Die EU macht intelligente Stromzähler bis 2022 zur Pflicht, Deutschland bei Neubauten bereits seit Januar. Die Schweiz ist noch zögerlich. Peter Kieffer, Schweiz-Leiter des globaler Marktführers im Bereich „Smart Metering“ Landis+Gyr, über eine intelligente Zukunft.
Yvonne von Hunnius: Wieviel Strom könnten intelligente Stromzähler beziehungsweise Smart Metering in der Schweiz sparen helfen?
Peter Kieffer: Vorneweg: Intelligente Zähler sparen nicht. Es sind Verbraucher, die sich dank Information aus solchen Zählern ein Sparpotential erschliessen. Häufig wird ein Einsparpotential von durchschnittlich 9 Prozent genannt. Für die Schweiz ist im November letzten Jahres die Studie „Smart Metering Schweiz“ herausgekommen, die im Auftrag des Bundes das Energiesparpotential untersucht hat. Sie kommt zum Schluss, dass das energetische Einsparpotenzial der Schweizer Haushalte bei 5 Prozent liegt.
Yvonne von Hunnius: Sie beziehen sich nur auf Privathaushalte – ist das nicht ein Tropfen auf den heissen Stein?
Peter Kieffer: Privathaushalte in der Schweiz verbrauchen durchschnittlich 17 Terrawattstunden im Jahr – wenn nur durch intelligente Stromzähler fünf bis zehn Prozent gespart werden, dann sind das 1 bis 1,5 Terrawattstunden. Das ist vergleichbar mit dem Energieverbrauch der Stadt Basel, der ungefähr bei 1,7 Terrawattstunden liegt. Das ist wesentlich.
Yvonne von Hunnius: Wie genau kann man hier Energie sparen?
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Peter Kieffer: Verschiedene Studien und wissenschaftlich begleitete Pilotinstallation belegen, dass dynamische Information das effektivste Mittel ist, um das Konsumentenverhalten nachhaltig zu beeinflussen. Mit intelligenten Stromzählern neuerer Generation ist auch eine Visualisierung verbunden. Ein Monitor im Haus macht den Kunden in Echtzeit sichtbar, was an Strom gerade läuft und wie teuer das ist.
Ganz wesentlich dabei ist die Anzeige der angefallenen und der anfallenden Kosten, denn die Kunden haben eher ein Gefühl für Franken und Rappen als für Kilowattstunden. Und dann gibt es noch eine Darstellung in Grün, Gelb und Rot. Wenn Rot leuchtet, verbrauche ich viel Energie, bei Gelb und Grün entsprechend weniger. Diese Funktion hilft, das eigene Verhalten zu ändern: Wenn man als letzter die Wohnung verlässt und es leuchtet noch Rot, kann irgendwas nicht stimmen.
Yvonne von Hunnius: Doch die Technik wird von den Stromversorgern sicher nicht nur bereitgestellt, damit die Kunden weniger verbrauchen…
Peter Kieffer: Richtig. Früher – vereinfacht gesagt – lief das Geschäft dann am besten, wenn Energie-Erzeugung und -Verteilung am Rande ihrer Kapazitäten lief. Auf wachsenden Bedarf hat man mit neuen Infrastrukturprojekten reagiert. Seit dem Nein zum geplanten Kernkraftwerk Kaiseraugst in den 80er Jahren hat der Wind gedreht. Neuen Kraftwerksprojekten sowie Ausbauten der Übertragungs- und Verteilnetze erwächst erbitterter Widerstand. Weil auch im Ausland eine Versorgungslücke droht, wird sich Importstrom mittelfristig massiv verteuern. Was uns kurzfristig bleibt, ist einerseits die Verhinderung von Nachfragespitzen und zum anderen die Steigerung der Energieeffizienz. Das sind zwei unterschiedliche Beweggründe für Smart Metering. Verteilnetzbetriebe wollen Leistungsspitzen glätten, um die Netzkapazität gut auszunutzen. Das Verhältnis zwischen einer Spitze und dem Durchschnitt spielt eine zentrale Rolle. Die Kunden sind eher Effizienz-orientiert und wollen im Portemonnaie sparen. Auch wächst die Zahl der Endkunden, die mittels Photovoltaik mindestens einen Teil ihres Strombedarfes selber produzieren, Stromüberschüsse ins Netz einspeisen und so zu „Prosumern“ werden. Und schliesslich arbeiten fast alle grossen Autohersteller an Hybrid- oder Elektrofahrzeugen; dies ist eine weitere grosse Herausforderung für unser Energiesystem.
Yvonne von Hunnius: Ist es möglich, über diesen Weg lediglich Strom aus erneuerbaren Quellen zu wählen?
Peter Kieffer: Im Prinzip ja. Momentan arbeiten wir beispielsweise mit Forschern um Alexander Klapproth im iHomeLab in Luzern auch an solchen Fragen.
Yvonne von Hunnius: Dauert es noch lange, bis die Batterien der Elektroautos für uns den Strom dann laden, wenn er am billigsten ist und ihn dann speichern?
