Albin Kälin war der erste Manager weltweit, der das Konzept Cradle to Cradle – Von der Wiege zur Wiege – in einem kommerziellen Produkt umgesetzt hat. Dabei geht es um die Wiederverwertung der Materialien in immer neuen Kreisläufen. Nun will Kälin das Konzept in der Schweiz und Österreich sowie der Textilindustrie weltweit durchsetzen. Steffen Klatt: Sie haben früh das Konzept von Cradle to Cradle in der Schweiz aufgebaut und haben das Konzept vor allem in den Niederlanden weiterentwickelt. Jetzt sind Sie in die Schweiz zurückgekommen. Warum? Albin Kälin: Wir haben in den Niederlanden einige Beispiele für Cradle to Cradle entwickelt, auf die wir stolz sein können. Die Region zwischen Stuttgart, München Wien, Mailand und Lyon ist aber das industrielle Herz Europas. Diese Region haben wir bisher vernachlässigt, und das wollen wir ändern. Darum bin ich zurück in die Schweiz gekommen. Steffen Klatt: Warum sind gerade die Niederlande so offen gewesen für das Konzept von Cradle to Cradle? Albin Kälin: Die Niederländer haben den Film von Al Gore, Eine unbequeme Wahrheit, sehr offen aufgenommen. Sie haben gemerkt, dass ihr Land bei bestimmten Umweltszenarien einfach nicht mehr da ist. Sie haben bemerkt, dass sie etwas tun müssen. Ein Film eines Niederländers waste=food hat dann geholfen, das Konzept Cradle to Cradle bekanntzumachen. Wichtige Leute in den Niederlanden haben erkannt, dass dies eine Lösung sein kann. Steffen Klatt: Welche Chancen bietet Cradle to Cradle für Unternehmen, die sich dafür interessieren? Albin Kälin: Die Chancen sind auf den ersten Blick schwierig zu erkennen, weil es ein Denken in Kreisläufen erfordert. Man muss sehr früh in einem Prozess an das Ganze denken. Wenn man aber diese vermeintliche Komplexität überwunden hat, dann wird vieles einfacher. Insbesondere bei der Produktqualität und bei der Wirtschaftlichkeit kommt man zu beeindruckenden Ergebnissen. Steffen Klatt: Können Sie Beispiele nennen? Albin Kälin: In den Niederlanden bin ich sehr stark an ein Projekt Toilettenpapier beteiligt. Das ist ein Konsumprodukt, bei dem die Wirtschaftlichkeit nur sehr schwer zu erreichen ist. In diesem Produkt steckt aber viel Chemie, viele davon toxisch. Bei der Produktion von Toilettenpapier fällt wegen der kurzen Fasern viel Abfall an. Etwa ein Viertel der Produktion endet im Abfall. Dank Cradle to Cradle konnte die Qualität des Produktes und des vermeintlichen Abfalls dermassen verbessert werden, dass er heute weiterverkauft werden kann. Das Unternehmen verdient gut daran. Andere Beispiele im Textilbereich zeigen, dass gewisse Prozesse ganz überflüssig werden. Denn Denken in Kreisläufen führt zu Vereinfachungen der Prozessstruktur. Steffen Klatt: Für welche Branchen ist Cradle to Cradle interessant? Albin Kälin: Für alle Branchen. Das Beispiel Toilettenpapier zeigt, dass man auch in extrem preissensitiven Branchen damit Fortschritte machen kann. Wenn man Cradle to Cradle geschickt im Marketing platziert, kann man Marktanteile gewinnen. Das haben wir in den Niederlanden gesehen. Steffen Klatt: Was unterscheidet Cradle to Cradle von der klassischen Kreislaufwirtschaft, also der Abfallverwertung? Albin Kälin: Cradle to Cradle geht viel weiter. Es geht nicht um ein Abfallmanagement, sondern um ein Nährstoffmanagement. Die Nährstoffe werden am Anfang des Designprozesses so ausgewählt, dass sie einen positiven Einfluss auf biologische oder technische Systeme haben. Der Kreislauf soll geschlossen sein, so dass die Nährstoffe ihre Qualität nicht verlieren und damit in mehreren Produkten hintereinander eingesetzt werden können. Sie erhalten damit gleichsam mehrere Leben. Steffen Klatt: Es geht also um eine ständige Wiederverwertung der immer gleichen Nährstoffe? Albin Kälin: Korrekt. Steffen Klatt: