Stadtentwicklungen sind nur dann erfolgreich, wenn sie Menschen anziehen, sagt Matthew Kitson. Dazu müssen die Mischung der Nutzungen und die Infrastruktur stimmen. Und es braucht öffentliche Räume, in denen sich die Menschen gern aufhalten.
Steffen Klatt: Ist nachhaltige Stadtentwicklung mehr als ein Modethema? Matthew Kitson: Es ist ein wichtiges Thema. Viele Stadtbehörden nehmen es sehr ernst. Nehmen Sie das Beispiel Mailand. Die Stadtverwaltung ist sich bewusst, dass die Luftverschmutzung sehr hoch ist. Sie entwickelt deshalb Projekte für eine bessere Steuerung des Verkehrs und setzt diese Projekte auch um. Auch in Grossbritannien ist Stadtentwicklung ein grosses Thema. Schauen Sie sich die Greenwich-Halbinsel in London an. Das ist ein phantastisches Beispiel für die Wiederbelebung von städtischen Brachen. Verwandte Themen| { Auf das Mikroklima achten, 09.08.10 } | | { Wider die blinde Verdichtung, 04.08.10 } | | { Detroit beginnt mit dem Abriss, 30.07.10 } | | { Skyline mit Schattenseiten, 22.07.10 } | | { Ökostadt wartet auf Norman Foster, 06.07.10 } | | { Räume verdichten, 21.06.10 } | | { Russland baut Stadt der Innovation, 24.03.10 } | | { Labor für Städte von morgen, 22.03.10 } | | { Masdar nimmt eine Denkpause, 04.03.10 } | | { Die Zukunft ist mittelgross, 24.02.10 } | | { China lernt besser leben, 08.02.10 } | | { Manhattan im Herzen, 28.01.10 } | | { Das neue Milliardengeschäft, 25.01.10 } |
Steffen Klatt:Wo ist das Interesse an nachhaltiger Stadtentwicklung derzeit am grössten? Matthew Kitson:Im Mittleren Osten. Die Wirtschaftskrise war ein grosser Schock für die Staaten am Golf. Für mich war es sehr aufschlussreich, kürzlich in die Überarbeitung des Masterplans für Yas Island (neuer Stadtteil von Abu Dhabi mit Formel-1-Rennstrecke, die im November 2009 eröffnet worden ist, stk.) einbezogen gewesen zu sein. Jetzt wurde auch über diejenigen nachgedacht, die dort leben sollen. Vor zwei Jahren hätte man einfach gesagt, dass dort 60000 Menschen leben sollen. Auch das Projekt von Grand Paris ist sehr interessant, die Einbeziehung der Gemeinden rund um Paris in die Stadtplanung. Generell nehmen Entwickler wie Politiker Stadtplanung nun ernst. Es geht nicht mehr nur darum, Häuser zu bauen. Jetzt wird auch daran gedacht, was dazwischen passiert. In diese Überlegungen werden auch Ökonomen einbezogen, und das ist sehr sinnvoll. Steffen Klatt:Was sind die treibenden Kräfte der nachhaltigen Stadtentwicklung? Matthew Kitson:Das sind die Leute, die in die neuen Stadtteile ziehen, Wohnungen kaufen, ihre Geschäfte einrichten wollen. Sie fragen sich, ob sie dort Erfolg haben werden. Steffen Klatt:Was ist das Geheimnis? Wie kann ein städtischer Raum lebenswert gemacht werden? Matthew Kitson:Das ist eine komplexe Frage. Wir haben deshalb SBETool entwickelt, ein Instrument, um die Nachhaltigkeit von Stadtentwicklungen zu beurteilen. Man muss sich ungefähr 80 Kriterien anschauen. Das reicht von der Herstellung von Lebensmitteln über Geschäften zu Gemeindezentren; es geht auch darum, ob die Strassen fussgängertauglich sind. Bisher wurde in der Regel nur ein gutes Drittel all jener Kriterien angeschaut, die einbezogen werden müssen. Steffen Klatt:Wenn es so viele Kriterien gibt, wo muss man anfangen? Matthew Kitson:Es beginnt auf der Ebene der Behörden. Sie müssen die Vision für ihre Stadt vorgeben. London ist dafür ein gutes Beispiel. Sowohl der jetzige wie der vorhergehende Bürgermeister haben sich sehr stark um die Entwicklung des öffentlichen Raums gekümmert. An der London Bridge war vor wenigen Jahren noch nichts. Jetzt gibt es dort eine Mischung aus Büros, Wohnungen, Freizeitmöglichkeiten. Und es gibt Plätze, an denen sich die Menschen gern aufhalten. Steffen Klatt:Kann man jede Industriebrache in einen Treffpunkt tausender Menschen umwandeln? Matthew Kitson:Man kann, ja. In London haben Sie das Beispiel von Canary Wharf. Die alten Docks wurden nach dem Krieg kaum noch genutzt. Ein paar Visionäre sagten, wir entwickeln dieses Gebiet. Canary Wharf ist heute mehr als Hochhäuser und Büros. Es gibt dort Schulen, Einkaufszentren, die Leute leben dort. Es hat zwanzig Jahre gebraucht, aber das Viertel ist jetzt ein Erfolg. Steffen Klatt:Wenn es solche Erfolge gibt, warum bauen dann Architekten immer noch Ikonen, ohne sich um den Raum rund um ihre Gebäude zu kümmern? Matthew Kitson:Das müssen Sie solche Architekten fragen. Es macht keinen Sinn, eine Ikone oder ein Hochhaus mitten im Nichts zu bauen. Im richtigen Zusammenhang dagegen können solche Ikonen durchaus ihre Wirkung entfalten. Das gleiche gilt für Hochhäuser. Ein gutes Beispiel dafür ist Hongkong. Steffen Klatt:Und ein schlechtes Beispiel, was in manchen Golfstaaten geschehen ist, etwa Dubai? Matthew Kitson:Im Mittleren Osten hat man wiederholt den Fehler gemacht, Ikonen in den Sand zu setzen, ohne dass sie in einem räumlichen Zusammenhang standen. Nun kauft dort niemand Wohnungen. Es gibt für potentielle Interessenten keinen Grund, dort zu wohnen oder ein Büro einzurichten. Es ist ganz simpel: Städte sind für Menschen da. Man muss Orte schaffen, an denen die Menschen gern leben wollen. Steffen Klatt:Was sind für Sie Beispiele nachhaltiger Städte? Matthew Kitson:Kopenhagen und London. Beide Städte haben sich mehrfach neu erfunden und verfügen über eine gute Infrastruktur. In Kopenhagen sind die Organisation und die Mischung des Verkehrs phantastisch. Die Stadt ist fahrradtauglich gebaut. London hat es geschafft, sich als Finanzzentrum zu behaupten. Es gibt viele Orte, an denen sich die Leute gern aufhalten, der Verkehr ist organisiert. Zur Person:
Matthew Kitson ist Direktor für Nachhaltigkeit bei Hilson Moran, ein Ingenieurbüro mit Büros in Grossbritannien, Frankreich, Italien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Von den rund 250 Mitarbeitern arbeiten knapp 50 Mitarbeiter in Kitsons Abteilung. Bild: Steffen Klatt
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