Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) unterstützt Forscher jährlich mit 600 Millionen Franken. Laut SNF-Präsident Dieter Imboden ist das die Grundlage einer innovativen Wirtschaft. Denn vor der Landvermessung muss ein Kontinent erst entdeckt werden. Yvonne von Hunnuis: Was trägt der SNF dazu bei, dass dem Forschungsprozess innovative Produkte entspringen? Dieter Imboden: Es ist Aufgabe des SNF, die Grundlagenforschung zu unterstützen, ohne die letztlich der Innovationsprozess austrocknen würde. Unsere Schwesterorganisation, die Förderagentur für Innovation des Bundes KTI, setzt dort ein, wo die Zusammenarbeit mit der Industrie konkret wird. Das bedeutet nicht, dass wir nie anwendungsorientierte Projekte fördern. Es gibt immer wieder Forscher, die im übertragenen Sinne neue Kontinente entdecken, welche dann kartografiert und genutzt werden. Verwandte Themen| { Innovation effizient gestalten, 23.06.10 } | | { Dem Export Flügel verleihen, 15.04.10 } | | { Cleantech-Export für die Zukunft, 01.04.10 } | | { Auf die Stärken besinnen, 18.03.10 } | | { Umweltschutz belohnen, 12.03.10 } | | { Grösster Motor der Weltwirtschaft, 01.02.10 } | | { Die grünen Milliarden spriessen, 08.12.09 } | | { Klimawandel als Chance nutzen, 07.12.09 } | | { Es braucht echte Verpflichtungen, 01.12.09 } | | { Auch bei Cleantech zählt Qualität, 18.11.09 } | | { Für eine grüne Wirtschaft, 18.11.09 } | | { Wirtschaft will Nachhaltigkeit, 02.11.09 } | | { Beste Recycling-Idee gesucht, 29.10.09 } | | { Nachhaltig einfacher gestalten, 29.10.09 } | | { Chemieriesen kaum nachhaltig, 01.10.09 } | | { Innovative Unternehmer gesucht, 02.09.09 } | | { Innovation braucht Netzwerke, 24.08.09 } | | { Chance für den Finanzmarkt, 29.07.09 } |
Yvonne von Hunnuis: Somit fördert der SNF Entdecker und die KTI später die Vermesser mit klarer Zielvorstellung… Dieter Imboden: Ungefähr, doch wir sind lange davon abgekommen, dass es eine direkte Linie vom Mathematiker bis zum Ingenieur gibt, der am Ende einen Apparat konstruiert. In der Forschung geht es darum, den Ideenfluss in beiden Richtungen zu ermöglichen, von der Grundlagenforschung zur Anwendung und zurück. Yvonne von Hunnuis: Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel? Dieter Imboden: Beispielsweise habe ich mich als Umweltforscher mit der Überdüngung von Seen beschäftigt und wir haben einen Weg zur Belüftung von Seen entwickelt. Daraus ist ein Produkt entstanden. Doch während der Arbeit der Ingenieure sind neue Fragen aufgekommen, in deren Bearbeitung ich wieder in der Grundlagenforschung involviert war. Wir sammeln Wissen über alles Mögliche. Viel von diesem Wissen findet nie eine Anwendung. Aber wenn wir dann einen Mann auf den Mond schicken wollen, braucht man vielleicht Elemente aus dem Wissenspool. Yvonne von Hunnuis: Wie wird sichergestellt, dass Elemente des Wissenspools nicht in einem Büro verstauben? Dieter Imboden: Der Übergang zur Wirtschaft muss in erster Linie lokal funktionieren – dort, wo das Wissen in den Forschungsinstitutionen produziert wird. Deshalb gibt es an Universitäten Transferbüros. In gewissen Fällen wird aber auch der SNF direkt aktiv. Yvonne von Hunnuis: Und welche Wissenschaftler sollten gefördert werden, damit sie später in der Wirtschaft innovativ arbeiten können? Dieter Imboden: Hier sind wir mit zwei Welten konfrontiert: Die Pharma- und Maschinen-Industrie, die grosse Forschungsabteilungen besitzt, will Leute, die nicht zu speziell ausgebildet sind. Sie sollen über ein Basiswissen verfügen, mit dem sie sich in aktuelle Probleme einarbeiten können. Umgekehrt sind kleine und mittlere Unternehmen heute aus finanziellen Gründen an Leuten interessiert, welche ohne grosse Vorarbeit gezielt konkrete Fragen bearbeiten können. Yvonne von Hunnuis: Was kann der SNF ausser der Förderung von