Abschied vom Mittelmeer

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Geschrieben von: Steffen Klatt, Amman 16.08.10
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Tourismus ist heute oft alles andere als nachhaltig, sagt Ana Paula Rainha. Viele Orte gerade am Mittelmeer stehen während zehn Monaten des Jahres leer. Sie werden ganz sterben, wenn das Massenphänomen des Strandurlaubs wie jede Modeerscheinung wieder verschwinden wird.

Steffen Klatt: Auch in diesem Jahr haben wieder viele Millionen Europäer ihre Ferien an den Stränden Südeuropas verbracht. Was passiert, wenn sie wieder nachhause reisen?

Ana Paula Rainha:  Dann leeren sich viele dieser Ferienorte vollständig. Dabei gehen auch diejenigen fort, die eine eigene Ferienwohnung am Meer besitzen. Ich merke das an mir selbst. Ich lebe in Lissabon, aber ich habe ein Haus an der Algarveküste. Oft überlege ich es mir zweimal, ob ich dorthin fahren soll. Mich deprimiert die Leere des Ortes. Keine Nachbarn, geschlossene Läden, die meisten Restaurants auch.

Steffen Klatt:Ist das nicht ökonomischer Unsinn, auch aus der Sicht der Besitzer der Ferienwohnungen, Läden und Restaurants?

Ana Paula Rainha: Das ist so. Das betrifft alles in diesen Orten. Sie werden zu Geisterstädten.

Steffen Klatt:Kann das geändert werden?

Ana Paula Rainha: In Ländern wie Portugal wollen die meisten Menschen in grossen Städten leben, bei uns in Lissabon und Porto. Die alten Städte an der Algarve können ihren Charakter ebenfalls halten. Aber die neuen Städte, die nur für den Tourismus gebaut worden sind, haben keinen Charakter, keine Seele. Sie erfüllen während zwei, höchstens drei Monaten eine Funktion; dann werden sie faktisch geschlossen. Man müsste ihnen eine Seele geben. 

Steffen Klatt:Wie wäre das möglich?

Ana Paula Rainha: Das hängt stark von der lokalen Politik ab, aber auch von den Investoren. Es darf nicht nur in Ferienwohnungen und Hotels investiert werden. Es braucht auch Investitionen in Dienstleistungen, in öffentliche Plätze, Treffpunkte, Konzerthallen, Konferenzgebäude.

Steffen Klatt:Sind die Einheimischen daran interessiert, ihren Orten eine Seele zu geben?

Ana Paula Rainha: Da, wo es Einheimische gibt, ja. Aber das ist nicht der Fall in jenen Orten, die nur für Touristen bestimmt sind.

Steffen Klatt:Geht es auch anders?

Ana Paula Rainha: Städte wie Rio zeigen, dass es auch anders geht: Die Copacabana ist während des ganzen Jahres belebt. Das hat nicht nur mit dem Klima zu tun, sondern auch damit, dass Rio als Stadt während des ganzen Jahres Menschen anzieht. Rio hat eine Seele, eine starke sogar.

Steffen Klatt:Heute kommen Millionen jeden Sommer an Europas Küsten. Wird das immer so sein?

Ana Paula Rainha: Ich werde immer wieder an die Algarve gehen. Das ist eine lebenslange Liebe. Auch für Portugiesen sind Sommerferien mit der Küste und vor  allem der Algarve verbunden. Aber die Natur ändert sich. Ich war schon als Kind jeden Sommer am Strand. Heute ist die Sonne stärker. Das Wasser ist nicht mehr so klar. Sommerferien am Strand sind eine Mode…

Steffen Klatt:… und wie jede Mode hat auch diese irgendwann ein Ende?

Ana Paula Rainha: Genau.

Steffen Klatt:Warum?

Ana Paula Rainha: Das hat sehr stark mit den Gefahren zu tun, die nun mit der Sonne verbunden werden, etwa der Krebs. Wenn die Topmodels blass sind, dann passen sich viele Menschen daran an. Und dann gibt es weniger Grund, ans Meer zu fahren.

Steffen Klatt:Das heisst, auch die Hunderttausenden Briten oder Deutschen, die jedes Jahr ans Mittelmeer reisen, werden eines Tages wegbleiben?

Ana Paula Rainha: Bisher kommen viele von ihnen dank Pauschalreisen und Billigflieger. Es ist für sie billiger, an der Algarve Ferien zu machen, als für uns. Aber schon heute wirkt sich die Wirtschaftskrise auf die Zahl der Touristen aus. In einigen Jahrzehnten werden sie nicht mehr kommen. Die Gefahren der Sonne und des Meeres schrecken sie ab, die Diskussionen über die Nachhaltigkeit tun ihr übriges. Vielleicht werden die Menschen dann generell nicht mehr so viel reisen und so viel fliegen. Die Gesellschaft wird wieder ruhiger werden.

Steffen Klatt:Was heisst das für diejenigen Länder gerade am Mittelmeer, die heute zu einem guten Teil vom Tourismus leben?

Ana Paula Rainha: Das betrifft auch Länder wie Spanien und Griechenland. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass diese Mode zuende geht. Dann können wir Museen einrichten, die die Geschichte des Massentourismus erzählen.

Steffen Klatt:Bereiten sich die Tourismusregionen bereits darauf vor?

Ana Paula Rainha: Überhaupt nicht. Sie leben in den Tag hinein Sie warten jedes Jahr darauf, dass die Touristen kommen. Und sie kümmern sich nicht darum, dass sie eines Tages ausbleiben könnten.


Zur Person:
Ana Paula Rainha ist Professorin für Architektur an der Lusofona Universität in Portugal. Sie lehrt am Forschungszentrum für Raum, Kultur und Entwicklung.

 

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