Gefährliche Ölpest unter Wasser

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Geschrieben von: John Dyer, Boston 18.05.10
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Die Ölpest im Golf von Mexiko hat bisher wenig Schaden an der US-Küste angerichtet. Die eigentliche Gefahr liege unter Wasser, warnen Experten. Die eingesetzten Mittel lassen das Öl absinken. Auf dem Meeresgrund richtet es schwere Schäden an.

Die auf der Wasseroberfläche sichtbare Ölpest im Golf von Mexiko könnte sich als nicht mehr als die Spitze eines Eisbergs entpuppen, haben Untersuchungen des Umweltschadens unter Wasser ergeben. Die etwa 800.000 Liter Rohöl, die täglich aus dem Bohrloch der vor Wochen explodierten und versunkenen Ölplattform Deepwater Horizon strömen, kommen nicht alle an die Oberfläche. Grosse Teile davon bleiben dicht am Meeresgrund und kriechen langsam auf die empfindlichen Korallenriffe vor der Küste Louisianas zu. Zum Teil ist das auf den Einsatz chemischer Mittel zurückzuführen, mit denen das Öl gebunden werden sollte, um eine Verschmutzung der US-Strände am Gold von Mexiko zu verhindern.

Ölwolken über dem Meeresboden

Ganze Ölwolken mit einem Ausmass von 600 Quadratkilometern schweben dicht über dem Meeresboden vor der Küste des US-Bundesstaates Louisiana. Einige sind bis zu hundert Metern dick und befinden sich in Tiefen von 1500 Metern. Das haben Wissenschaftler des National Institute for Undersea Science and Technology an der Universität Mississippi herausgefunden, wie Direktor Raymond Highsmith mitteilte. Er leitet die Wissenschaftlergruppe, die die Umweltauswirkungen untersucht. Die Arbeiten gestalten sich schwierig, vor allem, weil Plattform-Betreiber BP während der Arbeiten zum Schliessen des Öllecks keine Videoaufnahmen der Wissenschaftler im Havarie-Bereich zulassen will. „In dieser Tiefe ist es ohnehin schwerer, zu arbeiten, als an der Oberfläche", meint Highsmith.

Riffe in Gefahr - bis nach Florida

Das Öl über dem Meeresboden breitet sich aus und gefährdet inzwischen das Pinnacles genannte Riff vor der Küste von Louisiana, etwa 50 Kilometer nördlich der Unglückstelle. Dort war die Plattform nach einer Explosion, bei der elf Arbeiter getötet worden, zerborsten und bis auf 1800 Meter Tiefe abgesunken.

Die Unterwasser-Ölpest könnte zur schwersten Umweltkatastrophe in der Geschichte der USA werden. Breitet sich die Verschmutzung so schnell aus wie bisher, so könnte sie bald die Florida Keys erreichen, die Inselkette am Südende der Halbinsel von Florida. Dort befindet sich das drittgrösste Korallenriff der Welt. Die Strecke vom Unfallort im Meer vor New Orleans bis zu den Keys beträgt rund 800 Kilometer. Von dort aus könnten die Atlantikströmungen die Verschmutzung nach Norden bis nach North Carolina treiben und dann in den offenen Atlantik hinaus.

„Anfangs machten wir uns Sorgen um Tiere an der Meeresoberfläche, wie Schildröten oder Wale und Delfine", sagte Meeresbiologe Paul Montagna von der A&M-Universität im texanischen Corpus Christi. „Jetzt fürchten wir auch um alles andere."

Mehrere Lagen übereinander

Die neu erkannte Gefahr geht ironischerweise zum guten Teil auf die anfänglichen Bemühungen zurück, die Umweltschäden in Küstennähe und an den Stränden möglichst gering zu halten. Öl-Multi BP hat bisher rund zwei Millionen Liter Chemikalien über dem an der Meeresoberfläche sichtbaren Ölteppich abgesprüht. Damit sollte das Öl gebunden werden. Das geschah auch. Die empfindlichen Küstenregionen sind deshalb auch weitgehend von Verschmutzung verschont geblieben. Nun weiß man aber, dass das verdickte und verklumpte Rohöl nicht mehr schwimmt sondern absinkt und dabei offenbar frisch ausgetretenes Öl an sich bindet und dann gewaltige Ölwolken in der Tiefe formt. Mit allen Gefahren für das Leben am Meeresboden.

Professorin Samantha Joyce von der Universität Georgia erklärt diese Gefahr. Das Öl hat in den tieferen Wasserschichten zu einem, starken Abfall des Sauerstoffgehalts geführt. „Es gibt eine enorme Menge Öl in mehreren Lagen, teilweise drei bis fünf übereinander", erläutert Joyce. „Wenn das so bleibt, dann kann der Sauerstoffgehalt in ein paar Monaten so stark absinken, dass die Tierwelt gefährdet ist. Es ist alarmierend."

BP bleibt verantwortlich

Ab Montag wurden im US-Kongress die Anhörungen der Verantwortlichen mit dem Chef von BP-USA, Lamar McKay an der Spitze, fortgesetzt. Die Kongressmitglieder haben wie auch US-Präsident Barack Obama BP heftig kritisiert. BP wiederum hat versucht, die Schuld auf den Eigner der gemieteten Plattform, die Firma Transocean mit Sitz in der Schweiz, abzuwälzen. Obama hat aber klar gemacht, dass er BP nicht aus der Verantwortung lassen will.

„BP steckt angesichts der Gefahr unter Wasser den Kopf in den Sand", kritisiert der demokratische Kongressmann Edward Markey aus Massachusetts. Zwischenzeitlich hat BP erste kleine Erfolg beim Absaugen von Öl aus der Tiefe gemeldet. Durch einen 1800 Meter langen Schlauch wird Öl in ein Tankschiff gepumpt, das mitkommende Erdgas wird abgefackelt, wie BP-Vizepräsident Kent Wells in Houston (Texas) mitteilte.

 

Bild: Einsatzkräfte im Kampf gegen die Ölpest, Golf von Mexiko (BP).

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