Picknick an der Landebahn

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Geschrieben von: Roland Mischke, Berlin 16.08.10
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Das Tempelhofer Feld ist die neue Attraktion Berlins. Die Bürger dürfen bei dessen Gestaltung mitreden, und sie wissen, was sie wollen: eine Parklandschaft. Die Entwürfe werden Ende August vorgestellt werden.

Eine Frau und ein Mann im Wiesenmeer. Links die ehemalige Start-, rechts die Landebahn der Flugzeuge. Es ist nicht auszumachen, was sie tun. Beim Näherkommen schärfen sich die Umrisse: Ein Paar beim Picknick. Die Decke, auf der sie im Schneidersitz hocken, ist festlich gedeckt. Brot, Oliven, Weintrauben, Lachs, Wurst und Käse. Wein und Wasser. Beide lachen, unterhalten sich. Darf man zur Verlobung gratulieren? „Nönö“, wehrt er ab. Und sie sagt: „Wir feiern die Freiheit in der Stadt.“

Info

Das Flughafengebäude im Originalzustand kann besichtigt werden. Freier Zugang zum Tempelhofer Feld.
Am 28. und 29. August werden die Entwürfe vorgestellt, Bürger sind zur Diskussion eingeladen. Im Dezember wird entschieden, welcher Entwurf realisiert wird. 2012 beginnen die Arbeiten, zur Internationalen Garten Ausstellung (IGA) 2017 soll der Grossteil des Parks gestaltet sein.
www.gruen-berlin.de/parks-gaerten/tempelhofer-park, www.visitberlin.de.

Doppelt so gross wie der Central Park

Das Gelände wird seit Oktober 2008 vom Flugverkehr nicht mehr genutzt. „Berlin-Tempelhof“ steht noch in Riesenlettern am Sandsteinbau. Die Hangars, eine 1230 Meter lange Front, sind leer. Manchmal nutzt sie die Filmindustrie als Drehorte. Und die Schafe der Alliierten sind weg, die Amerikaner liessen ganze Herden grasen. Das Tempelhofer Feld ist 260 Hektar gross, viel grösser als Londons Hyde Park, fast doppelt so gross wie New Yorks Central Park. Eine leere Fläche mitten in der 3,5-Millionen-Hauptstadt. Über das Grasland streicht der Wind, am Horizont schachteln sich Häuser – da Neukölln, da Tempelhof. Für den Präriewanderer die Fata Morgana einer Stadt. Er kann laufen, joggen, skaten, Radfahren, im Gras dösen. Die Sonne streichelt ihn, der Wind kommt manchmal als frische Brise. In Berlins Stadtsavannenlandschaft kann man seit dem 9. Mai, der Öffnung des Flughafenfeldes, lange Tage verbringen.

Jahrhundertchance für Berlin

Die leere Fläche innerhalb der Stadt ist Berlins grösstes Kapital. Die Bürger bangten, als nach Toresschluss Luftikus Klaus Wowereit seinen Partyzirkel erweitern und das Areal verscherbeln wollte für austauschbare Zukunftsprojekte von zweifelhaftem Wert: Modemessen, Gaga-Events von Mobilfunk-Anbietern und anderen Zeitgeistern. Aber die Vernunft scheint sich durchzusetzen. Noch gibt es für die Nachnutzung des Geländes mit dem denkmalgeschützten Flughafengebäude kein Gesamtkonzept. Aber erste Gestaltungsvorschläge liegen vor. „Die Gestaltung des Tempelhofer Feldes ist eine Jahrhundertchance, um die uns viele Städte beneiden“, erklärt Senatsbaudirektorin Regula Lüscher.

Berliner wollen Parklandschaft

Was wollen die Berliner? Jennifer Bell, 29, weiss es. An der TU Berlin studiert sie Landschaftsarchitektur und Freiraumplanung, über die Nachnutzung des Tempelhofer Feldes schreibt sie ihre Doktorarbeit. „Ein Jahr lang war ich mit einer Sondererlaubnis und zwölf Menschen aus verschiedenen Altersgruppen mit Fahrrädern mehrfach auf dem Areal unterwegs“ sagt sie. „Bei der Befragung wurde klar: Alle wollen eine Parklandschaft mit offenen Bereichen und Wäldchen, die gut sind für Luftdurchmischung und Schallschutz.“ In ihrer Promotionsstudie schreibt sie von der „Faszination, bedingt durch Weite und Freiheit“.
„Der Mensch ist ein Wicht in dieser Weite“, sagt auch Fotograf Wolfgang Siesing, 48. Für ihn ist das Gebiet ein neues Arbeitsfeld. Wenn er mit der Kamera unterwegs ist, hört er das pausenlose Trällern der Feldamseln, die hier zur Freude von Ornithologen ein präzise ausgeschildertes Schutzgebiet haben. Sonst ist es völlig still, selbst das Gekläff der Hunde, die umzäunte Auslaufgebiete haben, wird vom Winde verweht. Meteorologen betonen, dass die leere Fläche in der Stadt Winde anzieht, die Berlin durchpusten und für eine Klimaverbesserung sorgen.

Die künftige Mutter aller Parks

Das Tempelhofer Feld entschleunigt wie ein Urlaub auf dem Land. Ein Gebiet von 700 Fussballfeldern steht zur Verfügung, die Hauptstadt will es mit 61,5 Millionen Euro zum Park umgestalten. Planergruppen aus ganz Europa nahmen am Wettbewerb teil, aus 78 Entwürfen wurden sechs ausgewählt. Sie zeigen entlang der Versorgungswege um das Feld herum Baumgruppen, Pflanzenfelder, die auch für die Produktion von Bio-Diesel verwendet werden können, einen aufgeschütteten Hügel, um den sich ein Pfad hinaufwindet. Originell ist ein Entwurf aus Schottland, das Büro Gross.Max setzt auf verwunschene Streuobstwiesen, Tempelhof müsse in „die Mutter aller Parks verwandelt“ werden. Blumenrabatten und Spielplätze sind nicht vorgesehen, Grillplätze und Picknickbereiche gibt es bereits, selbst eine Schiessanlage liessen die Amerikaner zurück.

Geschichtsgetränkte Prärie

Unantastbar sind die Denkmale. Das Areal war Exerzierplatz in Kaiserzeit, Aufmarschgebiet des Nazi-Grössenwahns und Luftbrücke in die Freiheit im Kalten Krieg. Jeder Quadratmeter Boden, auch versteppte Flächenanteile, ist mit Geschichte kontaminiert. Dass in die Hangars und in das Flughafengebäude die Kultur-, Medien- und Kreativ-Wirtschaft einzieht, finden die Berliner in Ordnung. Nur Mietanstieg und Verdrängung der Einheimischen durch Besserverdienende soll das nicht zur Folge haben. Vor allem die Älteren wollen keinen „Yuppie-Park“ mit Eintritt, und der Drogenhandel soll keine Chance haben. Berlin soll preiswert bleiben, bunt und weit. Eine Stadt mit Prärie.

 

Bild: Am 30.10.2008 kurz vor 24.00 Uhr war es soweit: Die letzten beiden Maschinen, die Ju 52 der Lufthansa Berlin Stiftung und die DC-3 „Rosinenbomber“ der Air Service Berlin, starteten parallel in Richtung Zukunft. Beide Maschinen verliessen Tempelhof und flogen direkt nach Schönefeld (www.berlin-airport.de/Günter Wicker (Photur)).

 

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