Russland ertrinkt in der Hitze

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Geschrieben von: Christian Weisflog, Moskau 20.07.10
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Alles Beten hilft bislang nichts: Die Hitzewelle in Russland erreicht neue Rekordwerte. 40 Grad Celsius sollen es diese Woche werden. Menschen, Tiere und Technik stossen an ihre Grenzen. Einzig die Verkäufer von Klimageräten reiben sich die Hände.

Wer sich in Moskau jetzt noch schnell eine Klimaanlage einbauen möchte, der kommt zu spät. Selbst in den grossen Märkten sind alle mobilen Geräte ausverkauft oder nur noch zu horrenden Preisen erhältlich. Eine feste Apparatur mit Aussenventilator macht auch keinen Sinn mehr. Die völlig überarbeiteten Installateure sind bis auf eine Woche ausgebucht. Zu spät für den nächsten Hitzerekord: In der zweiten Wochenhälfte werden in der russischen Hauptstadt bis zu 40 Grad erwartet.

Zehn Grad über den Normalwerten

Die Sonne ist derzeit selbst für die russische Präsidentengarde zu stark. Am Samstag wurde die Wachablösung im Kreml abgesagt - mit Rücksicht auf die Gesundheit der Soldaten. Im Stadtparlament verkürzte man die tägliche Arbeitszeit um eineinhalb Stunden, während andernorts in Russland die Einführung einer längeren Siesta diskutiert wird. Auch den Zierfischen im Aquarium ist es zu heiss. Kunden beklagen sich vermehrt über den Tod ihrer Zöglinge, berichten Tierhändler.

Die historische Trockenzeit reicht von Moskau bis nach Wladiwostok. Weite Teile des Landes haben in den vergangenen vier Wochen kaum einen Tropfen Regen erhalten. Die Temperaturen liegen fast zehn Grad über den Normalwerten. Selbst im sibirischen Jakutien, wo der Kältepol aller bewohnten Gebiete der Erde liegt, werden nun 35 Grad erwartet. Im Vergleich zum winterlichen Frost wäre demnach ein Temperaturunterschied von 100 Grad möglich.

Saatflächen werden unfruchtbar

In knapp 20 Regionen riefen die Behörden den Notstand aus. Die Zahl der Waldbrände ist gegenüber dem Vorjahr in ganz Russland massiv angestiegen. Bereits jetzt ist zudem ein Fünftel der gesamten Saatfläche unfruchtbar geworden. In einzelnen Gebieten Zentralrusslands sind es sogar über 60 Prozent. Landwirtschaftsministerin Irina Skrynnik prognostiziert eine Getreideernte von rund 85 Millionen Tonnen. Nach steigenden Exporten in den vergangenen Jahren würde dies gerade knapp für den russischen Eigenbedarf reichen.

Betroffen von der Hitzewelle sind vor allem auch Dorfbewohner und Kleinbauern. Wo das Futter für das Vieh fehlt, werden Rinder frühzeitig geschlachtet. In ländlichen Regionen verdienen die Menschen zudem mit dem Sammeln von medizinischen Kräutern, Pilzen oder Beeren ein Zubrot. Nun werden hier ebenfalls Einbussen von bis zu 50 Prozent gemeldet.

Brennende Torffelder rund um Moskau

Aber auch die Stadtbevölkerung stöhnt unter den Folgen der Dürre. Gestern legte sich neben dem Smog auch ein feiner Brandgeruch über Moskaus Innenstadt. Die Verursacher sind brennende Torffelder rund um die Stadt. Im Vergleich zum Vorjahr ist ihre Fläche viermal so gross. Gennadij Onischtschenko, Russlands oberster Amtsarzt, empfahl den Bürgern deshalb, Schutzmasken zu tragen.

Die ungewohnt hohen Temperaturen bringen auch die altersschwache russische Technik ins Schwitzen: Metrozüge bleiben stehen, Geldautomaten geben den Geist auf und Transformatorstationen laufen heiss. Wegen starker Spannungsschwankungen im Stromnetz brennen Kühlschränke und Fernseher durch. In Astrachan wurden die Einwohner deshalb angewiesen, nicht mehrere Haushaltsgeräte gleichzeitig zu benutzen. „Wir gewöhnen uns daran, bügeln abends nach zehn Uhr und waschen morgens um fünf Uhr", erzählt die Hausfrau Galina Feklistowa.

Tödliche Abkühlung

Auf der Flucht vor der Hitze suchen viele Russen an den Wochenenden Abkühlung an Seen und Flüssen. Mancher findet dabei aber auch den Tod. Allein an Moskaus Stränden ertranken am Wochenende elf Menschen innerhalb von 24 Stunden. Im ganzen Land liegt diese Todesrate zurzeit bei rund 50 Personen pro Tag. Mitverantwortlich für diesen Negativrekord ist der Alkoholkonsum. Die Russen wollen sich ihre Trinkfreunde eben auch beim Badespass nicht nehmen lassen. Russland ertrinkt in der Hitze und ein Ende ist nicht in Sicht. In der Wolga-Region Nischnij Nowgorod wird seit Beginn des Monats in jeder Kirchgemeinde um Regen gebetet. Bislang erfolglos. Freuen können sich einzig die Klimageräte-Händler. In ihren Kassen regnet es weiterhin Rubelscheine.

 

Bild: Pretschistenskaer Uferstrasse in Moskau (Urheber dieses Wikipedia und Wikimedia Commons Bildes ist der User Ikar.us. Es ist frei erhältlich unter http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pretschistenskaja_Nabereschnaja.jpg und ist lizensiert nach Creative Commons Attribution 3.0 Unported.

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