Stadtplaner und Architekten werden klimasensibel. Sie können das Klima nicht ändern. Aber sie können das Mikroklima im städtischen Raum beeinflussen, sagt Erik Johansson. Das macht das Leben in der Stadt angenehmer, mit Folgen für das soziale Leben und die städtische Wirtschaft.
Steffen Klatt: Die Architektur hat während Jahrzehnten das Gespür für das Klima verloren. Fast überall wurde ähnlich gebaut. Warum? Erik Johansson: Es war leicht, die Folgen des Klimas durch Heizung und Kühlung aufzuheben. Die Energie war billig. Jetzt ist das Interesse an Nachhaltigkeit gewachsen, die Architektur nimmt das Klima wieder ernst. Energieeffizienz ist ein grosses Thema. Steffen Klatt:Kann man dabei auf die Lösungen vor dem Ölzeitalter zurückgreifen?
Erik Johansson: Das hängt vom Klima ab. Im eher kalten Europa geht das nicht. Es müssen neue Lösungen gefunden werden. In meinem Land, Schweden, sind seit den Ölkrisen in den 70er Jahren die Vorschriften zur Energieeffizienz von Gebäuden stets verschärft worden. Das Passivhauskonzept, das in Mitteleuropa entwickelt worden ist, erreicht nun auch Skandinavien.
Steffen Klatt:Der Energieverbrauch ist ein Element, das mit dem Klima zusammenhängt. Gibt es auch andere?
Erik Johansson: Ich beschäftige mich vor allem mit den Aussenräumen in städtischen Zusammenhängen. In Schweden müssen wir diese Aussenräume gegen den kalten Wind schützen. Bei uns im Norden, wo es im Winter dunkel ist, ist es auch wichtig, so viel Tageslicht wie möglich zuzulassen.
Steffen Klatt:Heisst das, dass nicht mehr die gleiche „globalisierte“ Architektur und die gleiche Stadtplanung weltweit überall angewandt werden kann?
Erik Johansson: Man muss sich an die lokalen Bedingungen anpassen. Das gilt gleichermassen für die Gestaltung der Stadt wie für die Architektur. Ich arbeite viel in warmen Ländern. Dort sieht man oft die gleichen Häusertypen im ganzen Land oder sogar wie in kalten Ländern. Das treibt die Energierechnung in die Höhe. Verwandte Themen| { Wider die blinde Verdichtung, 04.08.10 } | | { Ökostadt wartet auf Norman Foster, 06.07.10 } | | { Räume verdichten, 21.06.10 } | | { Die Welt braucht Schweizer Design, 03.05.10 } | | { Russland baut Stadt der Innovation, 24.03.10 } | | { Labor für Städte von morgen, 22.03.10 } | | { Die Zukunft ist mittelgross, 24.02.10 } | | { China lernt besser leben, 08.02.10 } | | { Manhattan im Herzen, 28.01.10 } | | { Das neue Milliardengeschäft, 25.01.10 } | | { Masdar baut die Zukunft, 28.09.09 } |
Steffen Klatt:Wie würde eine lokal an das Klima angepasste Stadtplanung aussehen?
Erik Johansson: Eine solche Stadtplanung ist durchaus möglich. Ich war vor kurzem in die Stadtplanung von Malmö in Südschweden einbezogen. Da geht es vor allem darum, die kalten Winde aus der Stadt herauszuhalten. Dazu haben die Gebäude eine einheitliche Höhe, die Strassen sind gewunden. Offene Plätze fangen die Sonnenstrahlung ein; es werden spezielle Baumaterialien verwendet, welche die Wärme der Sonne aufnehmen. Damit ist es möglich, ein angenehmes Mikroklima in der Stadt zu schaffen. In einem warmen Klima müssen schattige Plätze geschaffen werden, der Wind muss in die Stadt hineingeführt werden. Dazu sollten die Gebäude unterschiedlich hoch sein, um Windturbulenzen hervorzurufen. Die Strassen müssen gerade sein.
