Ein wichtiges Bauvorhaben ohne Nachhaltigkeitsbeurteilung wird es in Zukunft kaum mehr geben. Bereits heute besteht eine Anzahl von einfachen Instrumenten zur Nachhaltigkeitsbeurteilung, darunter auch solche, die sich speziell für den Baubereich eignen. Eine Nachhaltigkeitsbeurteilung kann dazu dienen, Argumente für die Legitimierung eines Projekts und für die wirksame Kommunikation zu liefern. Sie analysiert Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken des Projekts.
Ganze 169 Jahre dauerte der Bau des Berner Münsters. Stein auf Stein wurde es aufgebaut. Die Erfahrung und das Wissen für die Konstruktion solcher Kathedralen wurden während Generationen überliefert. Zeit war selten ein limitierender Faktor. Dadurch wurden Bauten geschaffen die heute noch in ihrer ursprünglichen Pracht dastehen.
Heutzutage ist die Entwicklung bei der Planung, der Architektur, der Technologie und den Baumaterialien so rasant, dass es nicht mehr möglich ist, auf allen Gebieten ein Experte zu sein und über die nötige Erfahrung zu verfügen. Die Ansprüche der Gesellschaft sind gestiegen. Der Kostendruck ist hoch, es müssen Ressourcen eingespart werden, und immer neue Finanzierungsmodelle entstehen. Spezialkompetenzen, wie zum Beispiel im Energiemanagement, sind vermehrt gefragt. Planern und Bauherren fehlen oft Kenntnisse der gesellschaftlichen Aspekte am Baustandort.
Um Projektverantwortlichen dabei zu helfen, bei ihren vielfältigen Aufgaben den Durchblick zu wahren und den unterschiedlichen Ansprüchen gerecht zu werden, werden in der Schweiz seit rund zehn Jahren Methoden der Nachhaltigkeitsbeurteilung entwickelt. Diese ermöglichen es, innert kürzester Zeit die nachhaltigkeitsrelevanten Aspekte zu definieren – ein Ansatz der sich seither in vielen Bereichen bewährt hat. Verwandte Themen| { Praktischer Leitfaden, 26.04.10 } | | { Bauherren in der Pflicht, 12.01.10 } | | { Die Pioniere wollen wachsen, 22.11.09 } | | { In nachhaltige Gebäude investieren, 12.11.09 } | | { Nachhaltig einfacher gestalten, 29.10.09 } | | { Nachhaltigkeit hat Zukunft, 13.10.09 } | | { Grüne Immobilien sind mehr wert, 05.10.09 } | | { Nicht nur für Gutmenschen, 05.10.09 } | | { Banken belohnen Bauherren, 14.09.09 } | | { Swissbau: Nachhaltigkeitsfokus, 10.09.09 } | | { Nachhaltigkeit in der Krise!? , 03.09.09 } | | { Neue Kriterien veröffentlicht, 22.07.09 } | | { Nachhaltigkeit in den Chefetagen, 19.07.09 } | | { Städte brauchen Freiflächen, 25.06.09 } | | { Der Staat verschenkt grünes Geld, 19.06.09 } | | { Amerikas Städte werden attraktiv, 15.06.09 } | | { Die Ökostadt am Schwarzwald, 05.06.09 } |
Lag in den Anfängen der Fokus vor allem auf methodischen Fragen und weniger auf Lösungen, so hat sich die Nachhaltigkeitsbeurteilung in den vergangenen fünf Jahren vor allem auf bewährte, einfache Instrumente konzentriert. Dabei steht der Prozess im Mittelpunkt - in anderen Worten: Wer wendet die Instrumente an, wann, wie und wozu.
Nachhaltigkeitsbeurteilung umgesetzt
Eine gängige Definition der nachhaltigen Entwicklung lautet: «Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.» (World Commission on Environment and Development, 1987).
Diese Aussage ist sehr generalistisch und kann unmöglich direkt in ein konkretes Projekt umgesetzt werden. An dieser Stelle setzt die Nachhaltigkeitsbeurteilung an. Sie dient dazu, die nachhaltigkeitsrelevanten Aspekte zu analysieren. Gezielte Fragen und Kriterien ermöglichen es dem Beurteilenden, Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken des Projekts herauszuarbeiten, um es wirtschaftlich, sozial und ökologisch erfolgreich zu gestalten.
Bestehende Instrumente zur Nachhaltigkeitsbeurteilung
Im 2007 erschien ein Leitfaden zur Nachhaltigkeitsbeurteilung von Projekten, herausgegeben vom Bundesamt für Raumentwicklung ARE und entwickelt in Zusammenarbeit mit einer Erfahrungsgruppe aus Vertretern von Gemeinden und Kantonen. Der Leitfaden erklärt, worum es bei der Nachhaltigkeitsbeurteilung geht, gibt praktische Ratschläge, um das Vorgehen und die Wahl des geeigneten Instruments zu erleichtern und beinhaltet Faktenblätter zu den Beurteilungsinstrumenten. In der Schweiz existieren rund ein Dutzend geeignete und häufig verwendete Instrumente zur Nachhaltigkeitsbeurteilung. Die meisten davon sind allgemeiner Natur und können für jede Art von Projekt angewendet werden. Ein paar wenige – beispielsweise Albatros oder SNARC - wurden speziell für den Baubereich entwickelt.
