Ästhetik ist der Schlüssel

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, Konstanz 15.06.10
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Noch empfinden wir Solarpannele als modern, doch sie werden uns noch lange begleiten. Thomas Stark von der Hochschule Konstanz für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) plädiert für mehr Ästhetik im Umgang mit Solarelementen in der Architektur.

Yvonne von Hunnius: Wann haben wir uns an Häusern mit Solarenergieelementen sattgesehen?

Thomas Stark: Wenn es schlecht läuft, könnte es zu einer ähnlichen Debatte wie bei Windenergie kommen. Hier ist zwar prinzipiell jeder dafür, doch nicht bei ihm. Im Rahmen des BAER-Projekts in der Bodensee-Alpenrhein-Energieregion untersuchen wir, inwieweit die Region sich selbst mit Energie versorgen kann. Und Solarenergie besitzt eine Schlüsselfunktion. Die Solarisierung der Gebäude wird drastisch steigen. Die Architektur muss mithilfe der Ästhetik für eine harmonische Einbindung sorgen, damit die gesellschaftliche Akzeptanz bestehen bleibt.

Yvonne von Hunnius: Inwieweit könnte Solarisierung von Gebäuden das Stadtbild verschandeln?

Thomas Stark: Es sollten strikte stadtplanerische Vorgaben, dass nur exakt nach Süden orientierte Pultdächer gebaut werden dürfen, umgangen werden. Eine hundertprozentige Südorientierung und exakte 30-Grad-Neigung des Daches wäre die logische Konsequenz, denkt man nur an die energetischen Anforderungen. Doch Stadtplanung muss auf verschiedene Themen eingehen.

Yvonne von Hunnius: Warum nicht wie bei Moscheen eine Mekka-Orientierung, eben bei modernen Siedlungen eine Sonnenorientierung forcieren?

Thomas Stark: Grundsätzlich ist es so, dass Stadtplanung sich zukünftig stärker an der Sonneinstrahlung orientieren muss. Ein Gebäude hat vor allem zwei Energiequellen, die es nutzen kann. Zum einen die Energie, die im Grundstück steckt, die beispielsweise durch Geothermie nutzbar ist. Zum anderen die Sonnenenergie. Soweit es geht, sollte es mit diesem Budget zurechtkommen. Wenn man sich hieran orientiert, ergibt sich automatisch eine andere Gebäudeplanung. Doch Ästhetik und Technik müssen in Einklang gebracht werden, weshalb auch mal ein Kompromiss und vielleicht weniger Ertrag akzeptiert werden muss.

Yvonne von Hunnius: Wird uns auch das Blau der Anlagen im Stadtbild bald nerven?

Thomas Stark: Diese Einschränkung gibt es ja kaum mehr. Natürlich ist auch hier Effizienz ein Aspekt, denn die dunkelblauen Anlagen bringen den höchsten Ertrag. Doch Rot, Silber, Grün – viele Farben sind möglich, auch wenn diese rund 20 Prozent weniger Ertrag bringen.

In unserer Studie bezüglich der Stadt Tübingen haben wir erfahren müssen, dass Blau leider wenig mit dem klassischen Stadtbild verträglich ist. Blau wird als Fremdkörper wahrgenommen. Hier harmoniert ein Grün- oder ein Magenta-Ton viel stärker.

Dünnschicht-Elemente sind überwiegend schwarz, doch auch sie sind sehr auffällig im Stadtbild, wenn sie spiegeln.

Yvonne von Hunnius: Woran liegt es, dass in vielen Fällen Paneele angebracht werden, ohne dass auf Gestaltung geachtet wird?

Thomas Stark: Die ganze Solarbranche ist ingenieurlastig und Prinzipien der Effizienz verpflichtet. Doch die Architektur muss offensiv in diesem Prozess mitwirken. Wenn es gestalterisch danebengeht, liegt es in 95 Prozent der Fälle daran, dass die gestalterische und funktionale Integration in die Gebäudehülle mit einem deutlich erhöhten Planungsaufwand verbunden ist, zu Mehrkosten führt oder schlichtweg niemand im Planungsteam ist, der sich um die Gestaltung kümmert. Ich kenne das durch meine Tätigkeit als Architekt und beschäftige mich seit Jahren mit dem Thema. Somit weiss ich genau, welche Anbieter besonders für diese oder jene gestalterische Umsetzung geeignet wäre. Für einen klassischen Architekten ist das im regulären Rahmen schier nicht zu leisten.

