In Afrika ist Fussball nicht nur ein Spiel, sondern ein Weg aus dem Elend. Nachhaltige Migration ist das in den seltensten Fällen. Profiteure des globalen Geschäfts sind weder die Spieler noch das Spiel, sondern einige Manager und Vermittler.
Wenn am 11. Juni die Fussball-Weltmeisterschaft angepfiffen wird, blickt die Welt für einen Monat auf den Schwarzen Kontinent. Diese WM auf dem ärmsten Erdteil, daran lassen die FIFA und die südafrikanischen Organisatoren keinen Zweifel, soll es allen zeigen: Fussball kann die Welt verändern.
Der Traum vom Fussball
Für die Jugend Afrikas jedenfalls ist das mehr als ein Slogan. Hunderttausende träumen davon, es auf die heiligen Rasen von Manchester, Marseille oder Madrid zu schaffen und so der Armut zu entkommen. 750'000 waren es laut der englischen Zeitung The Guardian, die vor zwei Jahren an den Rekrutierungen einer renommierten Sportakademie aus einem arabischen Emirat auf dem ganzen Kontinent vorspielten. 23 von ihnen wurden schliesslich ausgewählt. Für die WM werden auch die zurückkehren, die es geschafft haben. Von den Spielern der vier afrikanischen Mannschaften, die sich ausser dem Gastgeber Südafrika qualifiziert haben, verdienen fast alle ihr Geld in europäischen Ligen. Wenn sich die Menschen etwa an der Elfenbeinküste, wo die Hälfte der Bevölkerung unter 15 Jahre alt ist, vor einem Fernseher versammeln, dann jubeln sie nicht nur ihren Stars zu, sondern auch dem Traum zu, den sie verkörpern.
Bern handelt mit Spielern
Zum Beispiel Seydou Doumbia, Jahrgang 1987, Stürmerstar der Berner Young Boys (YB), Schweizer Torschützenkönig 2009. Sein Wechsel zum russischen Spitzenclub ZSKA Moskau (geschätzte Ablösesumme rund 11 Millionen Euro - 15 Millionen Franken) dürfte ihn und seinen Klub über den verpassten Meistertitel hinwegtrösten. Je 10 Prozent bekommen Doumbia und sein Schweizer Manager, 70 Prozent gehen an YB. Die restlichen 10 Prozent fliessen in die Partner-Akademie der Young Boys in der ivorischen Stadt Abidjan, wie in einem Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehens über das Projekt zu vernehmen war. Im Sonntagsblick Magazin sagte YB-CEO Stefan Niedermaier: „Wir holen günstig fussballerische Qualität, die es in der Schweiz nicht gibt.“ Die Berner sichern sich zudem mit ihrem Engagement von jährlich 100'000 Franken die Rechte an den Spielern. Sollten sie dereinst statt zu YB direkt zu einem anderen Verein wechseln, verdient YB mit. Alle drei Jahre, gab Niedermeier weiter zu Protokoll, wolle er einen Ivorer an einen Spitzenverein verkaufen.
Gutes Geschäft für die Klubs
„Junge Talente ausbilden und sie dann ins Ausland verkaufen ist für Schweizer Klubs eine gute Möglichkeit, richtig Geld zu verdienen“, erklärt Raffaele Poli, der sich am Internationalen Zentrum für Sportstudien (CIES) der Unis Neuenburg und Lausanne seit Jahren mit den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aspekten des internationalen Fussballs beschäftigt. Afrika und Lateinamerika bieten in diesem Markt ein gutes Preis-Leistungsverhältnis für die Rohware. Läuft alles gut, profitieren auch die Spieler: Zwischen 5000 Franken (Super League) und 3800 Franken (Challenge League) liegen die minimalen Bruttolöhne für Neuankömmlinge aus Afrika und Südamerika in der Schweiz.
Vom Rasen auf die Strasse
Ein schlechteres Los ziehen die jungen Afrikaner, die inoffiziellen Akademien und selbsterklärten Spielervermittlern auf den Leim gehen. Oft verkaufen Familien Häuser und Land, oft gehen kleine Geschwister zur Arbeit statt zur Schule, um die paar tausend Dollar zusammenzukratzen, die dem talentierten Sohn oder Bruder die Reise zum Testtraining in Europa finanzieren sollen. Wer dann tatsächlich vorspielen darf, hat schon mal Glück gehabt. Wer die Erwartungen nicht erfüllt, verliert nicht nur die Hoffnung auf die grosse Karriere, sondern auch die Aufenthaltsbewilligung. Dann werden aus Fussballspielern Flüchtlinge mit den üblichen Möglichkeiten: Heimkehr, Heirat – oder Abtauchen. Poli schätzte 2007, dass 60 Prozent der Afrikaner, die einen Vertrag erhalten, nach einigen Saisons aus dem Profi-Fussball herausfallen.
Gute Gelegenheit für gierige Manager
Am anderen Ende der Skala stehen die astronomischen Transfersummen, welche die grossen europäischen Klubs untereinander hin und her schieben. Die fünf grossen Ligen Europas (Deutschland, Spanien, Frankreich, England, Italien) weisen für die Saison 2009/2010 alle negative Transfersaldi zwischen 60 und 400 Millionen Franken aus: Ihre Klubs haben für mehr Geld eingekauft als verkauft. Für die Klub-Manager lohnt es sich, hohe Summen auszugeben, sagt Raffaele Poli: „Ein Transfer ist eine gute Gelegenheit, Geld aus den Vereinskassen freizumachen und in die eigene Tasche zu wirtschaften. Vielen Managern liegt der Klub weniger am Herzen als das eigene Bankkonto.“ Ein beliebtes Vorgehen: Die Verhandlungsparteien – Manager der beiden Klubs sowie Spielervermittler – vereinbaren eine Transfersumme, die weit über dem Marktwert des Spielers liegt und teilen die Differenz unter sich auf. Eine Abkehr vom System „Geld gegen spielerische Manpower“ will der Fussball-Forscher indes nicht propagieren. Der Geldwert der Spieler verhindere, dass grosse Klubs den Kleinen das Personal abwerben, ohne dass diese dafür entschädigt würden. Es müsse jedoch eine Handhabung her, die garantiere, dass die Transfer-Erlöse wieder in die Klubs investiert würden, sagt Poli: „Das wäre eine nachhaltige Lösung.“
Bild: Einlaufen der Berner Young Boys (YB) beim Trainingsstart (YB).
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