Aufklärung nötig

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Geschrieben von: Ulf Bossel, European Fuel Cell Forum 21.07.10
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Der vor fast 300 Jahren geschaffenen Begriff „Nachhaltigkeit“ ist zu Modewort verkommen. Politiker fordern nachhaltiges Wachstum, Banken versprechen nachhaltige Geldanlagen und Gemüse stammt aus nachhaltigem Anbau. Ein namhaftes Schweizer Forschungsinstitut hat in einem Beitrag (Energie-Spiegel Nr. 20 vom Juni 2010) über die Nachhaltigkeit von Energieoptionen  die Konfusionsflut weiter vermehrt. Aufklärung tut also Not.

Mit der Veröffentlichung „SYLVICULTURA OECONOMICA oder Hausswirthliche Nachricht und Naturmässige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht“ hat der sächsischen „Cammer Rath und Ober-Berg-Hauptmann“ Hannss Carl von Carlowitz bereits 1713 den Begriff der Nachhaltigkeit geprägt. Seine Anweisungen, den Holzbestand im Wald zu erhalten und nur den Zuwachs zu ernten, würde man heute als Holz-Erhaltungssatz bezeichnen. Gefordert wird, von den Zinsen zu leben, nicht vom Kapital, damit der Nachwelt die Existenzgrundlage erhalten bleibt. Nachhaltigkeit ist also physikalisch exakt definiert. Es gibt keine Veränderungen über lange Zeiträume mehr. Nachhaltigkeit beschreibt ein permanentes Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage, zwischen Rohstoffen und Mensch. Nicht zuletzt wird „Nachhaltigkeit“ im Englischen auch als „permanence“ bezeichnet.

Nachhaltigkeit ist also kein Prozess, sondern ein Endzustand im Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur. Es gibt keine halbe Nachhaltigkeit oder die Steigerung „nachhaltig, nachhaltiger am nachhaltigsten“. Auch ist der Zustand der Nachhaltigkeit nur dann erreicht, wenn alle Teilprozesse nachhaltig sind. Man kann die fehlende Nachhaltigkeit in einem Bereich nicht mit Nachhaltigkeit in einem anderen kompensieren, so wie Fahrzeuge mit schlechten Bremsen stillgelegt werden, selbst wenn die Beleuchtung bestens funktioniert. Auch gibt es keine nachhaltigen Entwicklungen, sondern nur Entwicklungen in Richtung Nachhaltigkeit, denn nichts kann sich ewig verändern. Der zum Modewort verkommene Begriff der Nachhaltigkeit wird nur selten korrekt verwendet.

Die Regeln der Nachhaltigkeit sind heute jedoch fester Bestandteil der Forstwirtschaft im deutschsprachigen Raum. Sie werden zunehmend auch in anderen Bereichen wie Energie und Umwelt angewendet. So kann man beispielsweise mit Energie aus Bodenschätzen (Kohle, Erdöl, Erdgas, Uran usw.) keine Energiezukunft nachhaltig gestalten. Nicht nur gehen diese Vorräte zu Ende, sondern auch die bei ihrer Nutzung entstehenden Umweltgifte (CO2, radioaktive Abfälle usw.) können von der Natur nicht in beliebiger Menge absorbiert werden. Ein wesentliches Kriterium der Nachhaltigkeit ist die langfristige oder permanente Verfügbarkeit von Ressourcen und die Umweltverträglichkeit des produzierten Abfalls. Die Kriterien der Nachhaltigkeit können deshalb als Orientierung für eine weitsichtige Energie- und Ressourcenpolitik dienen.

Im Jahr 1987 ist, wahrscheinlich in Unkenntnis der bereits existierenden Definition der Nachhaltigkeit, der Begriff der „Sustainability“ geprägt worden. Die von der ehemaligen Ministerpräsidentin von Norwegen, Frau Gro Harlem Brundtland geleitete UNO-Kommission hat die folgende philosophische Definition kreiert:

“Sustainable development meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.“

oder zu Deutsch:

Eine “sustainable” Entwicklung erfüllt die Bedürfnisse der heutigen ohne zukünftiger Generationen die Möglichkeit zu nehmen, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.

