Wenn Eingriffe in Ökosysteme zu Katastrophen führen, die nicht sofort behoben werden können, müssen sie verboten werden, sagt Antje Boetius. Die Tiefsee macht 63 Prozent des Planeten aus. Die Menschheit darf in ihrer Gier nach Öl und anderen Ressourcen nicht so achtlos mit ihr umgehen, wie sie das bisher tut. Es braucht ein Umdenken. Claudia Kohlus: Wissen wir denn schon genug über die Tiefsee, um in ihr die Bodenschätze abzubauen? Antje Boetius: Das Problem des Deepwater Horizon Unfalls zeigt vor allem ein Problem der Entscheidungsfindung. Die Erschliessung von Rohstoffen oder der Lagerraum im Meer ohne eine Risikobewertung und ohne die notwendige Technologie zum Eingriff bei Unfällen sollte nicht genehmigt werden. Claudia Kohlus: Mittlerweile ist das Öl in tiefere Schichten abgesunken. War der Einsatz der Chemikalien zur Eindämmung der Ölkatastrophe auf der Wasseroberfläche falsch? Antje Boetius: Die grosse Ölfahne in den tieferen Wasserschichten ist keine Konsequenz des Chemikalieneinsatzes, sie hat sich vielmehr früh entwickelt. Für die Ökosysteme sind die Folgen leider noch schwer abzuschätzen. Die erste Sorge ist natürlich die tödliche Bedrohung von Vögeln, Meeressäugern und Fischen durch einen Ölfilm an der Meeresoberfläche. Wenn das derzeit noch weitgehend in der Tiefe befindliche Öl an die Küstengebiete oder gar in den Golfstrom treibt, werden riesige Flächen verschmutzt. Zudem kann die Dispersion mittels Chemikalien langfristig wahrscheinlich auch unangenehme Konsequenzen haben. Das Öl verschwindet ja nicht einfach. Es wird fein verteilt dem mikrobiellen Abbau unter Verbrauch von Sauerstoff ausgesetzt. Das kann zu weiträumigem Sauerstoffmangel in den Küstengebieten und in der Wassersäule führen. Und auch die Chemikalien sind eine zusätzliche Belastung und werden zu Sauerstoffzehrung führen. Der mittel- und langfristige Effekt von fein dispergiertem Öl und Chemikalien auf die Nahrungsnetze und die Meereshabitate ist weitgehend unbekannt. Nur weil wir das Öl nicht mehr sehen, heisst es also nicht, dass nicht weiterhin langfristige Schäden für die Umwelt und lokale Wirtschaft in Louisiana befürchtet werden müssen. Claudia Kohlus: Hätte es Alternativen zu den Chemikalien gegeben? Antje Boetius: Vermutlich nichts, was kurzfristig die Vogelwelt hätte schützen können. Die grosse Hoffnung ist natürlich immer noch, dass es gelingt, das Leck zu schliessen. Ich habe mich gefragt, ob nicht ein gasdurchlässiges Zelt über den Öllecks hätte helfen können. Denn das kleinere Übel wäre, das Öl am Aufsteigen zu hindern und am Meeresboden der Tiefsee zu belassen. Übrigens gibt es viele Tiefseeökosysteme im Golf von Mexiko, die auf natürlichen Öl und Asphaltquellen wachsen. Deren Ansiedlung könnte aber sehr lange dauern. Daher ist es schwer abzuschätzen ob a) technologisch und b) ökologisch ein Lagern des Öls in der Tiefsee machbar wäre. Das Öl ist nämlich durch seinen hohen Gasgehalt sehr leicht, und der Gasdruck müsste entweichen, damit das Öl kalt und schwer genug wird, um am Boden zu bleiben. Am Boden könnte es dann langsam von anaeroben ölfressenden Bakterien umgesetzt werden. Das würde die Probleme mit der Sauerstoffzehrung begrenzen. Claudia Kohlus: Wie viel menschliche Eingriffe erträgt das Meer? Antje Boetius: Das ist schwer hochzurechnen. 63 Prozent des Planeten ist Tiefsee, ein riesiger Raum mit einer unglaublichen Vielfalt des Lebens, von der wir nur einen winzigen Teil - weit unter einem Prozent - kennen. Leider ist es so, dass viele der Tiefseelebewesen regional begrenzt vorkommen. Daher kann schon ein einziger Unfall zum Verlust von Arten führen. Natürlich sind dem Menschen kleine Tiefseewürmchen weniger wichtig als Vögel oder Wale. Aber wer einmal die Vielfalt und hohe Anpassungsfähigkeit der Tiefseelebewesen an extreme Bedingungen gesehen hat, bekommt Respekt vor diesem Lebensraum. So ist es für mich ein Ärgernis, zum Beispiel in der Tiefsee des Mittelmeeres allen 100 Metern einer Mülltüte zu begegnen – es ist nicht nur unästhetisch sondern, auch ethisch verwerflich, so mit der Umwelt umzugehen. Mülltüten am Tiefseeboden sammeln sich für immer an und verschwinden nie mehr. Claudia Kohlus: Welche Auswirkungen hat es, wenn wir die Tiefsee kaputt machen? Antje Boetius: Der Mensch hat jetzt schon den Lebensraum Tiefsee vor allem durch die Überfischung der Weltmeere verändert, denn das hatte Konsequenzen für die Nahrungsnetze bis in die Tiefe. Die nächsten Bedrohungen sind die Erwärmung und Versauerung der Meere. Auch das sommerliche Abschmelzen des arktischen Meereises wird einen ganzen Ozean nachhaltig verändern. Wir können die langfristigen Konsequenzen für die globalen Prozesse und