Steffen Klatt: Minergie heisst also nicht einfach dicke Dämmschichten um die Gebäude?
Franz Beyeler: Die gute Dämmung ist sicherlich die Grundlage Nummer eins für ein gutes Gebäude, also für ein Gebäude, das sowohl energetisch gut als auch Wohnkomfort bietet. Gute Dämmungen und gute Fenster haben einen grossen Einfluss auf die Oberflächentemperatur, speziell im Winter. Schlechte Fenster und geringe Dämmung führen zu kalten Temperaturen an der Innenwand bzw. Fenster und das ist in jedem Fall sehr unbehaglich. .
Steffen Klatt: Sind dicke Dämmungen für jedes Gebäude geeignet?
Franz Beyeler: Ein Minergiegebäude muss nicht unbedingt eine dicke Dämmung haben. In Spiegel bei Bern hat Architekt Geiser ein Minergiehaus voll aus Glas errichtet. Selbstverständlich muss das Glas bei solchen Bauten einen sehr hohen Isolationswert aufweisen.
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Steffen Klatt: Sie haben erwähnt, dass auch historische Gebäude minergiezertifiziert worden sind. Kann jedes bestehende Gebäude genügend gedämmt werden?
Franz Beyeler: Natürlich nicht. Das ist auch eine der Schwierigkeiten für die Erneuerung und Modernisierung bestehender Gebäude nach Minergie. Oft ist eine Aussendämmung nicht möglich. Ich denke da an Riegelbauten, die verschandelt würden, wenn man eine Aussendämmung anbringen würde. Aber es gibt auch die Möglichkeit, innen zu dämmen. Manchmal ist eine zusätzliche Dämmung gar nicht nötig, wenn dafür sehr gute Fenster eingesetzt werden. Aber die Modernisierung historischer Bauten nach Minergie oder herkömmlich erfordert in jedem Fall gute Fachleute.
Steffen Klatt: Sind alle Materialien gleich gut für Minergie geeignet?
Franz Beyeler: Die Materialien interessieren für Minergie nicht. Minergie macht da keine Vorgaben. Bei Minergie Eco ist das anders. Da verlangen wir zum Beispiel Recyclierbeton und Baumaterialien, die keine schädlichen Ausscheidungen haben. Beim Wohnbau ist heute Holz ein beliebtes Baumaterial, nicht zuletzt wohl dank Minergie. Die Holzbauer haben von Beginn weg die grossen Chancen von Minergie erkannt und haben dies sehr erfolgreich in gute und moderne Bauten umgesetzt.
Steffen Klatt: Minergie arbeitet eng mit seinen Fachpartnern zusammen. Legen Sie in der Zusammenarbeit mit den Architekten über den Standard hinaus Wert auf Ästhetik?
Franz Beyeler: Sicherlich, das interessiert uns. Aber für die Erfüllung des Standards ist das nicht relevant. Wir können das grundsätzlich nicht beeinflussen. Wir haben auch Gebäude von Daniel Libeskind und von Herzog de Meuron zertifiziert. Wenn der Architekturstil viele Wärme- und Kältebrücken vorsieht, dann kann das Gebäude vielleicht nicht zertifiziert werden, sicherlich nicht nach Minergie P. Manche Architekturstile sind daher wohl nicht minergietauglich. Erker und Balkone, die mit dem Gebäude verbunden sind, bringen ein Problem mit den Wärme- und Kältebrücken. Aber das Problem habe ich heute auch, wenn ich nur nach den kantonalen Vorschriften baue. Da kann ich auch nicht mehr bauen, wie ich will und das ist richtig und wichtig.
Steffen Klatt: Müssen Minergiebauten nach der Sonne ausgerichtet sein?
