Biospritrisiko unter dem EU-Teppich

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Geschrieben von: Christian Mihatsch, Basel 13.07.10
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Die Politik setzt auf Biosprit und hierbei werden zunehmend kritische wissenschaftliche Studien ignoriert. Oder verfälscht? Dem EU-Agrardepartement wird vorgeworfen, zugunsten von Biosprit in Studien eingegriffen zu haben. Denn hinter Biosprit stecken Milliarden.

Ob Biosprit tatsächlich „Bio“ ist und dem Klima guttut, darüber streiten sich Experten. Derweil ist Biosprit für die Agrarindustrie ein lukratives Geschäft. Europas Bauern sind im Biospritrausch. In der EU wurden 2008 knapp zehn Millionen Tonnen Biodiesel und Biobenzin hergestellt. Und es besteht das Ziel, bis 2020 sieben Prozent des Treibstoffverbrauchs durch Biosprit zu ersetzen. Hierfür scheinen EU-Agrarbeamte sogar wissenschaftliche Studien zu verfälschen, wie die Nachrichtenagentur Reuters mit Verweis auf EU-Quellen herausgefunden haben will.

Zensur und verfälschende Vorgaben?

Eine Studie des deutschen Fraunhofer Instituts soll gekürzt worden sein. Vertreter des Landwirtschaftsressorts hätten eine Textstelle zensiert, die aufzeige, dass Biosprit aus Sojabohnen viermal klimaschädlicher als normales Benzin aus Erdöl sein könne. Bei einer weiteren Studie hätten die EU Beamten den Autoren einseitige Annahmen vorgegeben. Die Studie des International Food Policy Research Institutes IFPRI kam denn auch zu einem für Biosprit vorteilhafteren Ergebnis als die bereits erwähnte Fraunhoferstudie. So hätten die EU Beamten den IFPRI Forschern vorgegeben, sie erwarteten, dass vom gesamten Biospritverbrauch 55 Prozent auf Biodiesel und 45 Prozent auf Biobenzin entfallen solle. In Wirklichkeit dürften 80 Prozent auf Biodiesel entfallen, wie einer der Autoren der Studie selber zugegeben haben soll. Biodiesel ist klimaschädlicher als Biobenzin. Geht man also von einem geringeren Biodiesel-Anteil aus, dann verbessert sich die Klimabilanz der Biotreibstoffe.

Milliardengeschäft Biosprit

Es lohnt sich, an den Bilanzen zu drehen, denn durch staatliche Entscheide vieler Länder, allen voran der EU und den USA, werden Mineralölkonzerne dazu verpflichtet, ihrem Benzin und Diesel Biosprit beizumischen. Damit ist nicht nur in der EU ein gigantischer Markt entstanden: Im Jahr 2007 kamen 1,8 Prozent des weltweiten Benzin- und Dieselverbrauchs nicht aus einem Bohrloch sondern vom Acker. Mittlerweile setzt die Biospritindustrie weltweit 76 Milliarden Dollar um und diese Zahl soll bis 2020 auf 247 Milliarden ansteigen.

Biosprit: Die nächste Generation soll's richten

Derzeit wird Biobenzin und Biodiesel noch aus Nahrungsmitteln hergestellt. Für die Herstellung von Biobenzin benutzt man Weizen, Mais, oder Rohr- und Rübenzucker während Biodiesel meist aus Soja-, Raps- oder Palmöl hergestellt wird. Dies sind die Biokraftstoffe der sogenannten „ersten Generation“. In Zukunft hofft man aber, Biosprit auch mit Landwirtschaftsabfällen, Holzresten, Stroh oder speziellen Energiepflanzen produzieren zu können – Biotreibstoffe der zweiten Generation. Und schliesslich erforscht man auch intensiv die Nutzung von Algen. Das wäre dann die dritte Generation. Doch dies wird noch eine Weile dauern. Der EU Plan zu Strategischen Energietechnologien erwartet, dass die für die zweite Generation erforderlichen Technologien erst zwischen 2015 und 2020 marktreif sind. Und die dritte Generation ist noch weiter von der Marktreife entfernt. Bereits grosstechnisch nutzbar ist hingegen Biogas. Hier zersetzen Bakterien Pflanzenreste, Gülle, Klärschlamm oder einfach Müll und setzen dabei Methan frei. Dieses Methan kann man absaugen und anstelle von Erdgas zur Stromerzeugung oder zum Kochen nutzen.

Nahrungsmittelmangel zerschlägt Biospritblase

Was vordergründig als Sieg grünen Denkens aussieht, sehen Wissenschaftler kritisch. Denn auch der Bedarf nach Nahrungsmitteln wächst stetig. Wegen der steigenden Weltbevölkerung und des zunehmenden Fleisch- und Milchkonsums in den grossen Schwellenländern muss die Nahrungsmittelproduktion bis 2030 um 50 Prozent steigen. Um nun die steigende Biosprit- und Nahrungsnachfrage zu befriedigen, muss man entweder die Erträge pro Hektar Landwirtschaftsland erhöhen oder derzeit noch ungenutzte Flächen unter den Pflug nehmen. Doch das Potential für Ertragssteigerungen ist begrenzt und so erfordert die steigende Biospritproduktion die Umwandlung von Wald, Weide- oder Brachland in Ackerland. Dieser Effekt nennt sich „Indirekte Veränderung der Bodennutzung“ oder „Indirect Land Use Change“, abgekürzt ILUC. Und hierbei wird CO2 freigesetzt. Eine Studie der Universität Minnesota kommt zum Schluss, dass durch die veränderte Bodennutzung 17- bis 420-mal mehr CO2 freigesetzt wird als durch die Verwendung von Biosprit eingespart wird.

2020-Ziel wackelt

Das Risiko für den Biospritmarkt zumindest scheint die EU erkannt zu haben: Jean-Luc Demarty, Chefbeamter im EU-Landwirtschaftsdepartement, soll im letzten Dezember einem Kollegen geschrieben haben: Die Berücksichtigung von ILUC „würde Biosprit in der EU killen“. Die nun aufgedeckten Studienänderungen passen ins Bild. Doch andere EU-Ressorts könnten bereits eine Umkehr planen. EU-Energiekommissar Günther Öttinger antwortet auf eine Anfrage von Reuters: „Wir nehmen die indirekte Veränderung der Bodennutzung sehr ernst. Darum haben wir mehrere Studien in Auftrag gegeben. Wenn es sich bestätigt, dass es im Zusammenhang mit ILUC ein gravierendes Problem gibt, dann besteht die Möglichkeit die Gesetzgebung anzupassen.“ Das heisst konkret: Die EU könnte ihr Ziel aufgeben, bis 2020 sieben Prozent des Treibstoffverbrauchs durch Biosprit zu ersetzen.

Die Biospritlobby versucht derweil vom Thema abzulenken: „Niemand spricht über die indirekten Effekte der Ölförderung. Schauen Sie sich an, was im Golf von Mexiko passiert“, sagte der Chef der europäischen Biodiesellobby, Raffaello Garofalo. Und Vertreter der Biospritgegner reagieren aufgebracht. Tim Gabriel von der auf Umweltrecht spezialisierten Anwaltskanzlei ClientEarth: „Ich finde das Vorgehen der EU-Kommission skandalös. Wenn die Leute ihren Tank mit Biosprit füllen, haben sie ein Recht darauf zu wissen, ob sie so die Entwaldung auf der anderen Seite des Planeten fördern.“

 

Bild: Brotimtank.ch

Blog: EU betreibt Klientelpolitik