Auch Genossenschaften machen Gewinne, doch diese werden anders gesteuert und investiert. Und das macht sie gerade in der Finanzkrise wieder interessant, sagt der Wirtschaftsrecht-Experte Franco Taisch.
Yvonne von Hunnius: Kann die Genossenschaft Antworten auf die aktuelle Krise geben? Franco Taisch: Die aktuelle Krise ist auch eine Wertekrise. Und im damit einhergehenden Wertewandel kann die Genossenschaft gute Antworten geben. Handlungsmotive in der Wirtschaft sind komplexer als die reine Maximierung des eigenen Nutzens. Für Genossenschaften ist typisch, dass sie für einen mehrfachen Unternehmensnutzen stehen. Gewinn gehört auch dazu, weil ohne betriebswirtschaftliches Arbeiten kein weiterer Nutzen gestiftet werden kann. Doch man steht zusammen, um wirtschaftlich weiterzukommen. Im genetischen Code von Genossenschaftsgruppen ist denn auch wirtschaftliche Solidarität ein zentrales Unterscheidungsmerkmal zu Aktiengesellschaften. Bei einer Aktiengesellschaft gibt es keine gegenseitige Verpflichtung. Yvonne von Hunnius: Wäre eine Wirtschaft, in der alle Unternehmen genossenschaftlich organisiert sind, die Lösung?
Franco Taisch: Ich bin kein Freund von Gleichmacherei, sondern von Vielfalt. Vielfalt minimiert die Systemrisiken und fördert unternehmerische Kreativität. So müssen Genossenschaftsunternehmen ebenfalls betriebswirtschaftlich denken, das gehört dazu. Die unterscheidende Frage ist nur, wie der Gewinn gesteuert und am Ende des Tages verwendet wird. Wenn die Raiffeisen-Genossenschaft beispielsweise rein auf Gewinnmaximierung ausgerichtet wäre, dann müssten gewisse Geschäftsstellen in sehr abgelegenen Regionen geschlossen werden. Es gibt dort dennoch eine und das reicht sogar in einen „service public“ hinein. So können auch Menschen in einem Bergdorf Finanzdienstleistungen lokal wahrnehmen. Die Raiffeisen-Gruppe stiftet dadurch einen sozialen Nutzen. Yvonne von Hunnius: Aus einer kleinen Genossenschaft wird ein grosses Unternehmen – wie bleibt der Geist erhalten? Franco Taisch: Das ist eine grosse Herausforderung. Wenn sich Genossenschaften zu einem Verbund zusammenschliessen, dann müssen Gruppengeist und Arbeitsteilung Basis bilden. Die typische genossenschaftliche Kultur muss aktiv gepflegt, geschützt undgesteuert werden. So hebt sich die Genossenschaft-Kultur von der Aktiengesellschaft-Kultur nicht nur durch die wirtschaftliche Solidarität, sondern auch gerade dadurch ab, dass Entscheide demokratisch legitimiert sind. Die Menschen, die die Genossenschaften ausmachen, werden miteinbezogen. Und wenn der Geist bei den Mitarbeitern lebendig gehalten wird, dann kann der Funken auch zu den Kunden überspringen. Yvonne von Hunnius: Und wo sehen Sie den Zusammenhang zwischen der Schweizer Eid-Genossenschaft und der unternehmerischen Genossenschaft? Unser Staatswesen, die Eidgenossenschaft, ist nicht unähnlich eines Netzwerkes von Genossenschaften. Die demokratische Legitimierung ist Grundstein und der Föderalismus beschäftigt sich mit ähnlichen Fragen wie die unternehmerische Genossenschaft: Was wird subsidiär zentral bearbeitet, was bleibt dezentral? Zur Person: Professor Franco Taisch ist Ordinarius für Wirtschaftsrecht und Leitender Direktor des Institutes für Unternehmensrecht an der Universität Luzern sowie Inhaber von „taischconsulting, unternehmensführung und recht“ in Zug. Zudem ist er seit 2008 Mitglied des Verwaltungsrates der Raiffeisen Gruppe und Mitglied von dessen Prüfungsausschuss. Bild: Raiffeisen Gruppe.
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