung leisten.
Steffen Klatt: Was sind die Stärken Zürichs?
Axel Michaelowa: Die Stärken Zürichs liegen im Zusammenspiel zwischen Unternehmen und Forschung. In London gibt es kaum Forschung in diesem Bereich. Zürich ist auch insofern stark, als es sehr flexible mittelgrosse Unternehmen hat. Ausserdem steht hier die Qualität der Dienstleistungen bei allen Akteuren im Vordergrund. Es gab keine Diskussionen, als wir in unseren Statuten festschrieben, dass es uns bei unseren Dienstleistungen um hohe Qualität und um die Umwelt ginge. In London dagegen gibt es einige Akteure, die vor allem das schnelle Geld im Blick hatten.
Steffen Klatt: Welche Dienstleistungen des CO2-Marktes werden in Zürich angeboten?
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Axel Michaelowa: Der Platz Zürich deckt alle Aspekte des CO2-Marktes ab. Stark ist Zürich traditionell in der Entwicklung von Projektdokumentationen für Emissionsreduktionen in den Entwicklungsländern. Die Firma South Pole ist weltweit führend bei der Entwicklung von sogenannten programmatischen Ansätzen im CDM (Clean Development Mechanism, Klimaschutzmassnahmen in den Entwicklungsländern, die bei CO2-Emissionen in Industrieländern angerechnet werden können, stk.). Meine eigene Firma Perspectives ist bekannt dafür, komplexe Methoden für solche CDM-Projekte zu entwickeln, also die Verfahren, mit denen die CO2-Reduktion errechnet wird. First Climate hat einen der ersten Fonds für CO2-Zertifikate nach 2012 (nach dem Auslaufen der Verpflichtungen aus dem Kyoto-Protokoll, stk.) aufgelegt hat. An der Universität wird an der Weiterentwicklung der Marktmechanismen nach 2012 gearbeitet. Die ETH ist bekannt für die Analyse betriebswirtschaftliche Entscheidungsprozesse bei der Nutzung internationaler Marktmechanismen.
Was in Zürich etwas fehlt, ist die Beteiligung der grösseren Finanzdienstleister. Das ist die Stärke von London. Es ist schade, dass die grossen Zürcher Banken ihre Aktivitäten aus London heraus betreiben.
Steffen Klatt: Warum tun sich die grossen Zürcher Finanzdienstleister schwer, in Zürich an diesem neuen Markt teilzunehmen?
Axel Michaelowa: Das liegt daran, dass in der Schweiz der Einbezug Schweizer Unternehmen in den Emissionshandel bisher eher bescheiden war. Die Banken würden reagieren, wenn sich ihre grossen Unternehmenskunden mit dem Emissionshandel beschäftigten. Jedoch haben die Schweizer Unternehmen dank der Zielvereinbarungen bisher keinen Bedarf, an den Märkten teilzunehmen. Daher fehlt die Einbettung der Unternehmen des produzierenden Gewerbes in die Märkte. Mit der Schaffung der Stiftung Klimarappen wurde die private Nachfrage von Unternehmen auf eine halbstaatliche Institution umgeleitet. In Grossbritannien war die Nachfrage gerade der Stromproduzenten gross, das bedeutete Synergien für die Banken. Es ist kein Zufall, dass Banken wie Barclays und HSBC am neuen Markt sehr aktiv sind.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Schweiz in den internationalen CO2-Märkten abseits steht. So wird das Schweizer Emissionshandelsregister international intensiv genutzt.
Steffen Klatt: Für die Schweiz ist es also ein echter Nachteil, dass sie sich nicht am EU-Emissionshandel beteiligt?
