Kernfusion ist ein Fass ohne Boden

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Geschrieben von: Alexander Wragge 07.07.10
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Eher fliege eine bemannte Raummission zur Venus, als dass Kernfusion einen Beitrag zur Stromversorgung liefere, sagt Atomphysiker Heinz Smital. Der Experte von Greenpeace fordert, das Kernfusionsprojekt ITER schnellstmöglich zu stoppen, weil die Aussichten auf Erfolg zu gering seien. Das Geld sei in der Erforschung erneuerbarer Energien besser eingesetzt.

Alexander Wragge: Die Kernfusion steht derzeit zur Debatte, weil der Versuchsreaktor ITER im französischen Cadarache immer teurer wird. Das Projekt soll inzwischen 15 statt 5 Milliarden Euro kosten, schätzt die EU-Kommission. Greenpeace hat ITER von Anfang an skeptisch gesehen, warum?

Heinz Smital: Die Kostenexplosion kommt nicht überraschend. Die Kosten werden auch noch weiter steigen. Uns muss klar sein: Selbst wenn der Reaktor realisiert wird, hat man noch gar nichts gewonnen. Man hat noch keine Stromerzeugung. Man müsste noch viele Prototypen bauen, um überhaupt in die Nähe dessen zu kommen, was schon jetzt immer versprochen wird.

Alexander Wragge: Sie geben der Kernfusion keine Chance, einen Beitrag zur Stromversorgung zu leisten?

Heinz Smital: Seit der Nachkriegszeit wird angekündigt, in einem Zeitraum von 20 bis 50 Jahren sei die Technologie so weit. Die Wahrheit ist, wir sind heute nicht näher an der Energieerzeugung durch Kernfusion dran als vor 30 Jahren. Man muss sich die Herausforderung vor Augen führen: Sie müssen 100 Millionen Grad beherrschen.

Ich würde sagen, wir können eher eine bemannte Raummission zur Venus schicken als einen kommerziellen Fusionsreaktor bauen.

Es gibt viel einfachere und leichtere Formen der Energieversorgung wie etwa die Solarthermie in der Wüste. Die Erneuerbaren werden die Frage der Energieversorgung lösen. Ich rechne nicht damit, dass die Kernfusion jemals zur Energieversorgung beiträgt. Hier wird sehr viel Geld in ein sinnloses Projekt gesteckt.

Alexander Wragge: Die deutsche Bundesforschungsministerin Annette Schavan hat die Kostenexplosion des ITER-Projekts scharf kritisiert und höhere deutsche Forschungsgelder erst mal verweigert. Trotzdem hält die Bundesregierung prinzipiell an der Förderung fest...

Heinz Smital: Diese Entscheidung ist falsch. Die Kernfusion ist ein Fass ohne Boden. Man muss Grenzen setzen. Es geht doch nicht an, dass im Sozialbereich gespart wird und die Menschen rein gar nichts von diesem teuren Kernfusionsprojekt haben.

Alexander Wragge: Die Politik steckt in einem Dilemma. Man hat seit der Nachkriegszeit Milliardenbeträge in die Erforschung der Kernfusion gesteckt. Wenn man jetzt aussteigt, "realisiert" man im Grunde riesige Verluste, obwohl viele Wissenschaftler noch Hoffnung auf einen Durchbruch machen. Ist die Politik dazu verdammt, immer weiter zu fördern?

Heinz Smital: Das ist nur ein scheinbares Dilemma. Wenn man in eine Sackgasse läuft, macht es immer Sinn, diese schnellstmöglich wieder zu verlassen. Auch wenn man wie bei der Kernfusion schon ungeheure Summen investiert hat. Es heißt: Wer einen Fehler begeht und diesen nicht korrigiert, begeht einen zweiten.

Wir müssen jetzt das ITER-Projekt beenden und andere Forschungen vorantreiben, die viel näher liegen und den Menschen nutzen. Etwa in der Solarthermie, der Photovoltaik, der Windkraft.

Alexander Wragge: Mit diesem Plädoyer für den Ausstieg stehen Sie noch fast alleine da. Wie erklären Sie sich die breite Unterstützung für die Kernfusion in Wissenschaft und Politik? Bundeskanzlerin Angela Merkel schwärmt sogar von der Technologie. Als Physikerin kennt sich Merkel mit der Materie aus...