Die gängigste Kategorie von Instrumenten basiert auf Analyse- und Bewertungsrastern. Instrumente dieser Art haben eine Informatikgrundlage, meistens im Excel-Format. Sie ermöglichen eine rasche, semiquantitative Bewertung der Wirkungen eines Projekts. Die Bewertung erfolgt anhand einer Liste von Kriterien, die sich auf die drei Säulen der nachhaltigen Entwicklung – Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft – sowie auf mögliche Zielbereiche beziehen. Die Resultate werden in Form eines Diagramms dargestellt und beleuchten die positiven und negativen Aspekte eines Projekts in Bezug auf die nachhaltige Entwickung.
Im Baubereich existieren vor allem Instrumente mit Schwerpunkt auf Energie oder Umwelt. Ein umfassendes Instrument ist Albatros, das sowohl die Wirtschaft, die Gesellschaft als auch die Umwelt in Betracht zieht, und das es Bauherren ermöglicht in der strategischen Planung die richtigen Optionen auszuwählen (beispielsweise zu vergleichen zwischen Renovation, Neubau am gleichen Ort oder Neubau an einem anderen Ort). Albatros wurde unter anderem für die Spitalplanung in der Region Riviera Chablais erfolgreich angewendet. Ein weiteres Beispiel für ein Instrument zur Nachhaltigkeitsbeurteilung ist Boussole 21 des Kantons Waadt. Das Tool ist Online abrufbar, benutzerfreundlich und kann für jede Art von Projekt angewendet werden. Vorerst ist es nur auf Französisch erhältlich, die deutsche Version soll jedoch noch diesen Frühling aufgeschaltet werden. Eine Beurteilung mit einem Instrument dieser Art benötigt durchschnittlich eine zweistündige Sitzung.
Im Team erfolgreich
Um den besten Nutzen mit minimalem Aufwand zu erreichen, ist das «Wie» fast wichtiger als das Instrument selber. Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine Nachhaltigkeitsbeurteilung (NHB) immer im Team geschehen soll. Die Projektleitung muss natürlich mit von der Partie sein, da sie über alle Details zum Projekt verfügt und gute Ideen sofort aufnehmen kann. Ebenfalls dabei sein sollte auch je eine Person mit Kompetenzen in der Wirtschaft, der Umwelt und der Gesellschaft. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist eine professionell geleitete Sitzung, und es ist empfehlenswert ein Protokoll zu führen, da die Interessantesten Resultate aus den Diskussionen entstehen und nicht in der Kriterienbewertung.
Meistens sind es die Projektträger selber, die sich für eine NHB entschliessen. Vermehrt fragen jedoch auch Entscheidungsträger danach. In Luzern wurde während des Mitwirkungsprozesses zum neuen städtischen Raumentwicklungskonzept sogar von der Bevölkerung eine Nachhaltigkeitsbeurteilung verlangt. Die Stadt konnte mithilfe der NHB die verschiedenen Auswirkungen des Projekts auf einfache Weise darstellen und entschied, im nächsten Prozessschritt, der Bauzonenänderung, wieder eine NHB durchzuführen.
Was meinen Anwender, wenn man sie zum Nutzen der Nachhaltigkeitsbeurteilung befragt? «Wir konnten nicht nur die Schwächen unseres Projekts sehr früh erkennen, sondern auch dessen Stärken»; «Wir konnten Verbesserungen zum richtigen Zeitpunkt und ohne zeitliche Verschiebungen einbringen»; «Die NHB half uns, Argumente für die Legitimierung eines Projekts zu liefern und diese wirksam zu kommunizieren».
Heute Vorreiter, Morgen Standard
Das Thema Nachhaltigkeitsbeurteilung ist brandaktuell. Neue kantonale und kommunale Richtpläne werden einer NHB unterzogen; Mitarbeitende von grossen Totalunternehmern besuchen Weiterbildungen zum Thema und entwickeln eigene Methoden, um Risiken zu vermindern, die langfristige Wirtschaftlichkeit zu sichern und Investoren zu überzeugen; Architektur- und Planungsbüros machen ersten Erfahrungen mit der NHB, um den geänderten Anforderungen der öffentlichen Auftraggeber gerecht werden können. Energiekonzerne integrieren Nachhaltigkeitsbeurteilungen in ihren Vorstudien, wie es beispielsweise die Forces motrices valaisannes, die Services Industriels de la Ville de Lausanne und Romande Energie in Bezug auf ein neu geplantes Wasserkraftwerk in der Rhône tun. Diese Unternehmen gehören heute zu den Vorreitern. Das Thema wird jedoch bereits in Hochschulen unterrichtet, und Morgen wird es kein grösseres Projekt ohne Nachhaltigkeitsbeurteilung mehr geben.
Zum Autor: Marc Münster | Dipl. Geologe, Nachdiplom EPFL in Umweltmanagement. Kurs- und Projektleitung. Mitglied der Geschäftsleitung und Bereichsleiter «zukunftsfähiges gemeinwesen» bei sanu | bildung für nachhaltige entwicklung in Biel. Marc Münster hat mehrere Nachhaltigkeitsinstrumente mitentwickelt und Beurteilungen durchgeführt. Er begleitet die Schweizerische Erfahrungsaustauschgruppe «Nachhaltigkeitsbeurteilunglokal» des Amts für Raumentwicklung ARE, und ist Ko-Autor des Leitfadens «Nachhaltigkeitsbeurteilung von Projekten auf der Ebene der Kantone und Gemeinden». Er unterrichtet seit 2005 zu diesem Thema bei sanu sowie verschiedenen Fachochschulen und Universitäten.
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Seminar: Nachhaltigkeit von Projekten beurteilen 15.-16. April 2010 und 25.-26. November 2010 Information und Anmeldung: sanu
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