Das Nullenergiehaus bekommt im kommenden Jahr einen Minergie-Standard. Damit fordert der Verein Minergie das Können der Planer und Investoren heraus. Denn mit dem neuen Standard Minergie A soll die Entwicklung des Bauens in der Schweiz vorangetrieben werden. Das Haus wird zum Kraftwerk. Häuser, die keine Energie von aussen benötigen, solche die sogar noch Überschuss produzieren, sind heute kein Wunderwerk mehr. Doch darüber, wie sich dies erreichen lässt, gibt es unterschiedliche Vorstellungen. Es geht dabei um die jeweilige Wirkung dichter Hüllen, hoch dämmender Fenster, aber auch um Wärmepumpen und Komfortlüftung. Der Verein Minergie will hier Klarheit bringen. Mit dem neuen Standard Minergie A, der an der Generalversammlung Mitte Juni erstmals vorgestellt wurde, steckt Minergie ein hohes Ziel. Hierbei sind vor allem die Baufachleute und Investoren gefordert. Ruedi Kriesi, Vizepräsident des Vereins Minergie, sagt: „Minergie A wird nochmals einen Schritt weitergehen, indem es die Betriebsenergie, die beim bisher anspruchsvollsten Standard Minergie-P bei 30 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr angesetzt war, auf Null setzt.“ Mit Sonne, Holz und Umweltwärme Minergie A soll mit erneuerbaren Energien die gesamte Betriebsenergie decken. Dazu gibt es drei verschiedene Modelle: Die erste Variante arbeitet mit Sonnenkollektoren und Holz, Variante zwei mit Sonnenkollektoren, Wärmepumpe und Photovoltaik und die dritte Möglichkeit will mit Wärmepumpe und Photovoltaik zum Ziel. Sowohl die Haushaltsgeräte als auch die Beleuchtung müssen der A-Klasse entsprechen. Gleichzeitig versucht man, die graue Energie in den Optimierungsprozess mit einzubeziehen. „Das bedeutet aber nicht, dass man die graue Energie mit erneuerbarer Energie abdecken muss, denn die graue Energie ist eher Sache der Industrie und nicht des privaten Bauherrn“, so Kriesi. Schon bei den herkömmlichen Standards scheuten manche Bauherren die höheren Investitionskosten und entschieden sich dann doch für einen konventionellen Bau. So scheint es fraglich, ob sich Minergie A mit solch drastischen Vorgaben umsetzen lässt. Doch niemand rechnet damit, dass bald schon die ganze Schweiz nach diesem Standard baut: „Es ist nicht so, dass Minergie A der neue generelle Hausbau-Standard sein soll“, sagt Kriesi. Vielmehr sei das Null-Energie-Haus für Personen gedacht, die an der Spitze der Entwicklung mitarbeiten. Es werde vor allem für den Planer anspruchsvoll werden. Für Kriesi, der einer der Gründungsväter von Minergie ist, steht die Evolution des Bauens im Mittelpunkt: „Minergie A löst damit eigentlich Minergie P ab, indem es einen Standard erfasst, der für die weitere Entwicklung massgeblich ist.“ Im Moment steckt Minergie A aber noch in der Planungsphase. Im August oder September geht der neue Standard in die Vernehmlassung. Dann werden die Zertifizierungsreglemente und Arbeitshilfen erarbeitet, bis er schliesslich an der Fachtagung in Luzern am 10. März 2011 offiziell eingeführt werden soll. Minergie als Exportlabel Der Verein kann mit den bisherigen Standards bereits auf eine Schweizer Erfolgsgeschichte blicken: Waren es 1998 noch 203 minergiezertifizierte Gebäude, sind es heute über 17.000. Nun versuch man auch immer stärker im Ausland, sich Akzeptanz zu verschaffen. Gelungen ist dies bereits in Frankreich, wo Minergie seit neuestem als Förderkriterium anerkennt wird. Die Schweizer Botschaft in Washington soll nach Minergie-Standard modernisiert werden. Die Publikationen zu diesem Projekt brachten dem Verein ernsthaft interessierte Trägerschaften für die USA. Ein weiteres Zeichen setzt Minergie mit dem Swiss Village in der Ökostadt Masdar, die derzeit bei Abu Dhabi am Golf gebaut wird. Mit Minergie als Exportlabel will man ausländische Investoren für die Schweizer Bauindustrie interessieren. Schliesslich wird in Zusammenarbeit mit dem Institut CCRS der Universität Zürich an einem breiten Öko-Standard gearbeitet. „Das Angebot soll verhindern, dass ausländische Standards einziehen, die hinten und vorne nicht hierher passen, weil zum Beispiel ihre Energieanforderungen weit von unseren entfernt sind“, sagt Kriesi. Energieeffizienz im Trend Eine der grössten Herausforderungen für Minergie als Organisation nennt Peter C. Beyeler, der nun nach acht Jahren als Präsident zurückgetreten ist, die Bewältigung der grossen Nachfrage. Dies gelte auch für die Anbieter der verschiedenen Technologien und Module. Der Trend zu mehr Energieeffizienz im Gebäudebereich habe einen Boom der Minergie-Technologien im Baugewerbe zur Folge, weshalb sich die Marke Minergie auch stetig weiterentwickeln müsse: „Immer eine Nasenlänge voraus muss die Devise heissen“, so der scheidende Präsident. Gute Chancen in der Zukunft Es scheint, als stünden die Zeichen der Zeit gut für Minergie. Die Preise für fossile Brennstoffe sind stark volatil, wobei die Tendenz klar nach oben zeigt. „Wer heute baut oder saniert, muss sich gut überlegen, wie er sein Haus beheizen will“, sagt Beyeler. Ausserdem sei der Gebäudebereich geradezu prädestiniert für den Einsatz erneuerbarer Energien. Ohne Frage sind die Technologien dazu heute ausgereift und durchaus erschwinglich. Ausserdem stehen Bund und Kantone mit Förderprogramme hinter den energieeffizienten Bauherren. Doch trotz aller rosiger Zukunftsaussichten hängt alles daran, inwieweit Minergie vom Markt aufgenommen wird. Für Beyeler liegt hier ein grosses Risiko: Es müsse gelingen, den Markt so mit einzubeziehen, dass er sich mit den Zielen von Minergie identifizieren könne, sagt er. Nur so dreht sich das Rad weiter und es kommen neue Produkte auf den Markt, die die höheren Effizienzanforderungen, Komfortvorteile und nicht zuletzt auch Kosten aufnehmen. Bild: Minergie-Haus im Kanton Waadt (Minergie).
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