Im englischen Wörterbuch von 1960 (Cassells New German Dictionary) ist der Begriff „Sustainability“ noch nicht zu finden. Für „sustainable“ werden die drei deutschen Worte „haltbar“, „tragbar“ und „aufrechtzuerhaltend“ genannt. Jeder Hinweis auf „nachhaltig“ fehlt. Um weitere Verwirrungen zu vermeiden soll das von der Brundtland-Komission benutzte Wort „sustainable“ deshalb hier nicht ins Deutsche übertragen werden.

Das philosophische Brundtlandt-Postulat stellt hohe Ansprüche an das menschliche Verantwortungsbewusstsein. Im Gegensatz zur „Nachhaltigkeit“ liefert es jedoch keine physikalische Basis für die Bewertung von Optionen für die nachhaltige Gestaltung der Zukunft. In der ISO Norm 14000 und anderen Regelwerken, die sich auf die Brundtland-Kriterien bezeihen, findet man eine Fülle von Indikatoren für die projektbezogen Analyse von Energievorhaben. Energiekosten, politische Konfliktfelder, Lärmbelästigung, Landschaftsqualität, Tourismus und dergleichen haben jedoch nichts mit Nachhaltigkeit zu tun. Sie dürfen deshalb auch nicht als Basis für eine nach Nachhaltigkeit strebenden Energiepolitik verwendet werden.

Man hat den Eindruck, dass viele dieser Konfliktfelder nur deshalb geschaffen worden sind, um gewisse Energieformen zu bevorzugen oder zu benachteiligen. Denn jedes Konfliktfeld wird gewichtet, das heisst mit subjektiv vorgegebenen Faktoren multipliziert. Durch Addition der gewichteten Konfliktindikatoren wird so eine Technologiebewertung vorgetäuscht, die fast jeden Bezug zur Physik vermissen lässt. Das Gesamtergebnis kann durch Wahl der Kriterien und deren Bewertungen fast beliebig verändert werden. Die Ergebnisse reflektieren die Werteskala des Bewerters oder der bewertenden Organisation. Schlimmer noch, Wunschergebnisse können durch Zahlenmanipulation erzeugt werden. Die oben zitierte Veröffentlichung belegt die Breite des Streubereichs. Das benutzte Verfahren kann deshalb keine objektive Bewertung der unterschiedlichen Optionen für eine nachhaltige Gestaltung der Energiezukunft liefern. Unter der Überschrift „Sustainability“ kann jeder alles beweisen. Absolute Massstäbe gibt es nicht.

Wegen des Fehlens einer exakten Basis eignet sich die philosophische Definition „Sustainability“ nicht zur Bewertung von Zukunftsoptionen. Im Gegensatz dazu ist „Nachhaltigkeit“ über die langfristige Konstanz der Zustände physikalisch definiert. „Sustainability“ ist nicht deckungsgleich mit „Nachhaltigkeit“. „Sustainability darf nicht in „Nachhaltigkeit“ übersetzt werden. Vielmehr sollte man Regeln für die allgemeine Anwendung des Nachhaltigkeits-Prinzips auf unterschiedliche Bereiche des Zusammenwirkens von Mensch und Natur entwickeln. Angesicht der bereits bestehenden Sprachverwirrung wäre es sogar ratsam, das englische Wort „permanence“ auch im Deutschen für „Nachhaltigkeit“ zu übernehmen und für die bereits 1713 physikalisch definierte Grösse das Wort „Permanenz“ zu verwenden.

 

Zur Person: Dr. Ulf Bossel ist Leiter, European Fuel Cell Forum. Der an der ETH Zürich und der Unviversity of California in Berkeley ausgildete Ingenieur befasst sich seit 1972 intensiv mit der der Energiegewinnung aus erneuerbaren Quellen, zuerst mit Sonnen- und Windenergie, später mit der energetischen Nutzung von Biomasse und der Brennstoffzelle. In jüngster Zeit jedoch ist sein Haupanliegen die Schaffung einer nachhaltig gestalteten Energiezukunft, in der alle Energieprobleme für immer und alle Generationen gelöst sind.

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