Null Energie auch ohne Förderung

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, Konstanz 02.07.10
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Es lohnt sich auch ohne staatliche Hilfen, Gebäude nach Niedrigenergiestandard zu bauen. Das sagt Architekt Dietrich Schwarz und hat es mit dem Eulachhof in Winterthur bereits bewiesen. Der 55-Millionen-Franken-Bau ist ein preisgekröntes, geglücktes Experiment.

Yvonne von Hunnius: Ihr Architekturbüro hat den Eulachhof nach Null-Energie-Standard ohne staatliche Förderung realisiert. Hat das nur funktioniert, weil sie damit so viele Preise gewonnen haben?

Dietrich Schwarz: Nein, Preise füllen keine Kassen. Solcherlei Grossprojekte brauchen keine Förderung. Die Mechanismen sind einfach: Grosse Immobilien-Fonds beauftragen externe Ratingabteilungen mit einer unabhängigen Schätzung, wobei die Energieeffizienz zunächst gar nicht interessiert. Der Schätzer gibt der Immobilie nicht einen höheren Wert, nur weil sie energieeffizient ist. Doch die reduzierten Nebenkosten erlaubt er zu den Investitionskosten zu verschieben. Bei einer Viereinhalbzimmerwohnung spart man ungefähr für sieben Franken Energie. Auf eine Miete von 2000 Franken macht das 3,5 Prozent. Das ist wenig, doch mit diesen 3,5 Prozent muss man den P-Eco-Standard erreichen – der Fondsmanager nutzt dann noch seinen Spielraum aus und letztlich könnten es fünf Prozent sein. Dann lohnt es sich bestimmt. Zudem ist besonders bei der Erstvermietung der Effekt positiv. Der Eulachhof wurde in fünf Monaten komplett vermietet und nicht in zwei Jahren wie vorgesehen. 40 Prozent der Interessenten haben gezielt nach dem Energiehaus gefragt. Das ist enorm.

Preisgekrönter Eulachhof

In Oberwinterthur hat die Profond Vorsorgeeinrichtung und die Allianz Suisse die schweizweit erste Null-Energie-Wohnüberbauung mit 132 Mietwohnungen und 8 Geschäftsflächen „Eulachhof" realisiert. Um das passivsolare Energiekonzept umsetzen zu können, sind die beiden Hauptbauten gegen Süden ausgerichtet. Der für das Gebäude notwendige Allgemeinstrom wird mit einer Photovoltaikanlage produziert. In der Gebäudehülle sind opake Glasfassadenelemente eingesetzt worden. Diese mehrschichtig aufgebauten Spezialgläser wirken im Sommer wärmeregulierend, im Winter heizend. Der Eulachhof ist für sein Energiekonzept vielfach preisgekrönt.

Yvonne von Hunnius: Spielen steigende Energiepreise nicht auch hinein? Der Nachhaltigkeits-Indikator ESI der Uni Zürich zeigt doch, dass grüne Gebäude sich langfristig lohnen...

Dietrich Schwarz: Der Energiepreisaspekt ist für die Investition irrelevant, jedoch für den Fondsmanager interessant. Und der ESI ist noch nicht am Markt etabliert. Zudem zeigt er, dass Einfamilienhäuser durch Minergie drei Prozent mehr Wert gewinnen, für grosse Immobilien ist das noch nicht bewiesen. Doch das braucht es durch den beschriebenen Nebenkosteneffekt eigentlich gar nicht. Man muss nur richtig planen.

Yvonne von Hunnius: Sie haben bereits öffentlich kritisiert, dass Schweizer Architekten sich der Nachhaltigkeit versperrten – wie erklären Sie sich das, wenn es sich doch lohnt?

Dietrich Schwarz: Sie sperren sich nicht in allen Bereichen – kulturelle Nachhaltigkeit ist unbestritten ein wichtiger Faktor in der Planung. Generell stellt sich jedoch die Frage: Wie viel soll an der Gebäudehülle gemacht werden und wie viel über Haustechnik geschehen? Viele Schweizer Planer beziehen Photovoltaik und Wärmepumpen mit ein und legen weniger Wert auf die passiven Systeme, die viel Energie sparen. Mein Ansatz ist, erst die Form mit integrierten passiven Systemen anzugehen und dem energieeffizienten Haus dann noch Solarenergie-Elemente zu geben. 90 Prozent der Energie sollte im besten Fall eingespart und der Rest durch alternative Energien ersetzt werden. Das ist eine akademische Diskussion, in der sich die Schweiz anders als Deutschland verhält.

Yvonne von Hunnius: Liegt das auch daran, dass man Häuser nicht „zu Tode dämmen" will, wobei die Ästhetik auf der Strecke bliebe?

