Kulturerbe ist mehr als Filmkulisse

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Geschrieben von: Steffen Klatt, Amman 26.07.10
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Seit Sonntag berät die Unesco wieder über die Verleihung des Titels Weltkulturerbe. Diesmal bewerben sich 35 Orte um den Titel. Die Unesco ist zu einer Titelvergabemaschine geworden, kritisiert Jula-Kim Sieber. Durch den Titel werden Filmkulissen konserviert und die natürliche Entwicklung gehemmt.

Steffen Klatt: Immer mehr Orte wollen zum Unesco-Weltkulturerbe werden. Wie sinnvoll ist das?

Jula-Kim Sieber: Jedes Branding, das von außen kommt, ist fragwürdig. Da werden Regeln aufgedrückt, die von anderen Leuten aufgestellt worden sind, aber mit der lokalen Identität nichts zu tun haben. Etwas, das aus der eigenen Identität heraus entwickelt wird, ist viel wertvoller.

Steffen Klatt: Hinter den Bewerbungen um die Auszeichnung als Unesco-Weltkulturerbe steht die Eigeninitiative des jeweiligen Orts.

Jula-Kim Sieber: Das ist die Wirkung des Unesco-Marketings. Viele Orte wollen zum Weltkulturerbe gehören, weil sie dann mehr Aufmerksamkeit genießen und leichter an Geld herankommen. Diese Orte hoffen darauf, sich entwickeln zu können, wenn sie erst einmal den Titel haben. Wenn dank dem Weltkulturerbe tatsächlich Geld fließt, dann kommt es obendrein oft viel zu schnell. Oft kommen dann Leute von außerhalb mit viel Geld, sind aber an der lokalen Identität gar nicht interessiert. Sie wollen einfach schnell Geld verdienen. Wenn das nicht funktioniert, sind sie ebenso schnell wieder weg. Oder die ganze Energie des Ortes ist in die Erwerbung des Titels geflossen, ohne dass man sich gefragt hat, was man damit anfangen will.

Steffen Klatt: Gilt das in erster Linie für Weltkulturerbestätten in Entwicklungsländern?

Jula-Kim Sieber: Das gilt auch für Europa. Schauen Sie nach Görlitz. Die Stadt wurde komplett renoviert. Aber die Innenstadt steht leer. Das Streben nach dem Weltkulturerbetitel ist der falsche Ansatz. Nachhaltig ist, was aus eigener Kraft entwickelt wird, denn dann wird es auch langfristig getragen.

Steffen Klatt: Muss man nicht auch vermarkten, was man entwickelt hat?

Jula-Kim Sieber: Die Vergabe des Unesco-Weltkulturerbelabels funktioniert ähnlich wie „Deutschland sucht den Superstar“. Die Gewinner können gut Geld verdienen. Aber ob ihre Musik gut ist, ist zweifelhaft. Da finde ich die Europäische Kulturhauptstadt ehrlicher: Während einem Jahr kann man seine Kultur – alte wie moderne - zeigen, dann kommt eine andere Stadt an die Reihe. Die Unesco dagegen will einfach Bestehendes konservieren. Wenn es um Städte geht, erhalten meist die Altstädte den Titel. Und diese Altstädte werden dann zu einem toten Museum. Nehmen Sie Damaskus: Während fünftausend Jahren war die Stadt ein kulturelles Zentrum…

Steffen Klatt: Damit trägt die Stadt den Titel des Weltkulturerbes zu recht…

Jula-Kim Sieber: Ja, aber indem der Titel draufgedrückt wurde, wird die Stadt kaputt gemacht. In dieser Stadt war der kulturelle Austausch stets lebendiger als anderswo. Aber die Unesco versucht einfach, das Vergangene zu bewahren. Sie interessiert sich dabei nur für die Filmkulisse. Ein anderer Bau passt dann womöglich nicht in ihr Bild, selbst wenn darin ein traditioneller Geschichtenerzähler sitzt und seine Geschichten erzählt.

