MSC-Fischereien verkaufen besser

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Geschrieben von: Nathalie Schoch, St. Gallen 25.06.10
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Wer sich für Fischerzeugnisse aus nachhaltiger Herkunft entscheidet, unterstützt verantwortungsvoll geführte Fischereien. Das trägt dazu bei, dass auch künftige Generationen Fisch geniessen können, sagt Gerlinde Geltinger von Marine Stewardship Council MSC.

Nathalie Schoch: Ist die Nachfrage nach Fischen mit zertifizierter Herkunft gross?

Gerlinde Geltinger: Der MSC zieht nach zehn Jahren Bestehen eine positive Bilanz. Fischindustrie und Verbraucher erkennen zunehmend die Dringlichkeit der Überfischungsproblematik und handeln entsprechend. Verarbeitende Unternehmen und Händler machen eine MSC-Zertifizierung zunehmend zur Voraussetzung im Einkauf. Weltweit gibt es bereits knapp 5.000 Produkte mit dem MSC-Siegel.

MSC

Der MSC ist eine internationale, unabhängige und gemeinnützige Organisation, die eine Lösung für das globale Problem der Überfischung bietet. Dazu hat sie gemeinsam mit Wissenschaftlern, Fischereiexperten und Umweltschutzorganisationen einen Umweltstandard entwickelt, der die Prinzipien für nachhaltige Fischerei definiert und als Grundlage für die Beurteilung von Fischereien dient. Fischereien die bewiesen haben, dass sie dem MSC-Standard gerecht werden, dürfen ihren Fang mit dem blauen MSC-Siegel kennzeichnen. Es steht für umweltbewussten und nachhaltigen Fischfang. Es gibt Verbrauchern die Möglichkeit, beim Fischeinkauf eine umweltbewusste Wahl zu treffen und der weltweiten Überfischung zu begegnen. Das MSC-Siegel geniesst weltweit Vertrauen und ist das bekannteste Label für Fisch und Meeresfrüchte aus nachhaltigem Wildfang.

Nathalie Schoch: Und an welche Richtlinien müssen sich Fischereien halten, damit sie zertifiziert werden?

Gerlinde Geltinger: Der MSC- Standard beruht auf drei Prinzipien: Erstens, die Sicherung und der Schutz der Fischbestände: d.h. die Fischerei muss im Rahmen ihrer Fischereiaktivitäten sicherstellen, dass die Alters- und die genetische Struktur sowie die Geschlechterverteilung der Bestände aufrecht erhalten bleibt. Das zweite Prinzip umfasst die Erhaltung intakter mariner Öko-Systeme. Mit anderen Worten, die Fischerei nimmt Rücksicht auf andere Fischarten, Meeressäuger und Wasservögel, das kann zum Beispiel durch die Verbesserung und Anpassung ihrer Fangmethoden und Fanggeräte erfolgen. Und der dritte Grundsatz schreibt das Vorhandensein eines wirkungsvollen und effizienten Fischerei-Managements vor. Das bedeutet, dass die Fischerei so geführt wird, dass sie angemessen und schnell auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren kann, also sich an lokale und nationale Gesetze sowie an internationale Vereinbarungen hält.

Nathalie Schoch: Welche Vorteile bringt die MSC-Zertifizierung der Fischerei?

Gerlinde Geltinger: Viele Fischereien bestätigen, dass ihnen das MSC-Logo dabei geholfen hat, sich auf existierenden Märkten zu behaupten und neue Märkte zu erschliessen – geographisch oder aufgrund von Chancen im Bereich Produktentwicklung. Die deutsche Seelachs-Fischerei in der Nordsee beispielsweise konzentrierte sich ursprünglich auf den Verkauf von Frischfisch. Heute erhält sie Verträge über gefrorene Filets, weil deutsche Einzelhandelsunternehmen - insbesondere die grossen Discounter Aldi und Lidl - MSC-zertifizierte, tiefgefrorene Ware fordern. Einige Fischer berichten auch über höhere Erzeugerpreise. Die Begünstigten sind vor allem  kleinere Fangbetriebe und Kleinfischer: Sie konnten dank besserer Preise ihre Lebensgrundlage sichern und verbessern. In Australien verlangt die Fischerei im Coorong von Restaurants in Sydney und Melbourne regelmässig 30 bis 50 Prozent mehr als für nicht zertifizierte Ware. In einer Gemeinde, in der die Fischerei und davon abhängige Dienstleistungen 60 Prozent der Haushaltseinkommen stellen, ist dieser Mehrwert von grosser Bedeutung. In den Vereinigten Staaten stieg der Erzeugerpreis für Weissen Thunfisch von der MSC-zertifizierten Fischerei unmittelbar nach der Zertifizierung im August 2007 um 30 Prozent pro Tonne. 

Nathalie Schoch: Ist es für eine zertifizierte Fischerei härter, im Markt zu bestehen, da die Konkurrenz nicht auf nachhaltige Richtlinien achtet und daher vielleicht günstiger und illegal handeln kann?

Gerlinde Geltinger: Ganz im Gegenteil. Vielmehr haben zertifizierte Fischereien oft einen Marktvorteil. Auf vielen wichtigen Märkten unterliegt die Nachfrage nach Fisch einem Wandel,  da sich Verbraucher verstärkt Gedanken um die Herkunft ihrer Lebensmittel machen. Dieses Umdenken hat dazu geführt, dass die Nachfrage für Erzeugnisse aus zertifiziertem, nachhaltigem Fang beträchtlich expandiert ist. Von einigen zertifizierten Fischereien wissen wir, dass die Nachfrage grösser ist als ihr Angebot. 

