Verantwortung zeigen - Kurs ändern

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Geschrieben von: Wolf H. Wagner, Colle Val d'Elsa 30.06.10
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Wenn die Wirtschaft ihren Ressourcenverbrauch nicht senkt, dann wird sie bald nichts mehr zu wirtschaften haben, sagt Mathis Wackernagel, einer der beiden Väter des „globalen Fussabdrucks". Das Verständnis dafür nimmt in der Wirtschaft zu.

Wolf H. Wagner: Die Weltwirtschaft setzt trotz enormen Ressourceneinsatzeinerseits und Krisen auf der anderen Seite nach wie vor auf Wachstum. Könnenwir ein solches Vorgehen durchhalten?

Mathis Wackernagel: Auf den ersten Blick könnte man sagen: Ja, das können wir, dann leben wir eben auf Pump von der Natur, machen Schulden. Es ist, alswenn man finanziell über seine Verhältnisse lebt, auch da kann man eine Weileauf grossem Fusse leben, bis man in die Schulden gerät. Doch anders als Bankengewährt uns die Natur auf Dauer keine Kredite. Das wollen wir mit dem ökologischen Fussabdruck ausdrücken: Er misst, wieviel an natürlichen Ressourcen wir verbrauchen, um unseren Lebensstandard zu halten. Wir messen ihn in globalen Hektar, das heisst wir setzen die Fläche an, die der Menschverbraucht für den Anbau von Lebensmitteln, für seine Wohnstätten und Arbeitsorte, für Verkehrsmittel und Parkplätze. Wir sehen zur Zeit, dass die Menschen, um ihren Wohlstand zu halten, mindestens zwei Planeten unserer Erdebräuchten. Wir haben aber nur diesen einen. Wir müssen uns also fragen, wasmüssen wir verändern, wenn wir mit diesem einen auskommen wollen.

Wolf H. Wagner: Wie soll dieses Mittel eingesetzt werden, um eineVeränderung im Denken und Handeln der Menschen herbeizurufen?

Mathis Wackernagel: Wir haben Mitte der neunziger Jahre begonnen, mit der Methode des ökologischen Fussabdrucks zu arbeiten. Seit Anfang diesesJahrhunderts versuchen wir mit dem Global Footprint Network die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger weltweit zu erreichen, um über Strategienzu sprechen, mit denen man die Entwicklung beeinflussen kann. Es ist unsgelungen, zehn Staaten davon zu überzeugen, bis 2015 Auskunft über ihren ökologischen Footprint zu geben. Konferenzen wie das Footprint Forum in ColleVal d'Elsa, das wir mit den Wissenschaftlern der Universität von Siena nun schon zum zweiten Mal organisieren, helfen uns, unsere Gemeinschaft zuvergrössern. Hier treffen sich Experten aus so vielen Ländern und von so vielenOrganisationen, tauschen ihre Erfahrungen aus und machen auch die Erfahrungen,dass andere an den gleichen Themen arbeiten, dieselben Ängste und auch Hoffnungen haben.
Wir haben uns in diesem Jahr die ökologische Situation des Mittelmeerraums zumKernthema gemacht. Wissenschaftler und auch Politiker aus dieser Region, diedurchaus als ein Modell für das Wirtschaften auf dem Planeten gelten kann,treffen sich hier, um über den gegenwärtigen ökologischen Fussabdruck zureferieren und auch Strategien aufzuzeigen, wie man etwas verändern kann. Ich muss allerdings selbstkritisch einräumen, dass es uns noch nicht gelungen ist, alle Anrainer für diesen Erfahrungsaustausch zu gewinnen. Vorbehalte und manchmal auch nur bürokratische Hürden haben dies verhindert.

Wolf H. Wagner: Wie können die Vorbehalte abgebaut werden?