Heinz Smital: Die Kernfusion ist unbestritten sehr aufregend. Es ist schon sehr spannend, mit riesigen Magneten und Supraleitungen 100 Millionen Grad zu beherrschen. Es gibt sicherlich Forscher, die das spannender finden, als die optimale Aerodynamik eines Windrades auszuarbeiten.

Entscheidend ist aber die Verheißung, dass die Kernfusion irgendwann unbegrenzt sichere Energie liefert. Mit diesem Versprechen machen die Forscher das viele Geld frei.

Wenn die Wissenschaftler ihre Arbeit ehrlicherweise als reine Grundlagenforschung deklarieren würden, käme es nie zu diesem Förderungsniveau. Ich plädiere absolut für das Bekenntnis zur Grundlagenforschung. Dann wäre man auf ehrlichem Boden. Es gibt ja auch sehr positive Nebeneffekte, Fortschritte bei Supraleitungen und komplexen Computersteuerungen. Es wäre genauso spannend, nur flösse nicht so viel Geld.

Alexander Wragge: Die Forscher täuschen die Politik?

Heinz Smital: Ich würde sagen, sie blenden. Die Politik wird geblendet durch Träume, die sich so nicht realisieren lassen. Wir sehen doch, wie weit wir immer noch vom Durchbruch entfernt sind, nach vielen Jahrzehnten der Versprechungen. Es gibt immer mehr Zwischenprojekte. Auch ITER wäre noch sehr weit von irgendeinem Nutzen entfernt. Paradox erscheint, dass das Ferne oft mehr verzaubert als das Naheliegende. Neuland zu betreten, fasziniert Menschen und Politiker, ohne dass sie abschätzen können, wie dornig der Weg dorthin ist.

Alexander Wragge: Die Aussicht auf unbegrenzte Energie ist einfach zu verlockend?

Heinz Smital: Viele Politiker nehmen nicht wahr, dass wir dieses Ziel ohne Kernfusion erreichen können. Deutschland lässt sich zu 100 Prozent aus Erneuerbaren versorgen. Das hat der Bundesumweltrat festgestellt.

Alexander Wragge: ITER-Projektträger sind die EU, die USA, Russland, China, Japan, Indien und Südkorea. Wenn Deutschland jetzt im Alleingang aussteigen würde, könnte es seinen Ruf als verlässlicher Partner ruinieren...

Heinz Smital: Nein, diese Entscheidung würde auch den anderen Ländern helfen. Alle könnten ehrlich sein und sagen, wir versenken nicht weiter sinnlos Geld. Je früher man diese Entscheidung trifft, desto besser.

Alexander Wragge: Wie wahrscheinlich ist ein Umdenken beim Thema Kernfusion?

Heinz Smital: Die Kritik wird höchstwahrscheinlich wachsen. Weiterhin werden sich bei der Kernfusion keine Erfolge einstellen. Gleichzeitig wollen die starken Industrien der Erneuerbaren auch Forschungsgelder. Die Staaten müssen ihre hohen Schulden abbauen. Man wird sich solche Prestigeprojekte einfach nicht mehr leisten können. Damit ist das Scheitern des ganzen Projekts ITER absehbar. Je früher man das erkennt und eine Kehrtwende macht, desto besser wäre es für alle Beteiligten.

Alexander Wragge: Viele Forscher widmen der Kernfusion und dem ITER-Projekt ihr ganzes Berufsleben. Wie wollen sie denen einen radikalen Kurswechsel in der Forschungsförderung vermitteln?

Heinz Smital: Institute, die sich lange mit einem Thema befasst haben, steigen nicht von alleine aus. Man muss ihnen helfen, andere Anwendungen zu finden. Das ist in der Vergangenheit schon gelungen, zum Beispiel in der Kerntechnik. Das Kernforschungszentrum Karlsruhe hat früher ausschließlich Kernforschung betrieben. Heute ist diese nur noch ein kleiner Bereich, neben der Nanotechnologie und der Systemtechnik. Man müsste den Instituten helfen, andere Projekte zu finden.

Zur Person:
Heinz Smital ist Atomexperte bei Greenpeace. Er ist Kernphysiker vom Institut für Radiumforschung und Kernphysik der Universität Wien und arbeitete selbst an myoniduzierter Kernfusion.

Bild: Greenpeace / Fred Dott

Das Interview ist auch auf euractiv (Dem Portal für europäische Nachrichten, Hintergründe und Kommunikation) erschienen.

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