Axel Michaelowa: Ja, das muss man ganz klar so sehen. Es ist auch ein gewisser Nachteil, dass die Emissionsmärkte im Bundesamt für Umweltschutz immer als etwas zweitrangig gelten und direkte Regulierungen bevorzugt werden. Das ändert sich allerdings jetzt. Ausserdem hat sich das Staatssekretariat für Wirtschaft dafür eingesetzt, dass Marktlösungen in der Schweiz eine stärkere Rolle spielen. Man muss nun abwarten, was passiert, wenn die Spitze des Departements für Umwelt, Verkehr und Kommunikation neu besetzt wird.
Steffen Klatt: Unterstützt der Bund denn nicht die Teilnahme der Schweiz am EU-Emissionshandel ab 2013?
Axel Michaelowa: Das ist richtig. Die Frage ist aber, zu welchen Konditionen. Es muss sich erst zeigen, ob die Schweiz bei der Zuteilung von Emissionszertifikaten bereit ist, eine Knappheit herzustellen. Bislang hat es in der Schweiz für das produzierende Gewerbe keinerlei Knappheit gegeben, weil mit der Zielvereinbarung Massnahmen abgegolten wurden, die zwar interessant waren, aber im Rahmen des problemlos Machbaren lagen.
Steffen Klatt: Der entscheidende Punkt wäre also nicht der Beitritt zum EU-Emissionshandel, sondern die Knappheit von Emissionszertifikaten, die hinterher an die Unternehmen verteilt werden?
Axel Michaelowa: Genau. Man sieht in der EU, dass Unternehmen in Ländern, in denen für bestimmte Industriezweige Knappheit herrscht, sich wesentlich stärker engagieren.
Steffen Klatt: Was würde ein Beitritt zum EU-Emissionshandel für den CO2-Marktplatz Zürich bedeuten?
Axel Michaelowa: Das hängt sehr davon ab, wie die Einbettung in den internationalen Handel erfolgen würde. Bisher dürfen Schweizer Unternehmen nicht direkt Emissionszertifikate aus dem CDM-Handel anrechnen. Das geht nur für die Stiftung Klimarappen. Deshalb ist es in der weiteren Diskussion des CO2-Gesetzes im Parlament wichtig, dass die Schweizer Unternehmen frei an den verschiedenen Mechanismen der internationalen Märkte teilnehmen können.
Steffen Klatt: Hat der Nationalrat das nicht bereits abgelehnt, indem er gesagt hat, die Reduktion des CO2-Ausstosses um 20 Prozent bis 2020 müsse allein im Inland erreicht werden?
Axel Michaelowa: Der Nationalrat hat aber nicht klar gemacht, wie diese Reduktion allein im Inland erreicht werden soll. Diese Inlandstrategie ist nur glaubwürdig, wenn es auch Instrumente gibt, sie umzusetzen. Als Stiftungsmitglied des Klimarappens habe ich mitbekommen, wie schwierig es etwa ist, die Gebäudeprogramme so zu mobilisieren, dass erhebliche Reduktionen zustande kommen. Entweder wird die Entscheidung des Nationalrats nicht das letzte Wort bleiben oder die Schweiz erreicht ihre Ziele nicht.
Steffen Klatt: Wäre nach einem Beitritt eine Emissionshandelsbörse denkbar, so wie sie in London, Paris, Oslo und Leipzig existiert?
Axel Michaelowa: Natürlich könnte dann mit Zertifikaten gehandelt werden. Die Liquidität hinge aber vom Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage ab: Gibt es eine Nachfrage aus der Schweiz selbst? An den Börsen, die bisher mit den europäischen Emissionszertifikaten handeln, haben wir eine klare Konzentrationsbewegung gesehen. Es braucht eine kritische Masse im Heimatmarkt oder ein aggressives Auftreten bei den Preisen für den Börsenhandel. Die Börsen haben einen erheblichen Anteil des Emissionshandels an sich gezogen. Insofern gibt es da noch einen gewissen Spielraum. Aber nicht mehr lange.
Steffen Klatt: Hat Zürich die Chance, seinen bisher starken Platz zu behalten?
