Damit Menschen auch weiterhin Lust auf Solarenergie haben, muss sich die Architektur darum bemühen, Anlagen harmonisch in Gebäude zu integrieren. Denn unzählige Quadratmeter werden bald blau schimmern. An technischen Voraussetzungen hapert es nicht. Millionen von Fassaden und Dächern werden in den kommenden Jahren zu Kraftwerken und neue Gebäude wachsen gen Sonne. Thomas Stark, Professor für energieeffizientes Bauen an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) Konstanz sagt: „Die Solarisierung der Gebäude wird kommen, nun müssen wir in der Architektur uns darüber Gedanken machen, wie man mit den Flächen gestalterisch umgeht." Denn eines ist Architekturexperten mittlerweile klar: Wenn die Integration der Solarenergieelemente sich nicht harmonisch ins Stadt- und Landschaftsbild einfügt, kann die Bevölkerung schnell die Lust daran verlieren, zum Energieproduzenten zu werden. Das erste Symposium „Architektur und Solartechnik" der Bodensee-Alpenrhein-Energieregion (BAER) in Konstanz suchte nach Schnittmengen von Technik und Ästhetik. Verwandte Themen| { Minergie lohnt sich, 22.04.10 } | | { Solarinseln kommen aufs Dach, 29.03.10 } | | { Sonnige Aussichten, 15.02.10 } | | { Bauherren in der Pflicht, 12.01.10 } | | { Grüne Immobilien sind mehr wert, 05.10.09 } | | { Solarbranche spürt den Frühling, 23.09.09 } | | { Afrikas Sonne lacht für Europa, 10.07.09 } | | { 400 Milliarden für ein Sonnenbad, 16.06.09 } | | { Der Königsweg der Sanierung, 08.06.09 } | | { Die Ökostadt am Schwarzwald, 05.06.09 } |
Ertrag versus Ästhetik Problematisch könnten langfristig strikte Bauvorschriften werden, die Ost-West-Riegel zur Folge hätten – alle mit einer Dachneigung von 30 Grad, wie es für die Erzeugung von Solarenergie am günstigsten ist. In Solarsiedlungen angewandt, können so jedoch nicht alle Innenstädte gleichförmig gestaltet werden. Möglichst hohe Erträge stehen gestalterischen und städtebaulichen Gesichtspunkten gegenüber. Mehr Ästhetik kostet in zweierlei Hinsicht Geld. Zum einen benötige eine harmonische Einbindung einen grossen Mehraufwand bei der Planung, gibt Stark zu bedenken. Zum anderen macht die Schönheit eines Gebäudes vielleicht Kompromisse notwendig, die zulasten der Produktivität gehen. Franz Baumgartner, Professor für Erneuerbare Energien der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften Winterthur (ZHAW): „Bei Standardmodulen kann beispielsweise eine fünfprozentige Beschattung dazu führen, dass gleich 25 Prozent weniger Ertrag zu verzeichnen ist." Klar, dass somit lediglich nach rationalen Gesichtspunkten jeder Strahl ausgenutzt wird. Regionales Forschungsprojekt Die Bodensee-Alpenrhein-Energieregion (BAER) untersucht, inwieweit am Bodensee im Jahre 2050 eine Selbstversorgung durch erneuerbare Energien möglich ist. Das Projekt wurde durch die Internationale Bodenseehochschule (IBH) initiiert und wird mit Fördermitteln des EU-Regionalprogramms Interreg IV unterstützt. Zu diesem Thema rauchen die Köpfe der Wissenschaftler von fünf Hochschulen aus drei Ländern. Mit dabei sind die Hochschulstandorte Vaduz, Winterthur, St. Gallen, Rapperswil und Konstanz. Darmstädter Ideen machen weltweit Furore Doch mit frischen Ansätzen geht es auch schöner. Beste Beispiele dafür sind die Siegerprojekte des amerikanischen Solar Decathlon-Wettbewerbs, die in den Jahren 2007 und 2009 aus der Schmiede des Fachgebiets Architektur der Technischen Universität Darmstadt kamen. Unter strikten Kriterien haben Studenten jeweils ein Gebäude entwickelt, das unter ästhetischen und energetischen Gesichtspunkten die Konkurrenz geschlagen hat. Johanna Henrich war 2009 dabei und würde in den Preisträger am liebsten selbst einziehen: „Durch kleine Ideen konnten wir ein Powerhouse und gleichzeitig ein Haus mit Atmosphäre schaffen." Die komplette Fassade wurde mit Dünnschichtmodulen, das Flachdach mit kristallinen Modulen versehen. Auch, wenn der Winkel nicht im Sinne des Ertrags perfekt war, so hat man jede Fläche ausgenutzt und der Ästhetik gleichzeitig genüge getan. Doch hierbei handelt es sich um ein kostspieliges Konzeptauto, das noch weit davon entfernt ist, in Serie zu gehen. Intelligente Integration lohnt sich Ein Bau in Winterthur zeigt, dass bewohnbare Kraftwerke finanzierbar und harmonisch ins Stadtbild integriert werden können. Die preisgekrönte Wohnanlage „Eulachhof" entspricht Minergie-P-Standard und umfasst 136 Wohnungen, die sich für den Investor lohnten. Für Dietrich Schwarz, einen der verantwortlichen Architekten und Dozenten an der Hochschule Liechtenstein, ist die Aussenfassade aus Holz ein Grund für den Erfolg. Das natürliche Material relativiert die Gebäudeform, die sich konsequent an Prinzipien der Energieeffizienz orientiert. So ist in Winterthur kein schwerer Block, sondern ein integratives Element entstanden. Schwarz hat jedoch noch weitere Ideen, wie eine neue Sinnlichkeit in den architektonischen Umgang mit Energieeffizienz Einzug halten kann. Er war an der Erarbeitung einer Glasfassadenlösung beteiligt, die Dämmeigenschaften von stabilen Betonwänden besitzt. Sie speichert Sonnenenergie, gibt sie nachts wieder ab und sorgt dafür, dass eine bestimmte Innentemperatur nicht überschritten wird. „Die Fensterfronten passen sich durch Salze der Aussentemperatur an. Im Winter werden sie bei Sonneneinstrahlung transparent, während sie im Sommer milchig werden", sagt Schwarz. Somit bilden sie ein ästhetisches und kostensparendes Gestaltungselement. Gestalterische Perspektiven öffnen Die technische Entwicklung ist so weit, viel Raum für Kreativität zu bieten. Nicht nur Studienobjekte wie die Solar Decathlon-Sieger oder clevere Investitionsprojekte wie der Eulachhof beweisen das. Blickt man zur BMW-Welt in München, wofür das Konstanzer Unternehmen Sunways 220.000 Solarzellen geliefert hat, wird deutlich, was machbar ist. Hier wurde ein 8.000 Quadratmeter grosses Solarkraftwerk teils in ein wellenartiges Dach integriert. All das öffnet Perspektiven, die weit weg führen von Ost-West-Riegeln mit 30-Grad-Dächern. Bild: Das Gemeindezentrum Ludesch (Vorarlberg/Österreich) verbindet Holzarchitektur und intelligente Solartechnik miteinander. (Ludesch.at)
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