Sauberes Gas muss warten

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Geschrieben von: Thomas Hug, Oslo 08.06.10
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Im norwegischen Mongstad sollte erstmals bei einem Gaskraftwerk der CO2-Ausstoss in einer Grossanlage gereinigt werden. Die Regierung hatte dieses Projekt als „norwegische Mondlandung" angepriesen. Doch es verzögert sich um Jahre und wird immer teurer.

Im Oktober 2006 hatte die norwegische rot-grüne Regierung dem Bau eines Gaskraftwerkes in Mongstad an der Westküste zugestimmt. Die Sozialdemokraten mit Regierungschef Jens Stoltenberg an der Spitze hatten aber ein Problem: Seine linkssozialistischen Koalitionspartner (SV) sind gegen jegliche Gaskraftwerkbauten – Norwegen produziert seinen Strom bisher ausschliesslich aus Wasserkraft. Um die Linkssozialisten bei der Stange zu halten, mussten die Sozialdemokraten versprechen, bis 2013 den CO2-Ausstoss dieses Gaskraftwerks abzuscheiden und zu lagern.

Prestigeobjekt mit globalem Anspruch

In seiner Neujahrsrede von 2007 lancierte Regierungschef Stoltenberg diese erste CO2-Abscheidung eines Grosskraftwerks weltweit als die „norwegische Mondlandung“.  Mongstad sollte ein Vorzeigeprojekt werden und Norwegens Position als weltweit führende Nation in CO2-Abscheidung und -lagerung festigen. Schon bald zeigte sich, dass die Anlage technologisch schwer zu realisieren war und immer teurer wurde. Im Mai dieses Jahres platzte dann die grosse Bombe: Obwohl das Gaskraftwerk inzwischen fertig gestellt ist, will die Regierung mit dem Investitionsbeschluss bis 2014 warten; die Anlage wird nicht vor 2018 in Betrieb gehen können. Die Anlage sollte auch die CO2-Emissionen der Raffinerie von Mongstad abscheiden,  jährlich etwa 2,3 Millionen Tonnen CO2. Nun werden Kraftwerk und Raffinerie ungehindert Kohlendioxid in die Luft blasen.
Vergangene Woche mussten Erdöl- und Energieminister Terje Riis-Johansen, Regierungschef  Jens Stoltenberg und Umweltminister Erik Solheim im Parlament erklären, warum das Projekt sich so sehr verzögert. Energieminister Riis-Johansen verweist auf den Pioniercharakter: „ Wir bauen hier eine einmalige Anlage, etwas, dass es nirgendwo auf der Welt gibt“. Das stelle eben besondere Herausforderungen. Und es ist teuer: Die staatliche Erdölgesellschaft Statoil rechnet inzwischen mit 25 Milliarden norwegische Kronen (3,1 Milliarden Euro/4,3 Milliarden Franken), fünf Mal mehr, als am Anfang veranschlagt worden war.

Behindert Statoil das Projekt?

Der Mongstad-Skandal bedeutet eine schwere politische Last für die Linkssozialisten, die als Umweltpartei damit helfen, ein Gaskraftwerk ohne CO2-Reinigung zu bauen. Der Skandal setzt aber auch Fragezeichen hinter den politischen Willen, wirklich auf CO2-Abscheidung zu setzten. Die Regierung hatte eigenes ein Unternehmen geschaffen, um die Technologie zu forcieren. Gassnova klagt jedoch über Mangel an Personal und Mitteln.
Womöglich sind aber auch die falschen Akteure an Bord geholt worden: Die Technologie wird am Technologie Center Mongstad (TCM) erprobt.  An diesem Testzentrum sind Gassnova, Statoil  und auch Firmen wie Aker Clean Carbon beteiligt. Die norwegische Firma Sargas wiederum behauptet, sie hätten Abscheidungstechnologien, die ausgereift seien – doch in Mongstad ist Sargas nicht beteiligt. Die norwegische Umweltorganisation Bellona befürchtet deshalb, Statoil nutze seine grosse Macht und das Gerangel um die Technologie, um aus Kostengründen die CO2-Abscheidung zu verzögern.
Dabei hat gerade Statoil jahrelange Erfahrung  mit der Abscheidung von CO2 und der Lagerung im Meeresgrund. Weil Gaskunden einen niedrigen CO2-Anteil vom Gas des Sleipnergasfeldes bei Bergen verlangten, separiert Statoil dort seit 1996 Kohlendioxid vom Erdgas. 250 Kilometer vor der Küste werden dort jährlich rund 1 Million Tonnen CO2 vom Gas getrennt und in den Untergrund gepumpt. Ähnlich wird weiter im Norden 145 Kilometer vor Hammerfest im  Gasfeld Snøvhit (Schneewittchen) Kohlendioxid zurück in den Untergrund gepumpt.

Forscher sind enttäuscht

Enttäuscht ob dem Beschluss der Regierung, die CO2-Abscheidung in Mongstad auszusetzen, ist man auch in Trondheim. Die dortige technische Universität (NTNU) hatte im April eine Testanlage eröffnet. Die Anlage in Tiller ist ein „Nahezu-Grossprojekt“-Laboratorium  für die CO2-Abscheidung. Die Anlage wurde nicht zuletzt mit bedeutenden Mitteln der EU finanziert. Forschungsministerin Tora Aasland will nun nicht mehr Mittel für die Grundlagenforschung in Trondheim versprechen. „Norwegen hat die Latte auf ein sehr hohes Niveau gelegt. Nun laufen wir in Gefahr in Europa und in der Welt das Gesicht zu verlieren“, sagte NTNU-Professor Hallvard Svendsen zum Radiosender NRK.
Wenn sich die CO2-Abscheidung bei Grosskraftwerken in Norwegen verzögert, dann hat das Folgen anderswo: Die EU setzt massiv auf diese Technologie, um den Einsatz von Kohle bei Stromproduktion auch in Zeiten des Klimaschutzes zu sichern. Doch der Widerstand der Bevölkerung in der Nähe möglicher Endlager wächst. Das hat etwa in Deutschland vor einem Jahr ein Gesetz über die Anwendung der neuen Technologie scheitern lassen.

 

Bild: Die norwegische Erdölgesellschaft Statoil leitet auch von der Gasverflüssigungsanlage auf Melkøya Kohlendioxid zurück auf die offene See, wo es in Lagerstätten für komprimierte Treibhausgase gepumpt wird (HELGE HANSEN / Statoil).

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