Wissensproduktion leisten, um der Schweiz aus der Krise zu helfen? Dieter Imboden: Dank der durch den SNF finanzierten Grundlagenforschung verfügt die Schweiz immer über einen Pool von Wissenschaftlern, welche auf dem neusten Wissensstand sind und dann zur Verfügung stehen, wenn die Industrie sie braucht. Tatsächlich steigt die Doktoratsquote in wirtschaftlich schlechteren Zeiten. Umgekehrt verliert die akademische Forschung in besseren Zeiten viele Forschende wieder an die Industrie. Yvonne von Hunnuis: Gerade wurde eine dritte Serie von acht neuen Forschungsschwerpunkten bewilligt – wo liegt der Fokus? Dieter Imboden: Zum Glück entscheidet weder der SNF noch eine Bundesstelle darüber, welche Disziplinen gefördert werden sollen und in welcher Region der Schweiz. Das Auswahlverfahren richtet sich einzig nach der Qualität der Anträge. Konkret heisst das: Physik und Life Sciences waren die grossen Gewinnern dieser dritten Serie. Yvonne von Hunnuis: Kämen die besten Anträge alle aus Physik, dann würden alle Schwerpunkte in Physik liegen? Dieter Imboden: Letztlich ja. Die Schweiz kann nicht überall an der Spitze sein. Auch zeugt es von Klugheit des Systems, dass nicht die Politik über die Themen bestimmt, denn die beste Nase für das erfolgsversprechende Neue haben die Forscher. Mit diesem Prinzip ist die Schweizer Forschung einzigartig. Yvonne von Hunnuis: Aber welche wissenschaftlichen Bereiche sind denn auch in wirtschaftlichem Sinne besonders innovativ? Dieter Imboden: Es sind spannenderweise genau diejenigen, die die Schwerpunkte dominieren: Einerseits Physik im Übergang zu Chemie, Materialwissenschaften und Nanowissenschaften, andererseits Ausserdem die moderne Biologie und ihre Verbindung zur Medizin. Yvonne von Hunnuis: Sie sind auch Präsident der Vereinigung europäischen Forschungsförderungsorganisationen – wie innovativ ist die Schweizer Forschung im internationalen Vergleich? Dieter Imboden: Die Schweiz gehört zur Spitze. Gemessen an ihrer Grösse darf man sie in Europa gar als das erfolgreichste Land bezeichnen. Nehmen wir beispielsweise den Erfolg beim European Research Council: Die in der Schweiz tätigen Forscher haben die höchste relative Erfolgsquote – neun Prozent aller Förderungen, die während der ersten drei Jahre der Existenz des ERCs vergeben worden sind, ging in die Schweiz, obwohl das Land noch nicht mal zwei Prozent der Bevölkerung ausmacht. Und beim internationalen Innovationsindex sind die Schweizer meist unter den ersten dreien. Yvonne von Hunnuis: Trotz allen Lobes – wo sehen Sie Verbesserungspotential? Dieter Imboden: Wir sind zwar sehr innovativ – doch der Schweiz ist nicht immer gelungen, aus einer Idee etwas wirtschaftlich Grosses zu machen. Es fragt sich, wie man auf Basis einer Garagen-Idee zu Microsoft oder Google wird. Hier fehlt in der Schweiz nicht die geistige Kapazität, sondern die Bereitschaft, Risiko einzugehen. Zudem ist die Startupförderung verbesserungsfähig. Doch die Aufgabe des SNF ist, dafür zu sorgen, dass die Grundlagen für Innovation geschaffen werden. Und die sind ohne Zweifel vorhanden. Zur Person: Dieter Imboden ist seit 1988 ordentlicher Professor für Umweltphysik im Departement für Umweltwissenschaften der ETH Zürich. Seit 2005 ist er Forschungsratspräsident des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF). Zudem präsidiert er seit Januar 2009 die Vereinigung der Präsidien der europäischen Forschungsorganisationen (EUROHORCs). SNF in Kürze: Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) ist die wichtigste Fördereinrichtung für die Grundlagenforschung in der Schweiz. 1952 wurde er als privatrechtliche Stiftung gegründet. Der SNF fördert jährlich rund 7 000 Wissenschaftler, wovon mehr als 5.500 jünger als 35 Jahre sind. Insgesamt schüttet der SNF jährlich rund 600 Millionen Franken aus.
|