Mathis Wackernagel: Wir versuchen mit unserer Arbeit, die Entscheidungsträger davon zu überzeugen, dass es im eigenen Interesse derLänder ist, an dem Projekt mitzuarbeiten. Die politischen Entscheidungsträgerund Wirtschaftsplaner ignorieren oft die Folgen des ökologischen Defizits. Dagibt es ideologische Diskussionen darüber, ob nachhaltiges Wirtschaften wichtigist oder nicht. Doch diese Entscheidung ist längst gefallen: Wenn wir uns nicht ändern, werden wir nichts mehr zu wirtschaften haben. Klare Daten über dieRessourcenverfügbarkeit, empirisch erhobene Fakten jedoch können Grundlage füreine konstruktive, verantwortungsvolle Diskussion sein. Und wir können aucheinen Erfolg verbuchen – immer mehr wichtige Persönlichkeiten aus Wissenschaft,Politik und Wirtschaft hören uns zu und sind auch bereit, über Zukunftsmodellenachzudenken. Nachhaltigkeit oder „Sustainability" sind heute aus fast keinemWirtschaftskonzept mehr wegzudenken.

Wolf H. Wagner: Ist das Engagement in der Nachhaltigkeit für Unternehmen mehrals ein Feigenblatt?

Mathis Wackernagel: Wir wollen mit unserer Organisation keine moralischeVerurteilung von Unternehmen oder Wirtschaften betreiben. Uns geht es vor allemdarum aufzuzeigen, dass wir alle auf der Welt anders wirtschaften müssen. Und ich bin stolz darauf, sagen zu können, dass es uns gelungen ist, 29 wichtigeUnternehmen zu veranlassen, sich zum World Business Council for Sustainable Development zusammen zu schliessen und unter der „Vison 2050" eine neue Geschäftsagenda zu erarbeiten. Zu ihnen gehören wichtige Energiekonzerne, aber auch solche aus der Chemiebranche, Flugzeug- und Automobilbauer und anderemehr. Unternehmen, die sehr viel mit Ressourcenförderung und-verarbeitung zutun haben. Wenn die in Richtung Nachhaltigkeit umdenken, haben wir vielgewonnen. Es ist ja so, dass viele Volkswirte zwar über Volkswirtschaftnachdenken, aber das Kapitel Ressourcen dabei ganz ignorieren oder vernachlässigen. Es wurde bislang auch kaum an Hochschulen und Universitätengelehrt. Wir versuchen mit unserer Arbeit und auch mit unserenVeröffentlichungen, hier ein Umdenken zu bewegen.

Wolf H. Wagner: Ist dies ohne einen gesellschaftlichen Umbau zu erreichen?

Mathis Wackernagel: Wir geben uns keinen Illusionen hin. Sicher wird es inZukunft auch um eine grundsätzliche Umgestaltung der Gesellschaft und derProduktionsweisen gehen. Doch die Fragen, die zu lösen sind, stellen sich unsjetzt. Wir werden als Menschheit auch die Ressourcenknappheit überstehen, die Frage ist nur, wie: Wird es Kriege geben um die Ressourcen, werden Krankheiten, Hunger und Not die Menschheit dezimieren, oder werden wir alle mit einem gewissen Wohlstand in die Zukunft gehen? Es ist eine Frage der Werte, die sich nicht allein auf stetes Wachstum reduzieren lässt. Nehmen wir diesen Ort: US-Amerikaner lieben es, nach Italien zu kommen, auf einer Piazza einen Cappuccino zu trinken und das Leben zu geniessen. Es zeigt, man kann auch gut ohne Highways leben, auch ohne jeden Einkauf mit dem Auto machen zu müssen. Städte sind nicht nur ein Ort des Konsums, sondern können auch ein Ort der Kommunikation sein. Wir müssen auf neue Art zu leben lernen. Dies zu vermitteln, ist der Sinn der Arbeit des Global Footprint Network und auch dieses Forums hier in Italien.

 

Zur Person:
Mathis Wackernagel ist gemeinsam mit William E. Rees Vater des "ökologischenFussabdrucks". Sie legten dieses Konzept in ihrem 1995 erschienen Buch "OurEcological Footprint: Reducing Human Impact on the Earth" vor. Wackernagelwurde 1962 in der Schweiz geboren. Er studierte Maschinenbau an derEidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich und doktorierte in Regionalplanung an der Universität von British Columbia in Vancouver. Er ist Präsident des Global Footprint Network. Die Organisation hat ihren Sitz im kalifornischen Oakland. Im Juni fand bereits zum zweiten Mal das Footprint Forum in Colle Val d'Elsa bei Siena statt.

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