Istanbuler Bürger rufen SOS

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Geschrieben von: Jürgen Gottschlich, Istanbul 27.07.10
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Seit 1985 ist die Historische Halbinsel Istanbuls, dort wo die Hagia Sophia, die Blaue Moschee und der Topkapi Palast an die ruhmreiche Vergangenheit der Stadt erinnern, Teil des Weltkulturerbes. Jetzt droht der Verlust dieses Unesco-Titels.

Am Wochenende herrscht auf Istanbuls Promenier-Meile, der Istiklal Caddesi in Beyoglu, fast immer ein heilloses Gedränge. An diesem Samstag staute sich der Fußgängerstrom noch zusätzlich, weil rund 100 Leute ein Hindernis aufgebaut hatten, um die Aufmerksamkeit der Besucher vom Einkaufsbummel weg auf die Probleme der Stadt zu lenken. Auf dem Straßenpflaster sitzend haben sie eine Figur gebildet, die bei genauerem Hinsehen drei Buchstaben bildet: SOS. Gemeint ist, S.O.S als Weck - und Hilferuf für Istanbul als Weltkulturerbe.

Historisches Erbe Istanbuls verschleudert?

Seit 1985 ist die Historische Halbinsel Istanbuls, dort wo die Hagia Sophia, die Blaue Moschee und der Topkapi Palast an die ruhmreiche Vergangenheit der Stadt erinnern, Teil des Weltkulturerbes. Noch, denn auf der gestern in Brasilien begonnenen Sitzung des zuständigen Ausschusses der Kultur und Bildungsorganisation der UNO, UNESCO, wird darüber diskutiert, Istanbul den Titel Weltkulturerbe wieder abzuerkennen.

„Wir wollen den Bewohner der Stadt die Augen dafür öffnen, dass die Stadtverwaltung und die Regierung in Ankara gerade dabei sind, das historische Erbe Istanbuls zu verschleudern“, sagt Cigdem Sahin, eine der Organisatorinnen der Aktion. „Die meisten bekommen ja gar nicht mit, was unter ihren Füßen passiert oder vor ihren Augen geschieht“. Immerhin die SOS – Istanbul Aktion wird wahrgenommen, nicht nur von den Spaziergängern sondern auch von den Medien. Etliche Kamerateams sind vor Ort. Es könnte allerdings durchaus sein, dass der Hilferuf zu spät kommt.

Eines der ältesten Quartiere Istanbuls wird abgerissen.

Seit Jahren diskutieren UNESCO Vertreter bereits mit den Istanbuler Verantwortlichen über Verständnis und Umgang mit der gebauten Geschichte. So beklagt die UNESCO regelmässig, dass die grosse Theodosianische Stadtmauer aus dem vierten Jahrhundert unsachgemäss restauriert wird. Für zusätzlichen Ärger sorgte dann der Abriss eines der ältesten Quartiere Istanbuls überhaupt, dem Roma Viertel Sulukule, direkt im Schatten der Stadtmauer. Ausgerechnet im Vorfeld des Kulturhauptstadtjahres 2010 setzten einflussreiche Kreise innerhalb der regierenden AKP durch, dass das Viertel abgerissen und durch Luxusbauten im Neoosmanischen Stil bebaut wird. Osmanisches Dixieland nennen Kritiker das Vorhaben. Noch in Planung aber ebenfalls von der Regierung stark protegiert, ist der Teilabriss und Neubebauung von Fener und Balat, den ehemals griechischen und jüdischen Vierteln in der Altstadt. Dazu kommt, dass die im Bau befindliche U-Bahn über eine neue Brücke über das Goldene Horn geführt werden soll, und damit die jahrhundertealte Silhouette empfindlich verändern würde.

Gravierende Verkehrsprobleme

„Doch Gutachten, die die UNESCO in Auftrag gegeben hat, wurden von der Stadtverwaltung einfach ignoriert“, erzählt Cigdem Sahin, die in der Bürgerinitiative zum Erhalt von Fener/Balat aktiv ist. „Man hat zwar immer 'ja, ja, machen wir schon' gesagt“, meint der Stadtplaner Korhan Gümüs, „doch geändert hat sich nichts“. Das hat zwei Gründe. Zum einen wird mit der „Gentrifizierung“ der Altstadt, also der Verdrängung der angestammten eher armen Bevölkerung und dem Zuzug finanzstarker Gruppen, viel Geld verdient. Zum anderen hat Istanbul so gravierende Verkehrsprobleme, dass der Bau einer U-Bahn von den meisten Bewohnern begrüßt wird, auch wenn dafür eine neue Brücke über das Goldene Horn gebaut werden muss. Gerade der U-Bahn Bau in Istanbul erwies sich als enorm schwierig, weil die Bauarbeiter ständig auf archäologische Stätten stießen und das gesamte Projekt deshalb bereits Jahre im Verzug ist. Das kostet enorme Summen und die Stadtverwaltung ist  überzeugt, längst ausreichend Rücksicht auf  den Erhalt des archäologischen Erbes genommen zu haben.

Wenn in Brasilien nicht noch im letzten Moment konkrete Vorschläge der türkischen Delegation auf den Tisch kommen, wird wohl ausgerechnet der Kulturhauptstadt im Jahr 2010 der Titel des Weltkulturerbes aberkannt.

 

Bild: Yvonne von Hunnius

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