Yvonne von Hunnius: Ist das ein Zeichen dafür, dass der Markt inzwischen sehr reif und in einer zweiten Phase ist?

Thomas Stark: Es ist sogar die dritte Phase. In der ersten der 80er Jahre wurden zunächst Produkte entwickelt, die langlebig effizient sein sollten. In der zweiten Phase hat man den Sprung zur industriellen Produktion und zur technologischen Einbindung in Gebäudekonzepte geschafft. Nun sind die technischen Aufgaben gelöst. Es ist Zeit für die Ästhetik und damit auch die Symbiose der Funktionen.

Yvonne von Hunnius: Welche Prinzipien haben hierbei besonders grosse Chancen?

Thomas Stark: Vielversprechend ist die Kombination von einer Holzständerbauweise mit Solarthermiekollektoren der Fassade. Jetzt wird die Wand zum Kollektor und umgekehrt.
Für Photovoltaik gibt es überall dort Potential, wo sich hinterlüftete Fassaden befinden und die Dächer. Ein drittes Thema ist Sonnenschutz – diese Elemente sind immer nach der Sonne orientiert und können perfekt durch Module ersetzt werden.

Yvonne von Hunnius: Wie sieht die prozentuale Aufteilung zwischen Solarthermie und Photovoltaik aus?

Thomas Stark: Bei 80 Prozent Photovoltaik und 20 Prozent Solarthermie. Vor zehn Jahren war es noch umgekehrt, wobei natürlich der Solarmarkt insgesamt nur ein Bruchteil des heutigen Marktes ausmachte.

Yvonne von Hunnius: Wann rechnen Sie damit, dass solarisierte Gebäude Standard sind und Solaranlagen keinen Mehrwert für Investoren mehr darstellen?

Thomas Stark: Bis 2020 soll das Nullenergiehaus in der EU Standard für Neubauten sein und diese sind ohne Solarenergie praktisch nicht realisierbar. Doch der Anteil der Neubauten beträgt jährlich zwei Prozent. Im Bestand wird es noch bis 2050 oder länger ein Vorteil für Investoren sein, Solarhäuser oder Nullenergiehäuser zu besitzen. Doch auch hier hat man auf EU-Ebene ambitionierte Pläne für Richtlinien.

Yvonne von Hunnius: Die Schweiz ist nicht EU – muss die Schweiz von der EU lernen oder kann man sich von den Eidgenossen etwas abschauen?

Thomas Stark: Die Schweiz war Anfang der 90er Vorreiter bei der Gebäudeintegration von Solartechnik. Als Studenten haben wir alle bewundernd in die Schweiz geschaut. Zudem war die Schweiz führend im Thema Nachhaltigkeitsbewertung – mit der SIA Empfehlung 112 wurden schon 2001 konkrete nachprüfbare Kriterien für die Bewertung eines nachhaltigen Gebäudes entwickelt und die Schweiz hat damit eine Vordenkerrolle eingenommen.
Doch Deutschland hat in den letzten zehn Jahren eine dynamischere Entwicklung durchgemacht und ist führend bei Photovoltaik. Im Bereich Solarthermie ist Österreich mit Vorarlberg vorne dabei. Und mit der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen ist man auch bei den Kriterien weiter vorangeschritten. Doch im Rahmen der Bodensee-Alpenrhein-Energieregion arbeiten wir ja wieder Hand-in-Hand.

 

Zur Person:
Thomas Stark ist Professor für Architektur und hat an der Hochschule Konstanz für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) den Lehrstuhl für energieeffizientes Bauen inne. Zudem ist er geschäftsführender Gesellschafter der ee concept GmbH in Stuttgart.

 

 

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