Wie ist das erste Echo auf Ihren Versuch, Cradle to Cradle in der Schweiz einzuführen? Albin Kälin: Wir sind fast überwältigt worden. Das Interesse der Medien war gross. Es gab einen Bericht im Schweizer Fernsehen und einem im NZZ Folio. Die Architekturzeitschrift Modulor hat eine ganze Ausgabe dem Konzept Cradle to Cradle gewidmet. Die Öbu, die Organisation ökologisch orientierter Unternehmen, hat an ihrer Jahrestagung vergangenes Jahr Michael Braungart vorgestellt, einen der beiden Väter des Konzepts. Dieses Jahr hat sie bereits einen Workshop zum Thema angeboten; im Juni folgt ein zweiter. Steffen Klatt: Gibt es bereits Schweizer Unternehmen, die sich dafür interessieren, Cradle to Cradle auch umzusetzen? Albin Kälin: Es laufen in der Schweiz bereits einige Projekte, die wir seit Anfang Jahr begonnen haben. Wir haben bei EPEA Switzerland bereits ein Team von zwölf Leuten für die Schweiz und Österreich sowie die Textilindustrie weltweit. Anfang Mai fand der erste Cradle to Cradle-Kongress in Österreich statt. Steffen Klatt: Sie bearbeiten gleichzeitig die Schweiz und Österreich. Stehen die beiden Nachbarn nicht auch im Wettbewerb miteinander? Albin Kälin: Es sind beides Alpenländer. Gemeinsam mit Süddeutschland, Oberitalien und Lyon bilden sie einen enorm dynamischen Wirtschaftsraum. Viele innovative Unternehmen arbeiten hier in Lieferketten eng miteinander zusammen. Das Potential ist sehr gross. Ich spüre eher eine Zusammenarbeit als einen Wettbewerb zwischen der Schweiz und Österreich. Steffen Klatt: Wie ist Cradle to Cradle organisiert? Was passiert, wenn ich als Unternehmer zu ihnen komme und mich für das Konzept interessiere? Albin Kälin: Es gibt einerseits Projekte, die das Ziel haben, mit Cradle to Cradle die eigenen Produkte zu optimieren und damit Innovation zu betreiben. Es gibt aber auch Firmen, die nur zertifizieren wollen. Diese Zertifizierung gibt es in Basic, Silber, Gold und Platin. Die Unternehmen entscheiden selber, ob sie sich zertifizieren lassen wollen. Steffen Klatt: Was kostet eine Zertifizierung? Albin Kälin: Die Kostenstruktur ist transparent und für alle gleich. Der grosse Teil der Kosten entsteht bei der Materialbewertung, die relativ komplex ist. Denn die gesamte Chemie eines Produkts muss angeschaut werden. Je komplexer die Inhaltsstoffe zusammengesetzt sind, desto teurer wird die Zertifizierung. Steffen Klatt: Wird eines Tages die gesamte Produktion auf Cradle to Cradle umgestellt sein? Albin Kälin: Ob die ganze Schweiz eines Tages nach diesem Modell arbeiten muss, habe ich mir noch gar nicht überlegt. Am Beispiel der Niederlande sieht man, dass es ein langer Prozess ist. Unser Ziel ist es eher, dass die Schweiz zusammen mit anderen Ländern im Alpenraum hilft, dieses Konzept umzusetzen. Dabei geht es etwa um Infrastruktur, Architektur, Facility Management, es geht um die Industrie. Für die Schweiz ist die Abfallwirtschaft ein grosses Thema. Heute wird eigentlich alles verbrannt, ausser Aluminium, Pet-Flaschen, Glas und Papier. Das entspricht natürlich nicht der Philosophie von Cradle to Cradle. Es würde ein grosses Umdenken erfordern, das umzustellen. Zur Person: Albin Kälin, Textilkaufmann, hat als Chef von Rohner Textil in Heerbrugg im St. Galler Rheintal in den 90er Jahren mit der Produktlinie Climatex die ersten Produkte nach dem Standard Cradle to Cradle entwickelt. 2005 wurde er von Michael Braungart, einem der beiden Väter des Standards, zum Geschäftsführer von EPEA Internationale Umweltforschung in Hamburg ernannt. Dabei hat Kälin vor allem in den Niederlanden mitgeholfen, Produkte nach dem Standard Cradle to Cradle zu lancieren. Seit Anfang 2010 will er mit EPEA Switzerland den Standard auch in der Schweiz, Österreich und der Textilindustrie weltweit durchsetzen.
|