Nathalie Schoch: Gibt es Ergebnisse, die aufzeigen, dass durch die Zertifizierung messbare Gewinne in Bezug auf die Umwelt erzielt werden konnten?

Gerlinde Geltinger: Es gibt mehrere Beispiele, die das beweisen.  Eines ist die Hoki-Fischerei in Neuseeland. Erst durch die starke Reduzierung der Fangmengen konnten die Bestände so weit aufgebaut werden, dass sie heute wieder auf sicheren Niveaus sind. Dieser Erfolg wird zumindest teilweise der MSC-Zertifizierung zugeschrieben, die zur Bedingung hatte, dass die Fischerei einen Erholungsplan einführt, der jährlich aktualisiert wird, falls die Ergebnisse hinter den Erwartungen zurückbleiben. Ein weiteres bemerkenswertes Beispiel ist die südafrikanische Seehecht Fischerei. Sie musste die Sterblichkeitsrate bei Meeresvögeln, die sich in den Schleppseilen verfingen, ermitteln und Massnahmen zur Reduktion ergreifen. Infolgedessen hat sich die Zahl der verendeten Vögel drastisch von zuvor nicht registrierten 18.000 auf lediglich 200 pro Jahr verringert. In einem anderen Fall hat die Zertifizierung der Lieferkette, welche die lückenlose Rückverfolgbarkeit von Fisch und Meeresfrüchten sicherstellt, deutlichen Nutzen gebracht. Die Fischerei auf Schwarzen Seehecht in Südgeorgien muss ihren gesamten Fang unter staatlicher Aufsicht Kiste für Kiste wiegen, um die Zertifizierung aufrechtzuerhalten. Diese Massnahme garantiert Käufern und Verbrauchern, dass zertifizierte Ware nicht von Fangschiffen stammt, die illegal in anderen Fischereien auf Schwarzen Seehecht operieren.

Nathalie Schoch: 71 Fischereien sind heute MSC-zertifiziert. Das sind sieben Prozent des weltweiten Fangs für menschlichen Verzehr. Welche Anstrengungen verfolgen Sie, damit diese Zahl erhöht werden kann?

Gerlinde Geltinger:  Es sind bereits 130 weitere Fischereien in Bewertung. Das Interesse an einer MSC-Zertifizierung steigt. Aktuell befinden sich weltweit über 200 Fangbetriebe im MSC-Programm, was mehr als eine Verdopplung gegenüber dem Jahr 2007 bedeutet. Auch Fischereibetriebe in Deutschland und geographisch näheren Regionen öffnen sich zunehmend einer Bewertung nach MSC-Standard. Der MSC nutzt die Macht der Verbraucher, des Handels und der Industrie, um Fischereien Anreize zu verantwortungsbewusstem Verhalten zu geben. Je stärker Händler und Kunden nachhaltig gefangenen Fisch und Meeresfrüchte mit unserem blau-weissen Logo nachfragen, umso mehr sehen Fischereien sich veranlasst, sich vorausschauend zu verhalten und dafür zu sorgen, dass auch in hundert Jahren noch ausreichend Fisch vorhanden ist. Unser Ziel ist es also, bei Handel, Industrie und Verbrauchern Interesse am MSC-Programm zu schüren und mit ihnen das Angebot an Fisch und Meeresfrüchten zu vergrössern. So dass es schliesslich Verbrauchern leicht fällt, eine nachhaltige Wahl zu treffen.

Nathalie Schoch: Ist die Schweiz ein guter Partner bezüglich nachhaltiger Importe?

Gerlinde Geltinger:  Ja, durchaus. Schweizer Unternehmen und Händler machen zunehmend eine MSC-Zertifizierung zur Voraussetzung im Einkauf. Besonders die grossen Detailhändlerinnen Coop und Migros haben ein umfangreiches Sortiment  mit unserem blauen Zeichen entwickelt. Aber auch Anbieter wie Marinex, Dörig & Brandl oder die Marken Findus und Coraya bieten MSC-gekennzeichnete Artikel an. In der Schweiz werden derzeit 240 Fischerzeugnisse aus MSC-zertifizierter Herkunft verkauft. Gemessen am Jahr 2007 bedeutet dies eine gut 200-prozentige Steigerung. Das ist eine sehr positive Entwicklung.

Nathalie Schoch: Wo liegen die wesentlichen Gründe für den aktuellen Leerbestand an Fischen in den Weltmeeren?

Gerlinde Geltinger:  Die Gründe sind vielseitig: Politik, Handel, Industrie und Verbraucher. Alle haben ihren Teil zur heutigen Situation beigetragen und jeder ist gefragt zu handeln.

Nathalie Schoch: Kann man der Überfischung heute noch Einhalt gebieten? Wenn ja, wie?

Gerlinde Geltinger:  Jeder Verbraucher, der ein MSC-gekennzeichnetes Produkt kauft, sendet eine klare Botschaft an seinen Lebensmittelhändler. Sie lautet: Ich will nachhaltig gefangenen Fisch. Der Händler nimmt dies auf, trägt diesen Wunsch an seinen Lieferanten heran, dieser an seinen Importeur und jener schliesslich an seine Fischerei. Der Druck, der damit auf der Fischerei lastet, bewegt sie dazu, sich um das MSC-Siegel zu bemühen und sich nachhaltig zu verhalten. Je mehr Fischereien sich dem MSC-Programm anschliessen, umso nachhaltiger werden unsere Meere befischt.




Gerlinde Geltinger ist MSC-Kommunikationsverantwortliche in den deutschsprachigen Ländern.