Steffen Klatt:In einem warmen Klima muss der Stadtplaner also genau das Gegenteil dessen tun, was er in einem kalten tut?
Erik Johansson: Genau.
Steffen Klatt:Die meisten Städte zumindest in Europa sind zu einem grossen Teil fertig gebaut. Wie können sie „repariert“ werden?
Erik Johansson: Generell ist es natürlich schwieriger, etwas im Nachhinein zu korrigieren, als es von vornherein gut zu machen. Das Klima sollte bereits von Anfang an in Stadtplanung und Architektur berücksichtigt werden. Aber es ist nicht unmöglich. Es geht dabei nicht darum, einzelne Gebäude abzureissen. Vielmehr sollte auf dem Niveau der Stadt eingegriffen werden. In Skandinavien können Regenschutz und Windbarrieren errichtet werden. Das sind kleine Verbesserungen, aber sie sind spürbar. Nehmen Sie die für Europa so typischen Hochhaussiedlungen aus den 60er und 70er Jahren. Dort ist es oft zugig. Das Mikroklima ist nicht sehr angenehm. Inzwischen werden in solchen Siedlungen Hecken gepflanzt. Nun gibt es auch Ideen, diese Siedlungen zu verdichten, indem auch ein Teil der Zwischenräume mit kleineren Gebäuden bebaut wird.
Steffen Klatt:Um diese Siedlungen lebenswerter zu machen?
Erik Johansson: Das Mikroklima ist nur ein Aspekt. Oft fehlt es in diesen Siedlungen an Dienstleistungsangeboten. Denn als sie errichtet wurden, sollten die einzelnen Funktionen – wohnen, arbeiten, einkaufen und so weiter – räumlich voneinander getrennt werden. Jetzt wird das zumindest teilweise rückgängig gemacht.
Steffen Klatt:Warum sollten sich Stadtplaner darum kümmern, welches Mikroklima rund um die Gebäude herrscht? Wer im kalten Norden wohnt, weiss, dass es im Winter kalt ist, und hält sich meist in Gebäuden auf.
Erik Johansson: Zumindest in Nordeuropa gibt es den Trend, solange wie möglich draussen zu sein. Selbst wenn sie mit Decken draussen vor dem Café sitzen müssen, ziehen viele Europäer es vor, in der freien Luft zu sein. Das Mikroklima kann mit planerischen und baulichen Mitteln so verbessert werden, dass die Zeit im Jahr verlängert wird, während der die Menschen sich draussen aufhalten können. Vielleicht sind sie dann nur noch während drei statt vier Monaten gezwungen, sich in den Gebäuden aufzuhalten, einen Monat kürzer.
Steffen Klatt:Lohnt sich der Aufwand?
Erik Johansson: Ich denke schon. Das lohnt sich aus sozialer Sicht: Die Menschen treffen sich gern an der frischen Luft. Das lohnt sich aber auch aus wirtschaftlicher Sicht, wenn Sie an die Geschäfte denken, die davon profitieren können.
Steffen Klatt:Die Stadtplanung für eine Grossstadt wie Malmö ist die Ausnahme. Der Alltag der Architekten besteht aus dem Bau einzelner Gebäude. Wie kann da auf das Mikroklima Rücksicht genommen werden?
Erik Johansson: Der beste Weg ist es, schon im Masterplan Rücksicht darauf zu nehmen. Bei Einzelprojekten ist das in der Tat schwieriger. Man muss sich in jedem Fall an die entsprechende Umgebung anpassen. Zur Person: Dr. Erik Johansson (Jahrgang 1963) lehrt an der Universität Lund in Schweden. Der Bauingenieur forscht über den Zusammenhang von Umwelt, Komfort und Energieverbrauch in der Stadtplanung. Er hat an mehreren Stadtplanungsvorhaben in Mittelmeerländern wie Marokko und Tunesien mitgearbeitet. Bild: Steffen Klatt
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