Die Ökostadt Masdar bei Abu Dhabi soll die erste Stadt weltweit sein, die netto kein Kohlendioxid mehr ausstösst. Seine Realisierung freilich wurde durch die Finanzkrise gebremst. Nun soll Stararchitekt seinen Masterplan an die neuen Umstände anpassen. Die Phase der Ungewissheit soll bald vorbei sein: Noch im Juli will die Abu Dhabi Future Energy Corporation bekanntgeben, wie es mit der Ökostadt Masdar weitergehen soll. Das Staatsunternehmen hat den Londoner Architekten Norman Foster beauftragt, einen revidierten Masterplan vorzulegen. Dieser soll das Projekt an die geänderten Umstände anpassen. Der erste Masterplan, Anfang 2008 vorgelegt, sah den Bau der Ökostadt bis Mitte dieses Jahrzehnts vor. Bis dahin sollte Masdar Wohnraum für 50000 Menschen und 90000 Arbeitsplätze bieten. Die autofreie und kohlendioxidneutrale Stadt sollte zu einem globalen Zentrum der Erforschung, Entwicklung und Produktion erneuerbarer Energie werden. Verwandte Themen| { Masdar speckt ab, 22.03.10 } | | { Erfolgreich wachsen mit Sonne, 12.03.10 } | | { Masdar nimmt eine Denkpause, 04.03.10 } | | { Die Steckdose lernt fahren, 21.01.10 } | | { Masdar verzögert sich, 06.01.10 } | | { Aufbruch zur Autorevolution, 08.11.09 } | | { Masdar baut die Zukunft, 28.09.09 } | | { Masdar ist auf Kurs, 15.09.09 } | | { Die Schweiz hat einen Vorsprung, 28.08.09 } | | { Abu Dhabi greift nach der Sonne, 17.08.09 } | | { Mit Masdar an die Spitze, 04.08.09 } |
Grösstes Solarkraftwerk Inzwischen sind die Ansprüche zurückgeschraubt worden. Der Bau wird etappiert. Die Stadt soll erst 2020 eine „kritische Masse“ erhalten und im folgenden Jahrzehnt fertiggestellt werden. Sie soll immer noch ausschliesslich mit erneuerbaren Energien versorgt werden. Aber diese Energie muss nicht mehr zwingend in der Stadt selber erzeugt werden. So hat Masdar Mitte Juni eine Vereinbarung mit dem französischen Energieriesen Total und dem spanischen Solaranlagenbauer Abengoa abgeschlossen, der den Bau eines Solarkraftwerks mit einer Kapazität von 100 Megawatt vorsieht. Damit wäre es das grösste Solarkraftwerk weltweit. Die Investitionen betragen 600 Millionen Dollar. Gebaut werden soll die Anlage 100 Kilometer südwestlich von Masdar bei Madinat Zayed. Stromautos statt Neuentwicklung Zu den grössten Herausforderungen gehört die Organisation des Verkehrs innerhalb der Stadt. Ursprünglich war eine Flotte von automatischen Stromtaxis vorgesehen, die auf einem festen Netz von Routen verkehren sollten. Erste Test sind bereits gemacht worden. Allerdings sind die Taxis noch bei weitem zu teuer. Auch die Anbindung an die angrenzenden Viertel fehlt – die Hauptstadt Abu Dhabi ist inzwischen an das Masdar-Gelände herangewachsen. „Es wäre grossartig, 3000 dieser Taxis in Masdar herumfahren zu lassen. Aber das wären Fahrzeuge, die ausserhalb Masdars nicht verkehren können“, sagte Richard Reynolds, bei Masdar City für den Einkauf zuständig. Nun werde darüber nachgedacht, Stromautos einzusetzen. Bis Mitte des Jahrzehnts wollen gleich mehrere Autohersteller mit der Massenproduktion von Stromautos begonnen haben. Knackpunkt Hauptquartier Mit dem revidierten Masterplan fällt auch die Entscheidung, welche Teile der Stadt in der ersten Phase gebaut werden. Beinahe fertiggestellt ist eines der beiden Kernstücke Masdars: das Masdar Institute of Science and Technology. Ab September sollen hier die Studenten unterrichtet werden, die bisher in Provisorien in der Stadt untergebracht waren. Neben der Universität ist eigentlich das Masdar-Hauptquartier vorgesehen. Wird es gebaut, würde hier die Internationale Agentur für erneuerbare Energien untergebracht. Die Vereinigten Arabischen Emirate hatten den Sitz im Wettbewerb mit Bonn gewonnen. Masdar war dabei eines ihrer wichtigsten Argumente gewesen. Nun ist die Behörde in der Innenstadt Abu Dhabis untergebracht. Seit 2009 wird auf Rentabilität geachtet Die Anpassung der ursprünglichen Pläne Masdars war einerseits nötig geworden, weil ihre Verwirklichung grössere technische Anforderungen stellte als erwartet. Zum anderen hat der Beinahe-Bankrott des Nachbaremirats Dubai auch ein Umdenken im ölreichen Abu Dhabi ausgelöst. Abu Dhabi musste 2009 dem Nachbarn mit Dutzenden Milliarden Dollar vor dem Bankrott retten. Ausserdem wurde sichtbar, dass auch bei grossen Projekten in Abu Dhabi selbst die Rentabilität nicht gewährleistet war. So ist die Formel-1-Strecke Yas Island nur wenige Kilometer von Masdar mit ihren Hotelanlagen bisher ein grosser Verlustbringer. Masdar-Chef Sultan Al Jaber ordnete deshalb Ende 2009 eine Überprüfung Masdars an. Gleichzeitig verliess auch ein Teil der ursprünglichen Führungsmannschaft das Unternehmen. Im Februar wurden Masdar-City-Chef Khaled Awad und Ziad Tassabehji, Chef Innovation und Investition, abgelöst. Im Juni verliessen der Tariq Ali, Chef des Masdar Institute, Dan Weisser als Chef der Immobilieninvestitionen und Projektmanager Alistair Murray Masdar. Sultan Al Jaber, inzwischen Mitglieder der Regierung der Emirate, bekräftigte mehrfach den Willen Abu Dhabis, Masdar fertigzustellen. General Electric als grösster Mieter Unternehmen in aller Welt scheinen daran zu glauben. So hat General Electric bereits einen Mietvertrag unterzeichnet für einen Teil jener 120000 Quadratmeter kommerzieller Fläche, die in der ersten Phase zur Verfügung stehen. In der „Free Zone Masdar“, in der die in Abu Dhabi üblichen Beschränkungen der freien Geschäftstätigkeit nicht gelten, haben sich bereits 64 Unternehmen niedergelassen Auch die Schweiz, die bisher als einziges Land ein eigenes Quartier in der Stadt erhalten soll, hält an ihren Plänen für ein “Swiss Village” fest. Wohl zu recht. „Viele der Projekte zur Entwicklung der erneuerbaren Energien werden wie geplant realisiert werden“, sagt Eckart Woertz vom Gulf Research Center in Dubai. Die grösste Herausforderung freilich folgt, wenn Masdar fertiggebaut sein wird: Dann muss es für Forscher wie Unternehmen anziehend genug sein, um zu einem Zentrum der erneuerbaren Energien mit globaler Ausstrahlung zu werden. Bild: Die fahrerlosen Taxikabinen sollten zu einem Aushängeschild Masdars werden. Doch sie sind zu teuer. Nun werden sie auf eine Teststrecke reduziert. Der Verkehr in der Stadt soll durch handelsübliche Stromautos sichergestellt werden (Steffen Klatt).
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