Neustart mit Dame

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Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 28.06.10
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Am 1. Juli übernimmt die kostarikanische Diplomatin Christiana Figueres die Leitung der Klimaverhandlungen. Kim Carstensen erwartet von ihr eine neue Dynamik: Figueres kennt die Verhandlungen bestens und bringt dank der ehrgeizigen Klimapolitik ihres Landes eine grosse Glaubwürdigkeit mit.

Steffen Klatt: Yvo de Boer, der langjährige Leiter des UN-Klimasekretariat, verlässt seinen Posten. Verstehen Sie seinen Abschied?

Kim Carstensen: Er hat diesen Job ziemlich lange ausgeübt, und es war eine anstrengende Aufgabe. Es kann auf der persönlichen Ebene nicht nachhaltig sein, eine solchen Job zu lange auszuüben. Es ist auf der anderen Seite eine gute Idee, nach dem Gipfel von Kopenhagen und nach dem Scheitern der bisherigen Strategie die Verhandlungsführung auszuwechseln. Es ist auch eine gute Idee, dass die Verhandlungsführung von einem Vertreter des Nordens – dem Niederländer de Boer – an eine Vertreterin der Schwellenländer geht. Das ändert die Dynamik und hilft Vertrauen zu schaffen.

Steffen Klatt: Was hat de Boer erreicht?

Kim Carstensen: De Boer hat das UN-Klimasekretariat und die Klimaverhandlungen auf eine höhere politische Ebene gehoben, bis auf die Ebene der Staats- und Regierungschefs. Er hat einen Prozess in Gang gesetzt, durch den der Klimawandel zu der zentralen ökologischen Frage geworden ist. Das hat noch nicht zu den erwarteten Ergebnissen im Sinne eines internationalen Abkommens geführt, aber immerhin zu Selbstverpflichtungen von so viel Ländern wie nie zuvor.

Steffen Klatt: Seine Nachfolgerin Christiana Figueres ist kein Neuling in den Klimaverhandlungen. Wie schätzen Sie sie ein?

Kim Carstensen: Sie ist eine respektierte Unterhändlerin. Sie kennt die Dossiers und die Prozeduren sehr gut. Sie geniesst eine grosse Glaubwürdigkeit.

Steffen Klatt: Ist sie als Vertreterin eines Schwellenlandes besser positioniert, ein Abkommen auszuhandeln?

Kim Carstensen: Es wird leichter sein. Kosta Rica ist dafür bestens geeignet. Es ist eines der Länder, die zuhause eine ehrgeizige Klimapolitik betreiben. Gleichzeitig können die Entwicklungsländer Figueres nicht vorwerfen, sie vertrete die Interessen der entwickelten Länder, wie sie dies vor Kopenhagen de Boer und der dänischen Präsidentschaft des Gipfels vorgeworfen haben.

Steffen Klatt: Was ist in den Klimaverhandlungen seit Kopenhagen geschehen?

Kim Carstensen: Die Wahrnehmung hat sich verändert. Vor Kopenhagen ging es um alles oder nichts. Wir haben keine Teillösungen angestrebt, die nicht zusammen mit dem ganzen Paket verabschiedet würden. Wir hatten Angst, dass wir zwar ein paar leichte Einigungen erzielen könnten, aber danach in den schwierigeren Fragen keine Lösung mehr finden würden. Jetzt sehen wir den Prozess eher als eine Reihe von Schritten an, nicht mehr als den einen grossen Sprung im Dezember in Cancun oder ein Jahr später in Südafrika. Jetzt wollen wir Fortschritte im Kampf gegen die Entwaldung, beim Technologietransfer und einigen anderen Themen erzielen.

Steffen Klatt: Wann erwarten Sie die ersten Ergebnisse?

Kim Carstensen: Ich denke, dass wir schon in Cancun einige Ergebnisse bei der Verringerung der CO2-Emissionen durch Entwaldung erzielen werden, aber auch bei der Öffnung von Finanzquellen. Das könnte später Teil einer grösseren Einigung werden, die wir vielleicht schon in Südafrika erzielen, vielleicht später.

Steffen Klatt: Kann ein internationales Abkommen als Nachfolger des Kyoto-Protokolls mit so einer Politik der kleineren Schritte erreicht werden?

Kim Carstensen: Ich glaube, es ist möglich – und es muss möglich sein. Die gute Nachricht ist, dass alle Beteiligten das UN-Klimasekretariat als das Forum ansehen, in dem eine Einigung erzielt werden muss. Das Treffen kürzlich in Bonn hat gezeigt, dass alle an einem Fortkommen interessiert sind – auch wenn es noch keine konkreten Ergebnisse gab. Wir haben eine gute Chance, dass wir in Cancun ein Paket bekommen, das einige der wichtigen Elemente enthält, und gleichzeitig eine Vorstellung davon, wie wir danach weitermachen können.

Steffen Klatt: In Kopenhagen haben sich die Industrieländer verpflichtet, bis 2012 den Entwicklungsländern für den Kampf gegen den Klimawandel und die Anpassung an dessen Folgen 30 Milliarden Dollar zur Verfügung zu stellen. Was ist bisher dazu geschehen?

Kim Carstensen: Es ist schwierig, sich dazu ein klares Bild zu machen. Es ist nicht klar, wieviel frisches Geld bisher wirklich aufgebracht worden ist. Ich glaube nicht, dass wir bereits irgendwo in der Nähe von 30 Milliarden sind. Das ist eines der wichtigen Ziele, die wir vor Cancun erreichen müssen.

Steffen Klatt: Der Gipfel in Kopenhagen wurde vor allem durch die USA und China blockiert. Bewegt sich in diesen beiden Ländern seither etwas?

Kim Carstensen: Im Fall der USA wissen wir noch nicht, ob es eine interne Klimagesetzgebung geben wird. Die Zeit rinnt aus. Das war auch das Problem in Kopenhagen: Bis zum Schluss war unklar, wozu die USA bereit waren. Das hat China bewogen, ebenfalls nichts auf den Tisch zu legen. In China selbst scheint sich aber viel zu bewegen. Die Diskussionen über den nächsten Fünfjahrplan deuten an, dass der chinesische Ehrgeiz in der tatsächlichen Klimapolitik grösser ist als ihre Bereitschaft, sich international bindend zu verpflichten. Das wäre gut. Denn war wir brauchen, ist eine tatsächliche Verringerung des CO2-Ausstosses.

Steffen Klatt: Behindern die Diskussionen über das „Climategate", also über die Fehler von Wissenschaftlern des IPCC, die Klimaverhandlungen?

Kim Carstensen: Nicht direkt. Die Debatte der Klimaskeptiker hat keinen direkten Einfluss auf die Verhandlungen selbst. Aber es ist klar, dass die Debatte innerhalb einiger Länder es Politikern und Wirtschaftsvertretern schwer macht, grösseren Ehrgeiz in den Klimaverhandlungen aufzubringen.

Zur Person:
Kim Carstensen ist seit 2008 Leiter der WWF Global Climate Initiative. Vorher war der Kultursoziologe ab 1996 Chef des WWF Dänemark.

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