Ein Jahr lang hat der britische Journalist Steve Bloomfield Ascheplätze und Stadien in Afrika besucht. Wer Afrikas Fussball versteht, versteht den Kontinent, sagt er jetzt. Sein Buch „Africa United - How Football explains Africa" (Wie Fussball Afrika erklärt) ist gerade erschienen.
Marc Engelhardt: Wie kann Fussball Afrika erklären?
Steve Bloomfield: Fussball sagt alles über die Kultur eines Landes, seine Bevölkerung und auch seine Politik. Beispiel Kenia: als ich vor fünf Jahren hierher gekommen bin, habe ich mich erst schwer getan, das politische Geschehen zu verstehen. Erst als ich langsam dahinter stieg, warum Kenia zu dieser Zeit zwei konkurrierende Ligaverbände hatte - mit zwei gleich korrupten Funktionären an der Spitze, die nur auf ihren Vorteil aus waren - ging mir langsam ein Licht auf. Nicht nur die Kultur des Raffens im organisierten Fussball und in der Politik, so stellte sich für mich Stück für Stück heraus, war gleich, auch die Mechanismen waren dieselben.
Marc Engelhardt: Inzwischen hat Kenia ja wieder eine einheitliche Liga. Ist das nicht eher ein zufälliges Beispiel?
Steve Bloomfield: Sehen Sie sich Somalia an, das mit Sicherheit schlechteste Team in ganz Afrika. Sie haben in der WM-Qualifikation nur ein Spiel gespielt gegen Dschibuti, das hat Somalias Elf 0:1 verloren. Aber obwohl das Land zerfällt und die Islamisten vermutlich auch dieses Mal wieder verbieten werden, dass in Somalia WM-Spiele gezeigt werden, rafft sich die Mannschaft immer wieder auf. Einem Stürmer wurde im Bürgerkrieg das Bein weggeschossen, ein Verteidiger aus Mogadischu wurde auf offener Strasse hingerichtet, aber trotzdem hat ein Exilsomalier, der in London lebt, seinen Job als Türsteher in einer Disko gekündigt, um als Nationalspieler gegen Dschibuti dabei zu sein. Das zeigt für mich, wie gross der Widerstandsgeist in Somalia ist, im Land wie im Team.
Marc Engelhardt: Die WM in Südafrika wird von der FIFA als „Afrikas WM" angepriesen. Ist sie das?
Steve Bloomfield: Ja und nein. Auf meinen Recherchereisen für dieses Buch, die mich in 13 Länder geführt haben, habe ich überall erlebt, wie stolz die Menschen darauf sind, dass die WM in Afrika stattfindet. Ich finde es enorm, dass es eine so starke afrikanische Identität gibt - im Vergleich zu meiner Heimat Grossbritannien etwa, wo wir uns überhaupt nicht als Europäer fühlen. Aber trotzdem werden zu dieser WM geschätzte 12.000 Afrikaner reisen - das ist verschwindend wenig.
Marc Engelhardt: Woran liegt's?
Steve Bloomfield: Zum einen sind Flug, Karte und Übernachtung zusammen genommen einfach zu teuer. Ich habe mit einem erfolgreichen Börsenmakler in Lagos gesprochen, der mir gesagt hat: Ich würde gerne hin, aber ich kann es mir nicht leisten. Ausserdem musste der gleiche Börsenmakler monatelang ausharren, ob er überhaupt eine Karte kriegt - über ein internetbasiertes System in einem Land, wo die Verbindungen bestenfalls schlecht sind. Dann braucht man noch eine Kreditkarte, was Nigerianer und auch viele andere Afrikaner praktisch ausschliesst. Für mich zeigt das, wie wenig ernst die FIFA ihre eigenen Slogans nimmt: Was hätte es gekostet, etwa die Tickets für Nigerias Spiele in Nigeria über den Ladentisch verkaufen zu lassen? Nicht viel. Man hätte es nur machen müssen.
Marc Engelhardt: Bringt die WM Afrikas Fussball den nötigen Anschub, so dass die besten Spieler nicht alle ins Ausland gehen müssen?
Steve Bloomfield: In Südafrika schon. Die dortige Liga steht inzwischen weltweit an Platz 7, was das Werbeeinkommen angeht. Wenn das Geld richtig investiert wird, etwa in Trainingscamps, Aufbauprogramme und Vereine, dann kann das einen richtigen Sprung nach vorn bedeuten. Ansonsten ist der grösste Feind der afrikanischen Ligen der Fussball in Europa, vor allem die Premier League. Wenn in Kenia zwei einheimische Teams spielen, und in einer Sportbar läuft das Kellerduell der britischen Liga, gehen die meisten Kenianer trotzdem in die Sportbar - weil es eben die Premier League ist. Gegen die Millionen, mit denen dieser Nimbus aufgebaut worden ist, kann Afrika einfach nicht anstinken.
Marc Engelhardt: Welches afrikanische Team wird bei der WM brillieren?
Steve Bloomfield: Kamerun. Ich glaube, die schaffen es bis ins Viertelfinale. Vor einem Jahr hätte ich noch auf Ägypten und die Elfenbeinküste gesetzt. Aber Ägypten hat ja wieder mal die Qualifikation verpasst, und die Elfenbeinküste hat mit dem späten Trainerwechsel im Januar alle Chancen zunichte gemacht. Ghana ist gut, aber mit Michael Essien fehlt der beste Spieler und die Vorrundengegner sind zu stark. Südafrika ist ganz offiziell nach FIFA-Tabelle der schlechteste Ausrichter einer WM - selbst Japan war besser bewertet. Wenn die „Bafana Bafana" es in die zweite Runde schaffen, ist das schon ein kleines Wunder.
Steve Bloomfield: Africa United - How Football explains Africa, Canongate, ISBN 978 1847 677 785
Bild: (Marc Engelhardt)
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