Peter Kieffer: Das ist ein hochinteressantes Gebiet für uns. Es kommt heute vor, dass ökologisch wertvoller Strom vorhanden ist, den niemand gebrauchen kann, etwa wenn in Norddeutschland und Dänemark der Wind stark bläst, die Menschen schlafen und keine Energiespeicher vorhanden sind. Dann wäre es natürlich sinnvoll, die Akkus mit preiswertem Strom zu laden, und diesen dann zur Schliessung kurzfristiger Versorgungsengpässe wieder ins Stromnetz einzuspeisen. Solche Konzepte sind Teil des Smart Grid, des intelligten Versorgungsnetzes. Doch dafür braucht es noch viel Entwicklungsarbeit bei Infrastruktur und Ladegeräten, Systemen zur Netzsteuerung, der Bilanzierung und Verrechnung. Das Potential dieser Zukunftstechnologie ist unbestritten. Max Ursin von den Kraftwerken Oberhasli sagt, eine halbe Millionen Elektrofahrzeuge könnte die Speicherenergie eines Atomkraftwerks bereitstellen. Doch das ist noch Zukunftsmusik.
Yvonne von Hunnius:Schweizer Kritiker argumentieren, die neuen intelligenten Netze könnten noch lange kein Kraftwerk ersetzen – wie stehen Sie dazu?
Peter Kieffer: Ich behaupte etwas anderes: Wir brauchen neue Kraftwerke nur wegen der wachsenden Nachfragespitzen. Wenn wir die Spitzen ohne Komforteinbussen reduzieren können, dann tut dies niemandem weh. Und wenn die Netze dereinst intelligent genug sind, dann brauchen wir keine weiteren Spitzenkraftwerke.
Yvonne von Hunnius: Somit spielen diese intelligenten Technologien den Erneuerbaren Energien den Ball zu?
Peter Kieffer: Dezentral Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien - Wind, Sonne und Biomasse - und Smart Metering hängen zusammen. Denn alternative Energien haben die Eigenschaft, sich nicht an Swissgrid-Fahrpläne zu halten. Die Energiewirtschaft steht vor neuen Herausforderungen: Sie verliert die absolute Kontrolle über die Produktionsmenge. Dem Wind ist der Bedarf egal. Deshalb braucht es Regelmechanismen im Netz, die damit umgehen können. Und Smart Grid kommt nicht ohne Smart Metering aus, denn man muss an verschiedenen Einspeise und Verbrauchspunkten verlässliche Messungen vornehmen können, um zu wissen, was gerade passiert, um das ganze System in der Balance zu halten.
Yvonne von Hunnius: Ist es denkbar, dass mithilfe dieser Technik noch in diesem Jahrhundert Erneuerbare die ganze Schweiz mit Energie versorgen?
Peter Kieffer: Ich behaupte das. Denn die Forschung lotet die physikalischen Grenzen des Machbaren ständig neu aus. Beispielsweise wird Photovoltaik-Energie irgendwann kompetitiv und die dezentrale Erzeugung für jedermann möglich sein. Ich denke, 2050 könnte bereits jedes Haus Strom herstellen. Und hierfür braucht man natürlich eine Smart-Grid-Netzanbindung. Dann könnte ein Gigawatt-Kraftwerk in Gösgen durch hunderttausend kleine Kraftwerke ersetzt werden.
Yvonne von Hunnius: Wo sind Ihre Systeme in der Schweiz denn schon konkret im Einsatz?
Peter Kieffer: In erster Generation ohne Monitor laufen unsere Smart Metering-Lösungen beispielsweise in Massagno, einem Vorort von Lugano, oder in Opfikon Glattbrugg. Die neue Generation mit Visualisierung könnte bald in mehreren Gemeinden in der Romandie die Regel werden. Wir arbeiten auch mit den Elektrizitätswerken Zürich eng zusammen.
Yvonne von Hunnius: Welchen Entwicklungsschritt sehen Sie in naher Zukunft?
Peter Kieffer: Nach der anlaufenden „Dynamisierung der Erzeugung“ durch Wind- und Sonnenenergie prognostiziere ich als Nächstes die „Dynamisierung der Tarife“. Als Besitzer eines Elektrofahrzeuges wäre ich wohl nur dann bereit, meine Akkuladung als „Überbrückungshilfe“ wieder ins Netz einzuspeisen, wenn der Preis stimmt. Ich denke nicht, dass mir das heute geltende Tarifsystem mit Hoch- und Nieder- sowie Sommer- und Wintertarif genügend Anreiz böte. Die Tarife dynamisch über die Zähler steuern zu können, das ist sicher der nächste konsequente Schritt. Die französische Elektrizitätsgesellschaft EDF bietet den Kunden bereits einen dynamischen Preis. Diese Preisdynamik ist ein Geschäftspotential, das die Energieversorger bis jetzt noch zu wenig erkannt haben.
Zur Person: Peter Kieffer ist Country Manager für Landis+Gyr Schweiz. Der Konzern hat seinen Hauptsitz in Zug, unterhält Niederlassungen in weiteren 30 Ländern auf fünf Kontinenten und beschäftigt knapp 5.000 Mitarbeitende. Landis+Gyr ist einer der führenden Anbieter von integrierten Lösungen für das Energiemanagement.
Bild: zvg
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