Schon 2050 soll laut europäischer Studien hundertprozentige Versorgung mit erneuerbaren Energien möglich sein. Auch aus Schweizer Perspektive sei das wohl theoretisch denkbar, sagt Tony Kaiser, Geschäftsführer des Vereins Energie-Trialog Schweiz. Aber eben, nur theoretisch. Yvonne von Hunnius: Der Energie Trialog Schweiz nimmt in seiner Energiestrategie 2050 an, dass 2050 lediglich 55 Prozent des Energiebedarfs erneuerbar sein können. Warum nicht hundert Prozent? Tony Kaiser: Wir haben keinen Konsens gefunden, wie eine hundertprozentige Versorgung mit erneuerbaren Energien möglich wäre. Wir haben Biomasse, Wasserkraft, Geothermie und auch Photovoltaik in ihrem Potential betrachtet. Und gerade bei Photovoltaik waren wir sehr optimistisch mit unserer Einschätzung. Doch unsere Untersuchungen sind auf keinen vernünftigen und bezahlbaren Weg gestossen. Auch bei sehr grosser Steigerung der Energieeffizienz nicht. Verwandte Themen| { Schweiz droht Abhängigkeit , 19.04.10 } | | { Gewinn durch Partnerschaft, 09.04.10 } | | { Politik muss Anreize schaffen, 08.04.10 } | | { Kritik an Energiepolitik, 25.03.10 } | | { Erfolgreich wachsen mit Sonne, 12.03.10 } | | { Erfolgreich mit Erneuerbaren, 04.02.10 } | | { Erneuerbare brauchen Speicher, 30.11.09 } | | { Die Schweiz tut sich schwer, 16.10.09 } | | { Den Stromhunger reduzieren, 16.07.09 } | | { Erneuerbare brauchen Google, 22.06.09 } | | { Der Energiemix der Zukunft, 08.06.09 } |
Yvonne von Hunnius: Aber bei Ihnen ging es um Konsens und nicht um prinzipielle Machbarkeit... Tony Kaiser: Ja, der Energie Trialog Schweiz wollte verstehen, wie weit der Konsens über die Energiezukunft der Schweiz in einer sehr heterogenen Gruppe geht. Und wir haben den Fokus darauf gelegt, das Effizienzpotenzial und das zu erwartende Potenzial erneuerbarer Schweizer Ressourcen zu verstehen. Yvonne von Hunnius: Mit anderen Worten, komplett ohne Energie-Import auszukommen? Tony Kaiser: So war unsere Übung angelegt. Wir haben zwar Stromimport diskutiert . Es gibt hier sicherlich einige Optionen, die näher betrachtet werden müssen. Beispielsweise wäre es möglich, in der Nordsee Strom aus Windkraft zu produzieren und lokal wieder zu verkaufen. Dafür jedoch näher an unserer Landesgrenze Strom zu beziehen, wo der Transportweg in die Schweiz kürzer ist. Der Energie Trialog hat aber keine Konsenslösung für den Import von Strom zur Deckung des zukünftigen Bedarts erarbeitet Yvonne von Hunnius: Macht allein die Einbeziehung der Möglichkeiten durch den gemeinsamen europäischen Energiemarkt die Machbarkeit der hundertprozentigen Versorgung durch Erneuerbare aus? Tony Kaiser: Es gibt noch weitere Stolpersteine in diesem Zusammenhang, die betrachtet werden müssen. Beispielsweise die Veränderungen im Rahmen der EU hinsichtlich der Verwendung von Stromleitungen. Privilegierte Nutzungen werden in Zukunft kaum mehr möglich sein, Nutzungsrechte müssen im freien Wettbewerb erworben werden. Somit wird der privilegierte Import von Strom schwieriger werden. Yvonne von Hunnius: Die Schweiz hat Tradition als Stromschaltstelle – sollte sich die Schweiz nicht gerade in diesen Fragen möglichst stark engagieren statt sich auf sich zu beziehen? Tony Kaiser: Ja, das ist wichtig. Darum verhandelt das UVEK mit der EU. Und ABB ist als Schweizer Unternehmen beim Desertec-Projekt, das auch Nordafrika als Quelle für Sonnenenergie integrieren will, dabei. Die Schweiz hat Interesse daran, in den internationalen Rahmen eingebunden zu sein und ist es ja heute schon stark. Gerade unsere Speicherkapazitäten können einen entscheidenden Beitrag leisten. Yvonne von Hunnius: Aber sind die Ergebnisse der aktuellen Studien von PriceWaterhouseCoopers und dem European Climate Forum nicht trotz ihrer Schätzungen auch auf die Schweiz übertragbar? Tony Kaiser: In der Schweiz scheint keine südspanische Sonne und bläst kein Nordseewind. Und die Wasserkraft ist weitgehend ausgeschöpft. Auch die Biomasse für energetische Anwendungen ist begrenzt und soll die Nahrungsmittelproduktion nicht konkurrenzieren. Deshalb erachte ich es als unwahrscheinlich, dass die Schweiz in Zukunft ohne weitere Grosskraftwerke auskommen wird. Yvonne von Hunnius: Doch politisch will man sich nicht festlegen... Tony Kaiser: Was ich persönlich als äusserst unwahrscheinlich erachte, sind Kohlekraftwerke für die Schweiz. Ich denke aber, dass die Abstimmung über neue Kernkraftwerke in ein paar Jahren bezüglich der Standorte positiv ausfallen wird. Bezüglich der Nutzung von Gaskraftwerken bin ich der Meinung, dass die Politik das Effizienzpotenzial nicht beachtet. Denn hier kann im Bereich Heizen mit elektrischen Wärmepumpen 100 Prozent im Vergleich zur direkten Nutzung von Gas oder Oel an Effizienz gewonnen werden. Davor verschliesst die Politik die Augen. Zur Person: Tony Kaiser hat in Physikalischer Chemie promoviert. Seine berufliche Laufbahn begann im Entwicklungslabor der damaligen BBC in Baden. Nach 30 Jahren für BBC, ABB und ALSTOM im In- und Ausland, ist er heute bei ALSTOM (Schweiz) AG verantwortlich für die langfristigen Technologie-Programme im Kraftwerksbereich. Er ist zudem Präsident der CORE, der Eidgenössischen Energieforschungskommission und seit Frühjahr 2010 Geschäftsführer des Energie Trialog Schweiz.
|