Franz Beyeler: Bei Minergie ist die Ausrichtung eine Frage, aber nicht spielentscheidend. Bei Minergie P kann die Ausrichtung spielentscheidend sein. Schon die Bauernhäuser, die vor 500 Jahren in der Schweiz gebaut worden sind, wurden nach der Sonne ausgerichtet. Heute ist es für den Wohn- und Arbeitsplatzkomfort wichtig, dass das Licht optimal genutzt werden kann. Speziell bei Minergie P ist die aktive Sonnennutzung über die Ausrichtung nach Süden wichtig. Auf der Nordseite sollten möglichst wenig und kleine Fenster sein.
Steffen Klatt: Müssen Architekten den Bezug auf das Klima erst wieder lernen, der für frühere Generationen selbstverständlich gewesen ist?
Franz Beyeler: Das ist die richtige Formulierung: Früher war es selbstverständlich gewesen. Heute müssen es die Architekten wieder lernen, etwa mit Schattenwurfsimulationen.
Steffen Klatt: Nimmt Minergie auch Einfluss auf den Ort eines Gebäudes? Ein Minergie P-Haus draussen in der Landschaft, deren Bewohner mit dem Allradantrieb zur Arbeit fahren, kann indirekt mehr Energie brauchen als ein gewöhnliches Haus in der Stadt, deren Bewohner zu Fuss zur Arbeit gehen.
Franz Beyeler: Das ist eine häufig gestellte Frage beziehungsweise Kritik an Minergie. Nehmen Sie das Minergie P-Haus am Waldrand, 10 Kilometer von der nächsten Migros entfernt: Wenn dieses Gebäude nicht nach Minergie P gebaut wäre, würde es noch mehr Energie verbrauchen, und dann käme die Energie für den Verkehr noch hinzu.
Minergie macht keine Vorgaben für den Standort des Gebäudes. Dafür werden wir kritisiert, und deshalb erarbeiten wir einen neuen Standard für die Nachhaltigkeit eines Gebäudes. Aber bei jedem Baustandard ist das schwächste Glied immer der Nutzer. Ein gutes Gebäude verlangt auch einen guten Gebäudenutzer. Das können und wollen wir aber nicht vorschreiben.
Steffen Klatt: In welche Richtung soll dieser neue Standard für die Nachhaltigkeit von Gebäuden gehen?
Franz Beyeler: Wir arbeiten zweigleisig. Wir formulieren erstens einen Standard für Gebäude, die mehr Energie produzieren, als sie über das Jahr brauchen. An der Generalversammlung am 17. Juni werden wir einen ersten Zwischenstand präsentieren.
Steffen Klatt: Das geht also in Richtung des Gebäudes als Kraftwerk?
Franz Beyeler: Das ist richtig. Verschiedene Minergie P-Bauten sind so gut gebaut und sind so gut mit Photovoltaikanlagen ausgerüstet, dass sie schon heute mehr Energie produzieren, als sie übers Jahr brauchen.
Wir sind zweitens im Gespräch mit Spezialisten über die Formulierung eines Standards für die Nachhaltigkeit von Gebäuden. Dabei wird der Gebäudestandort mit grösster Wahrscheinlichkeit eine der Anforderungen bilden. Wenn es gut durch den öffentlichen Verkehr gut erschlossen ist, dann wird das einbezogen. Bei der Formulierung dieses Standards werden wir uns auch an den Bedürfnissen internationaler Bauherrschaften ausrichten, die im Ausland nach LEED und DGNB bauen. Wir werden uns Mühe geben, möglichst einen einfacheren Standard zu schaffen als diejenigen, die bisher am Markt sind. Ob uns das mit Minergie Nachhaltigkeit gelingt, wird sich zeigen.
Zur Person:
Franz Beyeler ist seit Beginn (1998) Geschäftsführer des Vereins Minergie. Der Betriebsökonom ist zudem Partner der MKR Consulting, einem Beratungs- und Kommunikationsunternehmen in Bern, sowie Leiter der Informationsstelle der Fördergemeinschaft Wärmepumpen Schweiz.