Axel Michaelowa: Das hängt sehr davon ab, wie die verschiedenen Länder mit den projektbasierten Mechanismen umgehen, aber auch davon, wie das internationale Klimaregime für die Zeit nach 2012 insgesamt aussieht. In den letzten Monaten kamen weitgehend Hiobsbotschaften. Der grosse amerikanische Markt, der seit Jahren als Lichtstreif am Horizont schwebt, verdunkelt sich immer mehr. Vor der Sommerpause des US-Kongresses ist es nicht gelungen, im Senat ein entsprechendes Gesetz einzubringen. Das jetzt diskutierte Gesetz beschäftigt sich allein noch mit Energiefragen, aber nicht mehr mit dem Emissionshandel. In Australien hat die neue Premierministerin beschlossen, die Diskussion über einen Emissionshandel bis 2012 zu vertagen. Insofern ist derzeit für marktwirtschaftliche Instrumente in der Klimapolitik Saure-Gurken-Zeit. Es fragt sich, wieviel der bisher aufgebauten Kompetenz unter solchen Umständen aufrechterhalten werden kann. Aus meiner Sicht ist es klar, dass die Anbieter von hochqualitativen Produkten am längsten überleben werden. Aber es braucht politische Entscheidungen bei einem Markt, der allein auf Regulierung beruht – der Verknappung von Treibhausgasemissionen. Die Schweiz hat in den internationalen Klimaverhandlungen bisher immer die Rolle des Brückenbauers gespielt. Man muss darauf hoffen, dass sie es schafft, die Verhandlungen voranzutreiben.
Steffen Klatt: Für den Standort Zürich wäre es also schon eine grosse Leistung, das Erreichte zu bewahren?
Axel Michaelowa: Ja. Angesichts der internationalen Umstände muss man verhindern, dass es zu einem Zusammenbruch kommt. Zürich und die Schweiz könnten Schrittmacherdienste leisten. Aber das braucht politischen Willen. Das können wir als Marktakteure alleine nicht erreichen.
Steffen Klatt: Sie haben ja gesagt, dass Sie keine Lobbyarbeit leisten wollen…
Axel Michaelowa: In der Tat können und wollen wir das nicht, weil gerade unsere Mitglieder im Forschungsbereich keine konkreten Positionen einnehmen dürfen. Es geht aber hier um die Grundprinzipien. Klar ist, dass der ganze Markt auf dem Willen basiert, den CO2-Ausstoss zu verknappen. Dieses Ziel wird von allen unseren Mitgliedern geteilt.
Steffen Klatt: Wenn nicht Sie, wer soll sich dann einbringen? Vielleicht haben andere gar nicht die nötige Sachkenntnis.
Axel Michaelowa: Deshalb sind wir bereit, bei Anfragen aus Bern Sachverstand zur Verfügung zu stellen. Wir werden aber nicht von uns aus in Bern mit einer konkreten Forderung vorstellig werden.
Zur Person: Dr. Axel Michaelowa ist Präsident der Zurich Carbon Market Association. Er leitet die Gruppe Internationale Klimapolitik am Lehrstuhl Politische Ökonomie der Entwicklungs- und Schwellenländer der Universität Zürich. Er war Leitautor im Politikkapitel des 4. Sachstandsberichts des Zwischenstaatlichen Ausschusses zur Klimaänderung (IPCC) und wird ebenfalls an dessen 5. Sachstandsbericht mitwirken. Seit 1995 hat er über internationale Klimapolitik gearbeitet. Von 1999 bis 2006 war er Leiter des Forschungsprogramms Internationale Klimapolitik des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs (HWWA). Seit 2001 ist er in verschiedenen Positionen als Experte für Klimaschutzmassnahmen in Entwicklungsländern (CDM) für das UN-Klimasekretariat in Bonn tätig. Zusammen mit Sonja Butzengeiger gründete er 2003 das Beratungsunternehmen Perspectives in Hamburg, seit 2009 Teil von Point Carbon.
Bild: zvg
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