Massentourismus im Naturparadies

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Geschrieben von: Urs Fitze, Heiligenblut 09.08.10
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Die Grossglockner Hochalpenstrasse wird 75. Die gegen Widerstände als erste zu touristischen Zwecken erbaute Strasse führt heute täglich bis zu 5.000 Fahrzeuge durch den Nationalpark Hohen Tauern. Nur Schloss Schönbrunn liegt Österreich-Touristen noch mehr am Herzen. Der Bau der Grossglockner Hochalpenstrasse, die über 48 Kilometer von Heiligenblut im Kärntner Mölltal nach Bruck im Pinzgau führt, war eine technische Meisterleistung. Franz Wallack hat sie mit mehreren Tausend Arbeitskräften vollbracht, die meisten von ihnen auf Zeit angestellt, gut bezahlt und hoch motiviert. Sie arbeiteten an der ersten Strasse durch die Hochalpen, die nicht primär als Verbindungs-  und Transitweg, sondern „zur Hebung des Fremdenverkehrs“ gebaut werden sollte. So formulierte man es bereits in der ersten Projektskizze 1922. Tatsächlich gelang es dem Baumeister, ein Schotterband ins Gelände sprengen zu lassen, das weniger die Überwindung als den Respekt vor der Natur ausdrücken sollte, am eindrücklichsten noch heute sichtbar auf dem acht Kilometer langen Teilstück vom Fuscher Törl zum Hochtor. Auch das austrofaschistische Regime des 1934 ermordeten Diktators Engelbert  Dollfuss und die kaum minder autoritäre Nachfolgeregierung unter Kurt Schuschnigg hatten trotz grosser finanzieller Schwierigkeiten immer an den Bauplänen festgehalten. Hierzu wurden beträchtliche Mittel aus einem Fonds abgezweigt, der mit internationalen Geldern des Völkerbundes gespiesen wurde.

Nationales Prestige

Die Frage nach der Notwendigkeit wurde gar nicht gestellt. Denn es stand das nationale Prestige auf dem Spiel, und da gab es keine Kompromisse. Am  3. August 1935 wurde die Hochalpenstrasse offiziell eröffnet.  Die mautpflichtige  Grossglockner Hochalpenstrasse war vom ersten Betriebstag an ein gigantischer Erfolg. Die Besucherzahlen übertrafen die Erwartungen um ein Vielfaches.  Noch im Laufe des Jahres 1935 wurden knapp 30.000 Fahrzeuge gezählt – bei einem Bestand von 28.000 in ganz Österreich. Da war die Fahrt zum Grossglockner vor allem noch das Vergnügen des vermögenden Grossbürgertums. Der Zweite Weltkrieg brachte den Verkehr praktisch zum Erliegen. Erst der wirtschaftliche Aufschwung der 1950er-Jahre machte den automobilen Ausflug ins Hochgebirge zum Massenphänomen. Die selbst aus dem 400 Kilometer entfernten Wien in einem Tagesausflug zu bewältigende Reise zur Hochalpenstrasse wurde zu einer Wallfahrt, und die Aufkleber, die es als Erinnerung gab, zierten Hunderttausende Autos. Christian Heu, heute Generaldirektor der Grossglockner Hochalpenstrasse AG, erinnert sich noch lebhaft an die Autowander-Fahrten, die er als Bub auf dem Rücksitz des väterlichen Autos miterlebte. 1962 wurden über 1,3 Millionen Besucher gezählt – ein Rekord, der bis heute unübertroffen blieb. 1964 wurde auf der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe, die über einen Abstecher zu erreichen ist, ein Parkhaus eröffnet, das höchst gelegene der Welt. Es ist auf den alten Prospekten noch zusammen mit dem Pasterze-Gletscher abgebildet – heute wird es verschämt ausgeblendet.

Genuss im Autositz

Eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte ist die Hochalpenstrasse, die dem Staatsunternehmen Asfinag und den Ländern Salzburg und Kärnten gehört, geblieben. Eben wurde der 60-millionste Besucher begrüsst, und mit jährlich einer knappen Million Gäste ist die Kaiser-Franz-Josefs-Höhe ist sie Nummer zwei der meist besuchten Destinationen Österreichs – nach Schloss Schönbrunn.  Heute, so Generaldirektor Heu, habe eine neue Generation die Strasse für sich entdeckt – „Genussfahrer“ nennt er sie, die im Cabriolet oder auf dem Motorrad die Strecke unter die Räder nehmen. Sie zahlen anstandslos 28 Euro Mautgebühr, um sich am Hochsaisontagen im Juli und August im Stau die inzwischen auch für Grossbusse geeignete Bergstrecke hinaufzuquälen. Die Ausstellungen zur Geschichte der Strasse und des Passüberganges lassen 95 Prozent links liegen. Die meisten beschränken sich auf das obligate Foto auf der Aussichtsplattform mit Pasterze und Grossglockner im Hintergrund. Tagesmaxima von 5.000 Fahrzeugen und noch mehr Besuchern werden erreicht – sehr zur Freude der Murmeltiere, die sich bereitwillig füttern lassen. Von den in den 1990er-Jahren entwickelten Plänen, mindestens 70 Prozent der Gäste mit elektrisch betriebenen Bussen hinaufzubeförden, ist nichts mehr übrig geblieben – Genussfahrer wollen selber am Steuer sitzen.

Natur nimmt‘s gelassen

Die Natur, sagt Nationalparkdirektor Peter Rupitsch, nimmt den Rummel gelassen. „Die Hochalpenstrasse ist ein touristischer Brennpunkt. Doch da die meisten Besucher die Trampelpfade kaum verlassen, ist eine Koexistenz möglich“. Hochalpenstrassen-Generaldirektor Christian Heu setzt noch eins drauf. „Im Nationalparkgesetz steht es schwarz auf weiss: Oberstes Ziel ist es, möglichst vielen Menschen einen Zugang zu dieser grossartigen Naturlandschaft zu ermöglichen. Die Hochalpenstrasse steht für dieses Konzept“.  Schönreden ist sein Geschäft. Doch es steckt ein gutes Stück Wahrheit drin. Wenn es abends still wird auf der Hochalpenstrasse, die von 20.45 bis sechs Uhr geschlossen bleibt, dann ist sie nicht mehr als ein schmales Stück Asphalt in grandioser Naturkulisse.

 

Bild: Morgens um sechs ist die Welt auf der Grossglockner Hochalpenstrasse noch ungestört von Blechkarrossen, Motorenlärm und Tausenden Besuchern (Andi Butz).

 

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