Die Ozeane sind durch den Klimawandel und durch unsere hohen CO2-Emissionen unmittelbar betroffen, sagt Iris Menn, Meeresbiologin bei Greenpeace. Gerade ist sie von einer Arktis-Expedition auf dem Greenpeace-Expeditionsschiff Esperanza zurückgekehrt.
Claudia Kohlus: Was treibt sie im Sommer in die Arktis? Iris Menn: Wir wollen ein Licht in das Dunkel des Arktischen Ozeans werfen. Deshalb hatte die Greenpeace Expedition auf der Esperanza die Absicht, das erste und größte Freilandexperiment seiner Art zur Ozeanversauerung zu unterstützen und zudem den Meeresboden nördlich von Spitzbergen zu kartieren. Claudia Kohlus: Und wie verändert die CO2-Verschmutzung unsere Meere? Iris Menn: Die Meere nehmen CO2 auf, das zur Kohlensäure umgewandelt wird. Wenn die Kohlendioxid-Emissionen ansteigen, nehmen die Meere also immer mehr CO2 auf. Dadurch entsteht auch immer mehr Kohlensäure im Wasser. Die Folge: Der pH-Wert des Meerwassers verschiebt sich in die saure Richtung. Diese Versauerung kann massive Folgen für alle kalkbildenden Organismen – wie beispielsweise Muscheln und Korallen – haben. Das Wasser wirkt hier korrosiv auf ihre Schalen. Die Kalkbildung wird erschwert. Claudia Kohlus: An Bord der Esperanza kamen so genannte Mesokosmen zum Einsatz, die auf Fotos wie riesige Reagenzgläser aussehen. Was kann man damit messen? Iris Menn: Mesokosmen sind direkt übersetzt „mittelgroße Welten“. Hiermit wird eine Wassersäule – also eine mittelgroße Welt – aus dem Arktischen Ozean „ausgestochen“, in der dann die Experimente durchgeführt werden können. Die Wissenschaftler der Expedition haben den neun untersuchten Mesokosmen verschiedene CO2-Konzentrationen zugeführt, und zwar Konzentrationen, wie sie aufgrund der Prognosen in der Zukunft zu erwarten sind. So konnten sie die Auswirkungen untersuchen. Erste Ergebnisse zeigen eine sehr starke Reaktion der Phytoplankton-Gemeinschaften auf die Versauerung. Phytoplankton ist die Basis des Nahrungsnetzes. Was diese Reaktion für das gesamte Ökosystem bedeutet, wird man mit weiteren Analysen der Daten versuchen zu beantworten. Claudia Kohlus: Warum befasst sich die Wissenschaft erst seit wenigen Jahren mit der Ozeanversauerung? Iris Menn: Man ist erst vor wenigen Jahren darauf aufmerksam geworden, dass die hohen CO2-Emissionen neben dem Klimawandel eine direkte Veränderung der Ozeanchemie bedingt. Claudia Kohlus: Welche Gefahren sehen Sie, wenn durch die Schmelze immer mehr Staaten ein Interesse an der Nutzung der arktischen Gewässer zeigen werden? Iris Menn: Unsere aktuelle Expedition hat gezeigt, dass sich in der Tiefe des Arktischen Ozeans ein artenreiches und sensibles Ökosystem befindet. Viele Bereiche des Arktischen Ozeans sind für uns und die Wissenschaft noch unbekannt. Der Lebensraum war natürlicherweise Jahrhunderte durch das Eis geschützt und somit unzugänglich. Wenn man nun, ohne zu wissen, was sich dort in der Tiefe an Leben befindet, diese Gebiete für eine industrielle Nutzung freigibt, werden sie zerstört. Und das, bevor wir überhaupt wissen, wie es dort aussieht. Gerade deshalb ist ein Sofortverbot für jegliche industrielle Nutzung im Bereich der bisher durch das Eis geschützten Arktis notwendig. Zudem zeigt der aktuelle Ölunfall im Golf von Mexiko, wie gefährlich Ölförderung ist. Ein solcher Unfall in der Arktis wäre für dieses sensible Ökosystem eine nicht zu bemessende Katastrophe. Claudia Kohlus: Aber wie könnte Ihrer Meinung nach die Ausbeutung des Arktischen Ozeans verhindert werden? Iris Menn: In einem ersten Schritt benötigen wir ein Sofortverbot für jegliche industrielle Nutzung für den Bereich der Arktis, der bisher durch das Eis geschützt wurde. Dieses Moratorium muss so lange in Kraft bleiben, bis ein übergeordnetes internationales Abkommen verabschiedet wird, in dem der Schutz und die Nutzung des Arktischen Ozeans klar geregelt sind. Claudia Kohlus: Versauern die Meere in allen Regionen gleich schnell? Iris Menn: Nein. In kalten Wassertemperaturen löst sich das Gas besser, somit wird mehr CO2 aufgenommen. Die Arktis wird daher am schnellsten und am härtesten von der Ozeanversauerung betroffen sein. Claudia Kohlus: Was passiert mit den Ozeanen, wenn wir so weitermachen? Iris Menn: Die Ozeane werden überfischt, vermüllt und vergiftet. Sie sind durch den Klimawandel und durch unsere hohen CO2-Emissionen unmittelbar betroffen. Gleichzeitig liefern uns die Meere aber Nahrung, Sauerstoff und Arbeitsplätze. Und sie spielen eine entscheidende Rolle für das Weltklima. Wenn wir so weitermachen, werden wir all diese „Servicefunktionen“ der Ozeane verlieren – und unser Leben wird dadurch massiv beeinträchtigt werden. Denn: Die Meere können sehr wohl ohne den Menschen auskommen, wir jedoch nicht ohne gesunde Meere. Claudia Kohlus: Was kann jeder Einzelne dazu beitragen, die Ozeanversauerung zu stoppen? Iris Menn: Die Ozeanversauerung ist eine direkte Folge unserer hohen CO2 Emissionen. Nur wenn diese reduziert werden, kann die Ozeanversauerung aufgehalten werden. Dies ist ein weiterer Grund für die Notwendigkeit eines international starken und verbindlichen Klimaabkommens, in dem sich die Industrienationen zu einer CO2-Reduktion der Treibhausgase um 40 Prozent bis 2020 auf der Basis von 1990 verpflichten. Und jeder Einzelne kann zur Verminderung der CO2 Emissionen beitragen, indem er weniger Auto fährt, weniger fliegt und vieles mehr. Viele einfache und kleine Dinge können die die Welt wirklich verändern. Zur Person: Iris Menn war Expeditionsleiterin an Bord des Greenpeace-Expeditionsschiffes Esperanza und hat Wissenschaftler des Kieler Leibnitz-Instituts für Meereswissenschaften bei ihren Forschungen zum Klimawandel und zur Ozeanversauerung im sensiblen Ökosystem Arktis unterstützt. Menn arbeitet seit 2002 als Meeresbiologin bei Greenpeace, wo sie für den internationalen Meeresschutz zuständig ist. Sie promovierte an der Wattenmeerstation Sylt des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meerforschung in Bremerhaven. Bild: Nick Cobbing/Greenpeace
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