Mit dem Titel sind die Fünfsternehotels und –restaurants gekommen. Damit wurde die alte Struktur verdrängt, die über die letzten 5.000 Jahre hinweg sehr gut funktioniert hatte. Damaskus hat immer Touristen angezogen. Aber nun kommen andere Touristen, denen ein Bild der Stadt präsentiert wird, das nichts mehr mit der Seele zu tun hat. Sie setzen auch eine andere Infrastruktur voraus, wollen mit dem Auto zum Hotel fahren und so weiter. Sie wollen auch rund um die Uhr Wasser, während die Bewohner jeweils nur unregelmäßig während etwa vier Stunden Wasser erhalten.

Steffen Klatt: Hat der Unesco-Titel also auch Vorteile?

Jula-Kim Sieber: Eines der Grundprobleme der Unesco ist, dass sich gerade zwei Dutzend Leute mit der Vergabe des Weltkulturerbes beschäftigen. Sie greifen auf immer wieder wechselnde externe, internationale Berater zurück.

Mit ihrer Bürokratie kann die Unesco die Folgen des Titels nur mit Verzögerung beurteilen. So sollte in Djenné in Mali die Moschee beleuchtet werden. Deshalb wurde Strom in die Stadt gebracht, den es bis dahin nicht gegeben hat. Damit kamen auch die Fernseher, und das soziale Leben starb ab. In Gao ebenfalls in Mali sollte die Umgebung des Grabmals von Askia freigeräumt werden. Dabei waren die Hütten ein Zeichen dafür, dass das Leben sich weiterentwickelt hatte. Aber weil es arme Leute waren, interessierte das die Unesco nicht.  In Goiás Velho in Brasilien war es andersherum gewesen. Das einstige Bergbauzentrum war längst geschrumpft, als es für den Unesco-Titel wurde die Stadt wieder aufgebaut wurde.  Sie sieht schön aus, ein gutes Beispiel der Kolonialarchitektur. Wäre es nicht besser gewesen, die Veränderungen zu akzeptieren und die Stadt der Natur wieder zu überlassen? Es gibt in Brasilien bessere Klimazonen zum Wohnen, deswegen ist die Stadt ja auch ausgestorben.

Steffen Klatt: Dann war es aus Ihrer Sicht richtig, dass Dresden auf der Waldschlösschenbrücke bestanden und dafür auf den Unesco-Titel verzichtet hat?

Jula-Kim Sieber: Das ist ein anderer Fall. Die Politiker wollten die Brücke durchdrücken, weil ohne sie EU-Fördergelder für den Bau der Autobahn nach Tschechien nicht geflossen wären. Die Anwohner waren gegen die Brücke.

Steffen Klatt: Den Unesco-Titel gibt es schon seit Jahrzehnten. Hat er aus ihrer Sicht etwas gebracht?

Jula-Kim Sieber: Die Unesco hat ein viel zu großes Gewicht. Sie ist zu einer Titelvergabemaschine geworden. Die Vergabe orientiert sich zu sehr an der Erfüllung bestimmter Kriterien. Dabei ist es immer eine subjektive Entscheidung, ob etwas schön oder kulturell wertvoll ist. Für die Überprüfung, was nach der Vergabe des Titels vor Ort wirklich passiert, fehlen die Kapazitäten. Dabei gehört es zu jedem Label, dass die Einhaltung der Bedingungen auch nach der Vergabe kontrolliert wird.

Steffen Klatt: Sollte der Weltkulturerbetitel abgeschafft werden?

Jula-Kim Sieber: Das Gewicht nimmt schon jetzt ab, indem immer mehr Orte den Titel tragen.

 

Zur Person:
Jula-Kim Sieber ist Architektin in Darmstadt und beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen Architektur und Kommunikation. Sie beschäftigt sich seit Jahren kritisch mit dem Unesco-Weltkulturerbe und hat dabei unter anderem die Wirkung des Welterbetitels in Syrien, Jemen und Mali untersucht. Sie lehrt an der Technischen Universität Darmstadt.

Bild: Steffen Klatt

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