Dietrich Schwarz: Man muss nicht unbedingt sehr kleine Fenster einsetzen, um Energie zu sparen – da wird viel falsch verstanden. Man kann sehr präzise auch anspruchsvolle Fassaden schaffen und auch sanieren. Gerade bei Grossprojekten gibt es noch sehr wenige Referenzen, wir stehen hier noch ganz am Anfang und haben noch lange nicht alle Möglichkeiten ausgelotet. Es gibt beispielsweise erst ein dutzend derartiger Grossprojekte in der Schweiz.

Yvonne von Hunnius: Aber wie ist es denn gestalterisch möglich, hier eine Harmonie zu gewährleisten?

Dietrich Schwarz: Wir in der Lehre und auch im Büro sind der Überzeugung, dass das letzte Jahrhundert unter den Gestaltungsprämissen der Moderne stand. Hierzu zählte die Industrialisierung – für die positiven Aspekte des Wohlstands und für die Nebenwirkungen wie eine Maschinengläubigkeit. Jetzt geht es um ein philosophisches Umdenken.

Das nächste Jahrhundert wird von nachhaltigen Gestaltungsmerkmalen geprägt sein. Momentan stützt man sich in der Übergangsphase noch auf Altbekanntes, also auf Technologie. Doch wir können nicht endlos alte Technologie durch neue ersetzen – wir werden Technologie reduzieren müssen. Denn jede Maschine braucht Energie. Und nun fragt sich, wie wir mit weniger Energie und Maschinen dennoch höhere Lebensqualität erzielen können. Das Grundziel jeder Gesellschaft ist doch die Lebensqualität des einzelnen und die Wohlfahrt der Gesellschaft. Es wird sich eine neue Sinnlichkeit wider die männlich dominierte Technik durchsetzen.

Yvonne von Hunnius: Repräsentiert der Eulachhof bereits diese neue Sinnlichkeit?

Dietrich Schwarz: Die Holzfassade ist ein Zeichen davon. Mit einer kompletten Glasfassade stellte es ein übliches auffälliges Grossstadthaus dar, doch das Holz macht es zum ruhigen, integrativen Körper. Der Eulachhof ist Teil der Stadt.

Yvonne von Hunnius: Und woran lässt sich Ihr Ansatz der passiven Systeme am Eulachhof ablesen?

Dietrich Schwarz: Die ganze Südfassade ist eine solare Gewinnfassade, was für das passive Konzept entscheidend ist. Wir haben in unserer Firma Glassx Solarthermie-Speichergläser entwickelt, die enorme Dämmqualitäten besitzen. Sie stabilisieren das Haus trotz hohem Glasanteil, sodass es so schwer wie ein Massivbau wird. Und auf dem Dach haben wir uns für die effizienteste Variante – Photovoltaik – entschieden. Das sind optimal investierte Flächen.

Yvonne von Hunnius: Aber widerspricht diese Glasfassade nicht gerade der Sinnlichkeit?

Dietrich Schwarz: Wir sind hier auf einer Gradwanderung. Aber es ist sinnlich, denn die Salze schmelzen und frieren – sie werden bei Sonneneinstrahlung weiss wie Schnee und bei Kälte klar wie Wasser. Es ist interaktiv. Und durch die simple Salz-Struktur kann man von Low-Tech sprechen.
Betrachtet man sich die CO2-Bilanz der Fassade, sind wir zwischen 50 und 60 Franken pro eingesparte Tonne CO2. Das wird bald für 40 Franken möglich sein und ist nur eine Frage der Entwicklung.

Yvonne von Hunnius: Staatliche Förderung beispielsweise könnte Entwicklung beschleunigen – wenn Sie die Wahl hätten, beliebige Förderinstrumente einzuführen, welche würden Sie wählen?

Dietrich Schwarz: Ich war Teil des Beirat einer kantonale Energiebehörde und auch dort hat man sich richtigerweise dafür entschieden: Sanierung wird gefördert und hier sind die Förderbeiträge vielerorts auch voll zufriedenstellend. Neubauten hingegen muss und soll man nicht fördern. Hier sollten Energiestandards binnen eines fixen Zeitraums festgesetzt werden, beispielsweise: In zehn Jahren gilt Minergie-P-Standard für alle neuen Gebäude. Somit hat der Investor Planungssicherheit. Und wer die Mehrkosten von fünf bis zehn Prozent, die ein solches Haus braucht, nicht aufbringen kann, der sollte nicht bauen. Denn alle nicht energieeffizienten Häuser werden später ohnehin saniert, was den Besitzer noch teurer kommen kann.

 

Zur Person:
Dietrich Schwarz ist Dozent für nachhaltiges Bauen am Institut für Architektur und Planung der Hochschule Liechtenstein. Zudem betreibt er seit 1991 in Zürich das Architekturbüro Dietrich Schwarz und das Unternehmen GlassX. Er wurde mehrmals mit dem Schweizer Solarpreis ausgezeichnet, erhielt 2007 den Detail Preis „Energieoptimiertes Bauen" und 2009 den „Watt d'Or" des Bundesamtes für Energie.

 

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