Wanderstiefel statt Flugmeilen

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, St. Gallen 19.05.10
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Familien sind in Jugendherbergen Premiumkunden. Ihnen wird mancherorts jeder Wunsch von den Augen abgelesen. Sie legen auf lokales Essen wert, sparen Flugmeilen aus CO2-Gründen - und die Kinder kommen später als Rucksacktouristen mit Laptop wieder. 

In der Jugendherberge Rotschuo in Gersau übernachten seit 1929 Wanderer am Ufer des Vierwaldstättersees. Heute mehr denn je. Mit einem Unterschied: Heutzutage sind besonders viele Alleinerziehende aus Schweizer Städten dabei. Sogar aus dem 30 Kilometer entfernten Luzern entscheiden sie sich zu einem Erholungstrip nach Gersau. Leiter Daniel Angst: „Oder der eine Elternteil muss arbeiten, während der andere für ein paar Tage mit den Kindern zu uns fährt.“ Bei Eseln, Kinderecke, Spielplatz, Kanus und Internetzugang fühlen sie sich gut aufgehoben. Und das sollen sie auch: Schweizer Familien sind die Hauptzielgruppe der Herbergen. Nicht selten kocht die Küche mit ökologisch einwandfreien Zutaten aus der Region, es wird mit alternativen Energien geheizt und das Steinbock-Label für Nachhaltigkeit prangt neben der Eingangstür. Nachhaltiger Tourismus hat auch zur Folge, dass Gäste Engagement mit Treue belohnen. 

Innovativ gesundgeschrumpft

Da jeder in der Krise den Gürtel enger schnallt, können die Schweizer Jugendherbergen durch die Budgetpreise ab 30 Franken pro Nacht und Person profitieren. Kinder übernachten bis zwei Jahren meist gratis, bis sechs Jahre für die Hälfte. Die Herbergen haben sich in den vergangenen zehn Jahren aus ihrer eigenen Krise herausgeholt. Für 2009 kommen sie mit 980.000 Nächtigungen in 56 Häusern auf mehr Nächtigungen als 1998 mit 70 Häusern. Aber auch heute reagiere man auf sich verändernde Bedingungen, sagt der Sprecher der Schweizer Jugendherbergen Tobias Tuth: „Schulklassen fallen vermehrt weg, denn die Budgets der Schulen werden kleiner und Maturareisen gehen oft ins Ausland. Zudem ist gerade jetzt zu spüren, dass ausländische Rucksacktouristen seltener kommen. Das müssen wir durch Nahmärkte und Familien kompensieren.“ Achterzimmer sind in den neuen Jugendherbergen so gut wie ganz verschwunden.

Öko- und budget-bewusste Familien

Bald gibt es eine Kooperation mit dem Ikea-Kundenclub Ikea Family, mit der Versicherungsgesellschaft CSS bietet man Familienurlaube zum Thema Wasser an. Während Mitglieder Vorteile bei der Autovermietung Avis geniessen, wird an einer Partnerschaft mit der SBB noch getüftelt. Ein kleiner Bruch mit dem umweltfreundlichen Konzept, denn bis Ende dieses Jahres will man alle Jugendherbergen mit dem Nachhaltigkeitszertifikat „Steinbock“ zertifiziert wissen. Künftig könnte die Anzahl der Steinböcke als Orientierungsmerkmal gleich der Hotelsterne fungieren. Für ökologisch-bewusste Familien ein wichtiges Argument. Lena Hubert, Sprecherin des Steinbock-Labels aus Chur: „Mit ihrem neuen Konzept sind die Jugendherbergen neben Ökohotels für uns ein spannender Partner.“ Und die Jugendherberge in Scuol ist im Frühjahr diesen Jahres sogar mit fünf Steinböcken, der höchsten zu erreichenden Anzahl, ausgezeichnet worden. Ein Grund dafür war der Neubau im Minergie-Eco-Standard. Und die eidgenössischen Familien honorieren das Engagement: Im letzten Jahr kamen 3,5 Prozent mehr Schweizer. 20 Prozent der Gäste sind Familien und das Durchschnittsalter liegt inzwischen bei 30 Jahren.

Heute Familie, morgen Flashpacker

Warum diese Zielgruppe so beliebt ist, liegt auf der Hand: Familien sind treu, wenn sie einen reibungslosen und unkomplizierten Urlaub hatten, der die Ökobilanz und Frankenbilanz nicht verschlechtert. Und später kommen die Kinder als Rucksacktouristen wieder. Dann sind sie die sogenannten „Flashpacker“: junge Urlauber, die mit Laptop und Reisehandtuch unterwegs sind. Der Leiter des Forschungsinstituts für Freizeit und Tourismus an der Universität Bern, Hansruedi Müller, formuliert es so: „Es gibt immer mehr Touristen, für die das Unterwegssein zentrales Reisemotiv ist. Zudem hat die neuste Trendstudie von Schweiz Tourismus durch das Gottlieb Duttweiler Institut ergeben, dass Wandern immer populärer wird.“ Familien bleiben bei der Herberge, um zu wandern, die Flashpacker wandern von einer zur nächsten. Und das ist nicht altmodisch, sondern topmodern.

Bild: Auch die Jugendherberge Schaffhausen ist Steinbock-zertifiziert. (Schweizer Jugendherbergen)

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