die Vielfalt des Lebens nur schwer abschätzen. Aber sicherlich werden unsere Kinder und Kindeskinder uns zur Rede stellen, warum wir so viele Arten und Habitate verloren haben, bevor sie entdeckt und beschrieben werden konnten. Claudia Kohlus: Muss bei der Gier nach Öl ein Umdenken stattfinden? Antje Boetius: Das wäre wünschenswert. Es hängt aber am Ende am einzelnen Bürger, sich für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Erde und dem Ozean zu entscheiden. Da muss man bei sich selber, dem direkten Umfeld und der gesellschaftlichen und politischen Vertretung anfangen. Strom kommt eben nicht einfach so aus der Steckdose. Am Ende bestimmt aber zumindest hier der Bürger, welchen Strom er kauft und welcher Partei er seine Stimme gibt. Claudia Kohlus: Über die Strömungen im Golf von Mexiko hat sich das Öl wahrscheinlich schon weiter ausgebreitet als bislang angenommen. An der Küste Floridas wurden bereits Ölklumpen entdeckt. Was bedeutet das für das Ausmass der Katastrophe? Antje Boetius: Das wird erst in einigen Jahren vollständig abzuschätzen sein. Wenn das Öl zum Boden der Tiefsee absinkt, werden wir wenig über die Konsequenzen erfahren, es sei denn, BP erklärt sich bereit, Nachfolgeforschung zu unterstützen. Wenn das Öl an die Küsten getrieben wird, werden lokal die Ökosysteme und damit die Küstenregionen lange an den Schäden zu tragen haben. Der Ölbohrunfall an IxToc in den 70er Jahren im Golf von Mexiko vor Texas beispielsweise hat die Artenvielfalt und den Tourismus regional für viele Jahre reduziert. Claudia Kohlus: Wie sieht es mit den Schäden an der Tier- und Pflanzenwelt aus? Antje Boetius: Über die Tiefseelebensräume wissen wir noch zu wenig, um dort den Schaden, zum Beispiel in Artenverlust oder Ökosystemfunktion, abzuschätzen. An den Küsten kann man die Erfahrungen vergangener Ölunfälle herbeiziehen. Gerade die Naturschutzzonen vor Louisiana sind extrem gefährdet - und damit viele besondere Tier- und Pflanzenpopulationen. Claudia Kohlus: ... sind die Korallenriffe in Gefahr? Antje Boetius: Wenn sich Öl auf den Korallen ablagert, sicherlich. Im Golf von Mexiko gibt es besondere Korallen-Ökosysteme, nicht nur geschützte Flachwasserkorallen, sondern auch Tiefseekorallenriffe. Wenn sich das Öl weiter nach Florida ausbreitet, könnten dort auch Schäden an Korallenriffen zu befürchten sein. Claudia Kohlus: Mit welchen Langzeitkonsequenzen müssen wir rechnen? Antje Boetius: Es kommt darauf an, wohin das Öl treibt und wie viel noch ausläuft. Langfristig wird eine Menge des Öls verdampfen oder als Teerklumpen begraben. Wo aber giftige Bestandteile ins Nahrungsnetz gelangen, sind sicher langfristige Schäden zu befürchten. Dadurch könnten auch seltene Arten, wie beispielsweise der Pelikan vor Louisiana, einige andere der dort brütenden Vögel oder auch Meeressäuger, noch stärker bedroht werden. Glücklicherweise wird eine Menge des Öls langfristig auch bakteriell abgebaut. Aber: wir haben noch wenig Erfahrung mit so grossen Massen und dem Effekt auf den Sauerstoffgehalt. Claudia Kohlus: Wie könnten solche Katastrophen in Zukunft verhindert werden? Antje Boetius: Eingriffe in Lebensräume, in denen Unfälle und Katastrophen aus technischen und logistischen Gründen nicht kurzfristig unter Kontrolle gebracht werden können, sollten verboten bleiben. Das muss für das Meer ebenso gelten wie an Land, zum Beispiel in den Polarregionen. Wichtig ist, dass die Rechtsprechung berücksichtigt, dass es dafür internationale Regelungen für international operierende Ölgesellschaften geben muss. Denn es nützt wenig, wenn sich Eingriffe in die Tiefsee nur einfach vom Golf von Mexiko nach Afrika oder die Arktis verlagern. Natürlich sind bei weiterhin exponentiellem Bevölkerungswachstum technische Entwicklungen und die Erschließung neuer Ressourcen notwendig. Es ist aber nicht einzusehen, warum extreme Umweltrisiken eingegangen werden - und es keine Risikoabschätzung und Begleitforschung dazu gibt. Zur Person: Prof. Dr. Antje Boetius ist Leiterin der Forschungsgruppe Mikrobielle Habitate und der HGF-MPG Brückengruppe für Tiefseeökologie und -Technologie am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Ausserdem ist sie Professorin für Geomikrobiologie und Geowissenschaften an der Universität Bremen. Ihre Forschungsschwerpunkte: Mikrobielle Ökologie der Tiefsee, Mariner Methankreislauf, Gashydrate, Geomikrobiologie und Globaler Kohlenstoff-Kreislauf. Für ihre Arbeit erhielt Antje Boetius zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft 2009, der mit bis zu 2,5 Millionen Euro höchstdotierte Förderpreis für Wissenschaftler in Deutschland.
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